Natur + Grün  

 

Straßen- und Parkbäume

Praxis der Seidenproduktion


Seidenproduktion im Nebenerwerb
Abbildung: aus dem Ausstellungskatalog "Am seidenen Faden"


Weiße Maulbeerbäume wurden und werden auch heute noch zur Produktion von Seide benötigt. Die Raupe des Seidenspinners (Bombyx mori) frisst ausschließlich die Blätter dieses Baumes und spinnt sich dann in einen Kokon aus Seidenfäden ein, welche anschließend für die Seidenproduktion abgehaspelt werden.

Zur damaligen Zeit wurden die Eier des Seidenspinners in kleinen Papierschachteln auf Holzregalen mit luftigem Boden aus Schilfrohr ausgelegt, die in nicht genutzten Räumen des Hauses untergebracht waren. Eine Packung enthielt etwa 15.000 Eier. Die Aufzucht von 2 bis 3 Packungen erwies sich im Nebenerwerb als optimal. Für das Auslegen wurden etwa 2 m² benötigt und vor der Spinnerphase stiegt der Flächenbedarf auf etwa 20 m² an. Aus den Eiern schlüpften die Raupen, von denen jede bis zu ihrer Verpuppung ca. 35 g Blätter vertilgte; das entsprach einer Menge von rd. 500 kg Maulbeerlaub für eine Packung Eier. Gewonnen wurden so 45 bis 50 Pfund Kokons, die etwa 5 Pfund Seide ergaben.

Ende Mai/Anfang Juni, zum Zeitpunkt des Laubaustriebs der Maulbeerbäume, wurden die Eier einer Temperatur von 25°C ausgesetzt, was dann einige Tage später zum Schlüpfen der Raupen führte. Es wurde bis zu fünf mal am Tag gefüttert, mit zunehmendem Alter der Raupen weniger. Alle fünf bis sechs Tage häuteten sich die Raupen und legten dabei eine Fresspause von 24 bis 48 Stunden ein. Vor der Häutung mussten die Holzregale gereinigt werden. Dazu wurden die Raupen mit frischem Laub auf eine neue Unterlage - meist Papierbögen (heute sind es Netze) - gelockt, während die alten Unterlagen entfernt werden konnten. Dabei wurden kranke Tiere aussortiert. Insgesamt häuteten sich die Raupen viermal, bevor sie in die kleinen Spinnhütten (Reisig, kleine Zweige oder Strohbündel) zum Verpuppen gebracht wurden. Zwischen Schlüpfen und Verpuppen lagen etwa 25 Tage. In dieser Zeit musste die Temperatur konstant gehalten werden. Ferner waren die Tiere vor Zugluft und Gerüchen zu schützen und etwa alle fünf Tage umzubetten. In der Regel wurde während dieser arbeitsintensiven Zeit die ganze Familie eingespannt. Die Kokonbildung dauerte eine Woche, so dass insgesamt etwa 32 Tage mit jeweils etwa vier Arbeitsstunden pro Tag erforderlich waren.

Die fertigen Kokons wurden eingesammelt und vor dem Schlüpfen der Falter an Haspeleien (Seidenspinnereien) geliefert. Hier erfolgte das Einweichen der Kokons in heißem Wasser, wodurch die Puppen getötet und der Seidenleim gelöst wurde. Ein Kokon bestand etwa aus 3000 m Seide, wovon aber nur 500 bis 900 m verwendet werden konnten. Ein Webfaden für ein feines Tuch ausgesuchter Qualität bestand aus drei bis sieben dieser Seidenfäden. Socken, gröbere Materialien und Nähseide wurden dagegen aus den Resten hergestellt.

Literatur:
Heimatverein Zehlendorf, Am Seidenen Faden Katalog zur Ausstellung
Vieth, Harald Bemerkenswerte Bäume in Berlin und Potsdam

Stellagen
Stellagen für die Raupen

Holzgestell zur Verpuppung der Raupen
Verpuppung der Raupen

Seidenhaspel
Seidenhaspel

Seidenkokons
Seidenkokons

Abbildungen: aus dem
Ausstellungskatalog
"Am seidenen Faden"