Leitlinie Pflege im Alter

Pflegerin bringt einer Seniorin eine Mahlzeit ans Bett
Bild: Robert Kneschke / Fotolia.com

Die Berliner Pflegepolitik wird ihre Vorreiterrolle in Sachen Beratungsstruktur, Prävention und Stärkung von Bürgerschaftlichem Engagement im Pflegebereich weiter ausüben. Der Senat von Berlin hält die Unterstützung von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen für eine herausragende gesellschaftliche Aufgabe der solidarischen Stadtgemeinschaft und wird alle Anstrengungen unternehmen, dem Fachkräftemangel aktiv entgegenzuwirken.

Ziele und konkrete Vorhaben des Senats

Prävention

Schwerpunkt der Pflegepolitik soll u. a. die Unterstützung präventiver Ansätze sein. Präventionsorientierte Angebote können langfristig gesehen Pflegeverläufe positiv beeinflussen, die Selbstbestimmung fördern und helfen, höhere Folgekosten, z. B. in der Hilfe zur Pflege nach dem Zwölften Buch Sozialgesetzbuch (Sozialhilfe), zu vermeiden. Hier sollten bestehende Möglichkeiten genutzt werden. Zudem sollte auch das Gebiet der Gesundheitsförderung für pflegende Angehörige künftig verstärkt im Fokus stehen. Von der Mitte 2010 eingerichteten “Fachstelle für pflegende Angehörige” wird dieses Thema im Rahmen eines Maßnahmenplanes aufgearbeitet. Im Jahr 2012 fand erstmals eine “Woche der pflegenden Angehörigen” statt, diese soll ab 2013 zweijährig durchgeführt werden. Die Beratung der Berliner Pflegestützpunkte berücksichtigt präventive Maßnahmen, wie z. B. eine rechtzeitige Wohnraumanpassung zur Vermeidung von Stürzen im Alter. Bundesgesetzliche Regelungen, die der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege dienen, werden landesseitig unterstützt.

Beratung und Information

  • Die nachhaltige Etablierung leistungsfähiger Beratungs- und Koordinierungsstrukturen wird ein weiterer Schwerpunkt der Berliner Politik in Angelegenheiten der Pflege sein. Beratung nimmt hierbei eine Schlüsselposition ein. Um betroffene Bürgerinnen und Bürgern gleich zu Beginn, wenn Fragen der Pflege und Hilfen im Alter im Raum stehen, zu unterstützen, ist es oberstes Gebot, eine qualitativ hochwertige Beratung vorzuhalten, die die Bürger durch den sogenannten “Pflege- und Altenhilfedschungel” sicher leitet, und die ggf. erforderliche Angebotskoordinierung sicherstellt. Zu beraten ist nicht nur zu pflegerischen Versorgungsstrukturen und zum Sozialleistungsrecht, sondern auch zu Gesundheitsförderung, Prävention, Teilhabe ermöglichenden Strukturen, Wohnungs- und Wohnraumanpassung sowie neuen Wohn- und Betreuungsformen. Integrierte Beratungszentren, die wohnortnah und zugehend/mobil beraten, sind sinnvoll. Pflegestützpunkte können und sollen diese Aufgabe übernehmen, zumal deren gesetzliche Aufgaben auch Vernetzung und Koordinierung sind. Die im September 2009 begonnene Errichtung der Berliner Pflegestützpunkte dient der flächendeckenden Sicherung von Beratung, Koordinierung und Vernetzung in den Feldern “Pflege” und “Alter” – in der Tradition der im Land Berlin zuvor existierenden Einrichtungen – “Koordinierungsstellen Rund ums Alter” insgesamt. Dieses Angebot wird durch Fortbildungen, Fachdiskussionen sowie in enger Zusammenarbeit mit gesamtstädtischen (z. B. dem Landesbeirat für Menschen mit Behinderung sowie dem Landesseniorenbeirat, Landespflegeausschuss) wie bezirklichen Gremien weiter optimiert. Eine spezielle Evaluation wird Anhaltspunkte für die weitere Entwicklung geben. Pflegende Angehörige finden in schwierigen Situationen Rat bei “Pflege in Not”.
  • Ein zentraler Aspekt ist auch die Sicherung von Qualität und verbraucherorientierter Transparenz. Damit Interessierten wie Betroffenen eine gute Information auch über das immer stärker genutzte Angebot des Internets zur Verfügung steht, wird dieses Angebot laufend weiterentwickelt. In Berlin sind hier neben dem Pflegeportal (einem verbraucherorientierten Online-Angebot), dem Pflegelotsen auch einzelne Datenbanken, wie z. B. der Hilfelotse, eingerichtet. Zudem wird in den nächsten Jahren eine Plattform zu den niedrigschwelligen Betreuungsangeboten und pflegeflankierenden Selbsthilfe- und Ehrenamtsstrukturen aufgebaut. Parallel informieren Faltblätter und Broschüren. Der Qualitätssicherung in der Pflege dienen viele Maßnahmen, so z. B. Beratungsbesuche des Kostenträgers der Sozialhilfe nach SGB XII oder Beratungen nach § 37 Absatz 3 SGB XI (Elftes Buch Sozialgesetzbuch), rechtliche Vorgaben und Vereinbarungen sowie gesetzte Standards und fachliche Diskurse. Hiermit lassen sich verschiedene Ansätze zur Gestaltung verbraucherorientierter Transparenz verbinden.

