Neue Bundesregierung muss Erinnerungskultur stärken

Pressemitteilung vom 02.02.2018

Der Berliner Bürgermeister und Senator für Kultur und Europa, Dr. Klaus Lederer, zu seinen Erwartungen an die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, CSU und SPD im Bund:

In Deutschland und Europa haben antidemokratische und rechtspopulistische Strömungen besorgniserregenden Zulauf. Erschütternd sind das Ausmaß an – teilweise absichtsvoller – Geschichtsvergessenheit und die widerwärtigen Vorstöße, die Grenzen des Sagbaren zu verschieben.

Erinnern und Erinnerung als individuelle und gesellschaftliche Aufgabe darf sich nicht in Ritualen an Gedenktagen erschöpfen. Gemeinsam sind wir gefordert, uns auch schreckliche historische Erfahrungen immer wieder neu vor Augen zu führen und aus ihnen zu lernen, um unser Handeln darauf auszurichten, anti-demokratischen und ausgrenzenden Tendenzen früh und wirksam begegnen zu können.

Eine zeitgemäße Kulturpolitik muss daher mehr denn je darauf ausgerichtet sein, zum kritischen Nachdenken anzuregen und die Erinnerung aufrecht zu erhalten: an die Zeit des Nationalsozialismus, an die SED-Diktatur sowie an Deutschlands koloniale Vergangenheit und deren Nachwirkungen.

Zu diesem Zwecke muss die politisch-historische Bildungsarbeit ausgebaut und ihre Wirksamkeit erhöht werden. Hierfür ist die Stärkung von Gedenk- und Erinnerungsstätten, ganz besonders auch im personellen Bereich für die Vermittlungsarbeit, erforderlich. Neue und innovative Konzepte des Erinnerns sollten in Zukunft mehr Beachtung finden und sich auch mit der Frage auseinandersetzen, wie wir Geschichte zeitgemäß vermitteln.
Hier stehen wir vor mehreren Herausforderungen, die wir sehr ernst nehmen – und ihnen gerecht werden müssen: Wir werden immer weniger Zeitzeuginnen und -zeugen befragen können und brauchen daher neue Formen und Formate. Auch eine zunehmend diversere Gesellschaft fordert kluge neue Formate. Die Digitalisierung kann hier ein Schlüssel sein für Verständnis und Verstehen. Dies gilt auch für Menschen, die neu in unserem Land sind – für die Integration ist das Verständnis von Kultur und damit auch der Erinnerungskultur ein wesentlicher Schlüssel.

Über ein reines Lippenbekenntnis in den Sondierungspapieren hinaus müssen in den endgültigen Koalitionsverhandlungen konkrete Projekte benannt, gefördert und neu gedacht werden: in Berlin gilt es den „Campus für Demokratie“ in der Normannenstraße zu realisieren und den ehemaligen Grenzübergang „Checkpoint Charlie“ um einen Bildungs- und Erinnerungsort zu erweitern, der die internationale Dimension der Mauer beleuchtet. Die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Zwangsarbeit im Nationalsozialismus muss durch eine eigene Institution in Berlin gestärkt werden.

Die Erinnerungskultur muss außerdem um Projekte ergänzt werden, die sich explizit mit dem deutschen Kolonialismus und seinen Verbrechen, wie dem Völkermord an den Herero und Nama, auseinandersetzen. Bis heute erleben wir, wie überkommene Denkmuster dieser Epoche in den Köpfen und Strukturen fortwirken. Deshalb sollte eine zentrale Gedenkstätte als Lern- und Erinnerungsort in der Hauptstadt auf den Weg gebracht werden.
Das Thema „Kolonialismus“ muss auch im „Humboldt Forum“ in seinen unterschiedlichen Facetten Berücksichtigung finden. Die Provenienzforschung für außereuropäische Sammlungen ist dabei erheblich zu stärken.

So kann gelingen, was dringend notwendig ist: eine Erinnerungskultur, die erklärend und aufklärend Gedenken und Geschichte verbindet, bisher vernachlässigte Themenfelder öffnet, Debatten vertieft – und so ihre Wirkung entfaltet bei der Immunisierung gegen autoritäres, anti-demokratisches Denken und das Handeln für eine moderne, diverse Gesellschaft stärkt.