Berlins Industriegeschichte - Berlin erfindet sich immer wieder neu

Berlins Industrie gestern und heute
Bild: davis - fotolia & Franz Mattuschka

Historie der Berliner Industrie

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich Berlin zum größten Industriezentrum Deutschlands entwickelt. Träger dieser Entwicklung waren vor allem der Maschinenbau (Borsig) und die Elektroindustrie (Siemens & Halske und AEG).

Von dem Industrialisierungsboom der Stadt begünstigt, wuchsen auch die Bereiche Bauwirtschaft, Nahrungsmittel und Bekleidung zu bedeutenden Industriesektoren heran.

Auch nach dem 1. Weltkrieg konnte Berlin seine Vormachtstellung als Industriestandort behaupten: 1936 zählte die Stadt 574.000 Beschäftigte im Produzierenden Gewerbe – in absoluten Zahlen mehr als in ganz Württemberg, Baden oder Thüringen. Bezüglich der Produktlinien der angesiedelten Industrieunternehmen gab es eine Know-how-lastige Konzentration.

Nach dem 2. Weltkrieg lag die Berliner Industrie am Boden: Lediglich 25% der maschinellen Kapazitäten waren nicht zerstört oder demontiert. Die ersten Nachkriegsjahre waren geprägt durch die Abwanderung von Industrieunternehmen oder die Verlagerung von wesentlichen Betriebsabteilungen in den Westen Deutschlands. Dieser Trend hatte zur Folge, dass es 1950 nur noch 150.000 Industriebeschäftigte im Westteil der Stadt gab. Durch Subventionen konnte dieser Trend umgekehrt werden, so dass die Zahl der Beschäftigten bis 1961 auf den Höchststand von 315.000 anstieg.

Berlin von 1961 – 1989

Mit dem Bau der Mauer setzte sich dann trotz steigender Subventionen der Abbau von Arbeitsplätzen fort. Insbesondere im Zeitraum von 1976 bis 1983 gingen die Beschäftigtenzahlen in der für Berlin wichtigen Elektroindustrie im Vergleich zum gesamten Deutschland stark zurück.

In West-Berlin verlagerten nach dem Mauerbau weitere Großunternehmen ihre Hauptverwaltungen, Forschungs- und Entwicklungsabteilungen an andere Standorte in der Bundesrepublik Deutschland. Kapitalinvestitionen und Innovationen wurden in Berlin nur zögernd getätigt. Bestehen blieben arbeitsintensive Produktionszweige, die später als in anderen Gebieten der Bundesrepublik Deutschland eingeschränkt und aufgegeben wurden. Infolge des fehlenden Stromverbundes führten Preissteigerungen für Strom zur Erhöhung der Betriebskosten, die in den hier ansässig en Industriezweigen besonders zu Buche schlugen.

Den Standortnachteilen Berlins versuchte die Wirtschaftspolitik des Senats entgegenzuwirken, indem sie die Erneuerung der Industrie finanziell förderte. Die Berlinförderung richtete sich auf die

  • Förderung der Ausbildung junger, hochqualifizierter Arbeitskräfte in Lehrwerkstätten, Berufsschulen, Fachhochschulen und Universitäten.
  • Entwicklung und Anwendung umweltverträglicher, energiesparender oder beschäftigungswirksamer Technologien in kleinen und mittelständischen Betrieben.
  • Ansiedlung neuer Industriebetriebe durch die Bereitstellung von Flächen mit guter Anbindung an die Verkehrsinfrastruktur der Stadt und zu den Transitverbindungen per Schiene und Autobahn.

Ost-Berlin war durch hohe Reparationsleistungen und die planwirtschaftliche Ausrichtung geprägt, welche sich durch eine nichtoptimale Verteilung des Staatshaushaltes insbesondere im Sinne von Preissubventionen, und sich in großen, schwerfälligen Kombinaten und den zum Teil stark veralteten Produktionsstrukturen zeigte. Außerdem verlagerte die damalige Politik ihr Standortinteresse in den Süden der DDR, so dass dort neue Technologiezweige aufgebaut und Wachstums- und Erneuerungspotenzial aus der Hauptstadt entzogen wurde.

Berlin nach dem Mauerfall 1989

Mit Öffnung der Grenzen 1989 und der Vereinigung Deutschlands setzte Anfang der 90´er Jahre ein rasanter Strukturwandel der Berliner Wirtschaft und insbesondere der Berliner Industrie ein. Beschleunigt wurde der Strukturwandel durch den raschen Abbau der Berlinförderung im Westen der Stadt sowie den Zusammenbruch der Großkombinate im Ostteil. Zählte die Berliner Industrie 1989 noch 378.000 Beschäftigte (fast 173.000 im Westteil und knapp 206.000 im Ostteil), so waren es 2007 noch knapp 100.000. Berlin weist heute eine deutlich geringere Industriebeschäftigtendichte auf als andere deutsche Ballungszentren.

Seit dem neuen Jahrtausend erlebt die Berliner-Industrie eine Renaissance, sie schrumpft nicht mehr, sie ist verjüngt, modernisiert, immer stärker exportorientiert und international wettbewerbsfähig. Die Berliner Industrie ist wieder da, sie schafft neue und zusätzliche Arbeitsplätze und trägt zum Wachstum der Region überproportional bei. Berlin hat als Industriestadt nicht nur eine bewegte Vergangenheit hinter, sondern auch eine spannende Zukunft vor sich.