Ambulante Versorgung

Es gilt auch weiterhin, die Umsetzung des Grundsatzes “ambulant vor stationär” voran zu bringen. In den letzten Jahren erfuhr der ambulante Pflegebereich eine rasante Entwicklung. Ausgangspunkt bildeten unverändert bestehende Bedürfnisse nach einem Leben im vertrauten Wohnumfeld auch bei Pflegebedürftigkeit, die den Bedarf an ambulanter Versorgung angesichts veränderter Bevölkerungszusammensetzung, Familienstrukturen und Lebensplanungen erhöhten und weiter erhöhen. Hervorzuheben sind die in den letzten Jahren in Berlin entstandenen Wohngemeinschaften, in denen Pflegebedürftige und demente Personen – außerhalb der klassischen Familienstrukturen – ein neues Zuhause mit der erforderlichen Betreuung finden können. Durch das Berliner Wohnteilhabegesetz stehen die Wohngemeinschaften seit 2010 erstmals auch unter dem Schutz des Ordnungsrechts: Berlin übernimmt hier eine Vorreiterrolle und berücksichtigt diese neue Wohnstruktur auf der landesgesetzlichen Ebene, um Qualität zu sichern. Weitere Ansatzpunkte zur Sicherung von Qualität und Bedarfskonformität werden verfolgt.

Stationäre Versorgung

Die Bedingungen für ein würdevolles Leben und Sterben einschließlich der sozialen, pflegerischen und gesundheitlichen Versorgung in den vollstationären Pflegeeinrichtungen sind weiter zu verbessern. Dies gilt sowohl für die hausärztliche als auch die fachärztliche und psychotherapeutische Versorgung. Hospizkultur und Palliativkompetenz in den vollstationären Pflegeeinrichtungen werden weiterentwickelt und dabei das Netzwerk Palliative Geriatrie Berlin unterstützt.