Heute entwickeln sich die Wirtschaftsleistung und die Zahl der Beschäftigten in Berlin besser als in Deutschland insgesamt, neue Unternehmen entstehen in hohem Tempo. Berlin ist Boomtown und hat sich als starker Standort für Innovation und Startups etabliert. Die Stadt und ihre Industrie sehen sich neuen, auch globalen Herausforderungen gegenüber: Berlin wächst rapide, sowohl der Klima- als auch der demografische Wandel sind im urbanen Umfeld deutlich spürbar, Flächen werden insgesamt knapper. Da ist es von Vorteil, dass sich die Industriestadt Berlin durch eine hohe Anpassungs- und Veränderungsbereitschaft auszeichnet. Sie macht Herausforderungen damit zu Chancen und gestaltet den Wandel mit ihren Kompetenzen und ihrem Innovationsgespür erfolgreich mit.

In den letzten Jahren sind viele neue Arbeitsplätze in der Industrie und im Bereich hochwertiger Industriedienstleistungen entstanden. Die Industriestadt Berlin lebt von ihren Unternehmen, deren Netzwerken und vor allem ihren Kooperationen. So findet traditionelle Industrie mit jungen Gründerinnen und Gründern sowie der Digitalwirtschaft zusammen. Neue Produkte und Wege ihrer Herstellung werden in neuen Strukturen entwickelt, erprobt und eingeführt.

Im Resultat hat Berlin eine wachsende, moderne und agile Industrie, die Märkte verbindet und stärker auch in differenzierten Marktnischen unterwegs ist. Unternehmen investieren nicht nur in neue Fertigungsanlagen, sondern auch in das Humankapital, die Weiterqualifizierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie die Ausbildung von Fachkräften hier vor Ort. Den strategischen Rahmen für dieses Wachstum bildet der Masterplan Industriestadt 2018-2021.

Historie der Berliner Elektroindustrie

Die weltweit führende Rolle deutscher Unternehmen in der Elektrotechnik ist durch die Gründung der beiden Firmen Siemens und AEG in Berlin hervorgegangen.

  • 1847 gründeten Werner (von) Siemens und Johann Georg Halske die „Telegrafen-Bauanstalt von Siemens & Halske“.
  • 1866 entdeckte der Berliner Ingenieur Werner von Siemens das dynamisch-elektrische Prinzip. Nachdem die von Siemens geschaffene Dynamomaschine ausgereift war, konnten 1879 zur Gewerbeausstellung in Berlin Licht und Kraft aus elektrischer Energie eindrucksvoll vorgeführt werden.
    Die Überlegenheit der Dynamomaschine war in der nur ihr eigenen Möglichkeit des Ferntransports von Energie über Leitungen und die Reaktivierung in Elektromotoren begründet.
  • 1881 fuhr in Lichterfelde bei Berlin die erste elektrische Straßenbahn.
    Emil Rathenau erwarb 1881 die Rechte, das Edison-System eines kompletten elektrischen Versorgungssystems in Deutschland einzuführen.
  • 1883 gründete Rathenau die „Deutsche Edison-Gesellschaft für angewandte Elektrizität“ (AEG).
  • 1883 begann Emil Rathenau auf der Basis der neuen Glühfadentechnologie von Thomas A. Edison zu produzieren.
  • Um die Jahrhundertwende gelang es Adolf Slaby in Berlin, die 1885 von Heinrich Hertz nachgewiesenen elektromagnetischen Wellen zur drahtlosen Nachrichtenübermittlung auszunutzen.
  • Ende des 19. Jahrhunderts wurde Berlin zu der Stadt Deutschlands, in der alle großen Anwendungsgebiete des elektrischen Stroms maßgeblich erschlossen wurden und damit auch zum klassischen Standort der Deutschen Elektroindustrie.
  • Damit wurde die Elektroindustrie bald der führende Industriezweig und überflügelte den Maschinenbau, der bis Mitte 1890 an der Spitze der Berliner Wirtschaft gestanden hatte.
    In den Jahren 1901 bis 1903 erreichten die Versuchswagen der Studiengesellschaft für den elektrischen Schnellverkehr auf der Militärbahn Marienfelde – Zossen Geschwindigkeiten bis zu 210 km/h.
    Die Berliner elektrotechnische Industrie ergänzte sich durch die Vielzahl der damals aufblühenden größeren und kleineren Unternehmen auf dem Gebiet allgemeiner und spezieller Elektrotechnik.
    Neben Anlagen zur Erzeugung und Weiterleitung elektrischer Energie wurden von Berliner Firmen nachrichtentechnische Anlagen, Regel- und Steueranlagen, Zähler zur Messung des elektrischen Energieverbrauchs, elektrisches Isoliermaterial und viele andere elektrotechnische Erzeugnisse hergestellt.
    Nicht nur die Großbetriebe, sondern insbesondere die Mittel- und Kleinbetriebe prägten die Berliner Elektroindustrie.