Fachkräftesicherung

  • Fachkräftesicherung in der Altenpflege bleibt ein Grundanliegen des Senats. Die gemeinsame Fachkräftestudie Berlin-Brandenburg (2010) belegt, dass sich die Frage der Fachkräftesicherung in der Branche bereits heute stellt. Die Pflegebranche steht vor großen Herausforderungen, den eigenen Fachkräftebedarf decken zu können. Es sind massive Anstrengungen notwendig, um sowohl die Ausbildungsquote als auch die Verweildauer der Beschäftigten in der Altenpflege zu erhöhen. Gezielte Investitionen und Anstrengungen in der Aus- und Weiterbildung müssen auch Qualifizierungen mit einer Aufstiegsorientierung umfassen. Diese Angebote können und sollen den heutigen Fachkräften in den Einrichtungen eine längerfristige Perspektive eröffnen. Die von der Senatsverwaltung für Arbeit initiierte Landesinitiative “Für ein gutes Leben im Alter in Berlin – Qualitäts- und Qualifizierungsoffensive für Fachkräftesicherung in der Altenpflege” startete im März 2011 mit einem Fünf-Punkte-Programm zur Verbesserung der Wertschätzung – und damit auch der Wertschöpfung – in der Altenpflege. Ihr Ziel war und ist es, ein hochwertiges Angebot der Altenpflege für alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt, unabhängig von Geschlecht und Nationalität, zu erhalten; eine wertschätzende Unternehmenskultur in den Einrichtungen der Altenpflege zu fördern, auf gute und gesundheitsfördernde Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen der Altenpflege hinzuarbeiten sowie das Interesse junger Menschen für eine Ausbildung bzw. Berufstätigkeit in der Pflege zu steigern. Die bisherigen Aktivitäten im Rahmen der Landesinitiative haben gezeigt, dass ein starkes Interesse sowie hoher Bedarf an Austausch und Kooperation der zentralen Akteurinnen und Akteure der Branche besteht. Zwischen März 2011 und Juni 2012 wurden im Rahmen des Projekts 350 Akteurinnen und Akteure durch die Projektaktivitäten vernetzt und konnten ihre Erfahrungen austauschen. Auch das Infopaket, bestehend aus werbendem Altenpflege-Postkartenset mit drei Motiven, dem informativen Flyer und zugehörigem Internetportal “Altenpflege – (d)eine Chance”, sowie die Überblicksdarstellung zur Aus- und Weiterbildung in der Altenpflege “Wege in der Altenpflege” sind gut angenommen worden. Die Landesinitiative wird fortgesetzt. In ihrem Rahmen ist ein Berliner Bündnis zur Fachkräftesicherung in der Altenpflege ins Leben gerufen worden.
  • Weitere Berliner Aktivitäten, wie die Kampagne Altenpflege 2014 zur gesellschaftlichen Aufwertung des Altenpflegeberufes der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, sollen zur Fachkräftesicherung, insbesondere auch zu einem längeren Verbleib der Fachkräfte in ihrem Beruf und einer Steigerung der Ausbildungszahlen zur Altenpflegefachkraft beitragen. Mit der Kampagne soll die Ausbildung zur Altenpflegefachkraft als attraktive Möglichkeit der Berufs(wieder)wahl bekannt gemacht werden und die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten und Aufstiegschancen in diesem stark wachsenden Dienstleistungssektor beleuchtet werden. Besonderes Augenmerk liegt in diesem Zusammenhang auf den Potentialen der Nach- und Weiterqualifizierung sowie der Umschulung. Da es sich bei potenziellen Umschülerinnen und Umschülern sowie Pflegehelferinnen und Pflegehelfern meist um Menschen mittleren Alters handelt, wird hier eine längere Verweildauer im Beruf erwartet. Die Kampagne hat auch das konkrete Ziel, die Ausbildungszahlen zu steigern und damit Handlungsfelder der Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive Altenpflege 2012-2015 konkret umzusetzen.
  • Zur Bedarfsentlastung des Pflegemarktes erfolgt auf Bundesebene ein Prozess zur Verbesserung der Feststellung und Anerkennung von im Ausland erworbenen beruflichen Qualifikationen und Berufsabschlüssen. Dazu trägt die Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive Altenpflege 2012-2015 mit einer Vielzahl von Maßnahmen, die gemeinsam von Bund, Ländern und Verbänden umzusetzen sind, zur Bündelung der Anstrengungen für die Sicherung des Berufsnachwuchses und zur Verbesserung der Fachkräftesituation in der Altenpflege bei.

Aktuelle Entwicklung

Die Leitlinie Pflege im Alter wurde zunächst in der Arbeitsgruppe AG Gesundheit – Pflege – Verbraucherschutz diskutiert. Parallel arbeitete die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales an einer maßnahmenbezogenen Untersetzung für den Zeitraum 2013 bis 2018, die der Arbeitsgruppe des Landesseniorenbeirates Mitte April vorgestellt und hier andiskutiert wurde. Man verständigte sich, auf dieser Grundlage gemeinsam weiterzuarbeiten und die bisherigen Überlegungen der AG in den Maßnahmenplan zu integrieren. Neben der verabredeten Kommunikationsschiene zwischen dem Landesseniorenbeirat und der Senatsverwaltung erfolgten die Vorstellung in Fachgremien, wie dem Landespflegeausschuss oder dem Steuerungsgremium der Berliner Pflegestützpunkte, und Abstimmungen mit beteiligten Akteuren, wie der Fachstelle für pflegende Angehörige oder dem Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung.

Eine Vielzahl der vorgesehenen Maßnahmen befindet sich aktuell in der Umsetzung. Hierzu gehört zum Beispiel die aktuell laufende Altenpflegekampagne des Landes Berlin “Gepflegt in die Zukunft”.