Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller zum 70. Jahrestag der Beendigung der Berlin-Blockade

Pressemitteilung vom 12.05.2019

Es gilt das gesprochene Wort!

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, erklärte anlässlich der Kranzniederlegung zum 70. Jahrestag der Beendigung der Berlin-Blockade in seiner Ansprache zum Gedenken am Luftbrückendenkmal am 12. Mai 2019 u.a.:

Es ist mir eine besondere Ehre und Freude, Sie hier am Luftbrückendenkmal willkommen zu heißen. Und ich möchte dem Stabsmusikkorps der Bundeswehr herzlich danken, das unser heutiges Gedenken musikalisch begleitet.

Wir sind zusammengekommen, um den 70. Jahrestag eines herausragenden Datums unserer Geschichte zu begehen: Am 12. Mai 1949 endete die Blockade West-Berlins durch die Sowjetunion. Für die über zwei Millionen Menschen in West-Berlin und für die westlichen Alliierten war sie mit enormen Herausforderungen verbunden. Herausforderungen, die mit der Luftbrücke bewältigt werden konnten.

Ich freue mich sehr, heute auch Persönlichkeiten unter uns zu begrüßen, die mit ihrem bewundernswerten Einsatz dazu beigetragen haben, dass unsere Stadt diese schwere Prüfung überstand:

Sehr geehrte Veteranen der Luftbrücke,
Ihre Anwesenheit am heutigen Tage ehrt uns sehr. Ihr Einsatz vor 70 Jahren war unverzichtbar dafür, die Freiheit West-Berlins zu verteidigen. Und ich versichere Ihnen: Die Berlinerinnen und Berliner werden die Hilfe, die ihnen zuteilwurde, nicht vergessen.

Für viele Berlinerinnen und Berliner sind die Erinnerungen an die Zeit der Luftbrücke noch sehr präsent. Als junge Menschen haben sie selbst die Entbehrungen und die Unsicherheit während der Blockade, aber auch das Zusammenrücken und den Selbstbehauptungswillen in der Stadt erlebt.

Und als ich in direkter Nachbarschaft des Flughafens Tempelhof aufwuchs, war diese Zeit auch immer wieder ein Gesprächsthema in unserer Familie. Mein Vater etwa hatte als Kind in Tempelhof miterlebt, wie die „Rosinenbomber“ 1948 und 1949 zur Lebensversicherung Berlins wurden.

Fast ein Jahr lang blockierte die Sowjetunion alle Zufahrtswege von den westlichen Besatzungszonen nach West-Berlin – mit Ausnahme der drei Luftkorridore. Die Versorgung dieses Teils der Stadt wurde daher auf dem Luftwege gemeistert. Und allein die Zahlen zur Luftbrücke beeindrucken bis zum heutigen Tage: Mit rund 280.000 Flügen wurden während der Mission über zwei Millionen Tonnen Fracht nach West-Berlin gebracht: Lebensmittel, Kohle sowie weitere dringend benötigte Güter. Auch über 220.000 Menschen wurden über die Luftbrücke ein- und ausgeflogen.

Die Verantwortlichen und die Piloten der Luftbrücke vollbrachten gemeinsam mit den Helferinnen und Helfern am Boden Höchstleistungen. So gelang es, der Blockade zu trotzen und das Überleben und die Versorgung der Menschen in West-Berlin zu sichern.

Doch von ebenso großer Bedeutung war natürlich die symbolische Dimension der Luftbrücke: Denn sie brachte ja nicht nur dringend benötigte Güter nach Berlin, sondern sie machte den Menschen in der Stadt klar, dass sie nicht allein gelassen wurden. Dass sie auf die Solidarität der westlichen Alliierten bauen konnten. Und dass die Freiheit Berlins entschlossen verteidigt wurde. Der Lärm der Skymasters, der Dakotas und der anderen eingesetzten Flugzeuge wurde so in den Ohren der Berlinerinnen und Berliner zum Klang der Hoffnung.

Die Solidarität, die unserer Stadt damals zuteilwurde, war alles andere als selbstverständlich. Denn unter nationalsozialistischer Herrschaft hatte Berlin kurz zuvor als Schaltzentrale für das Menschheitsverbrechen der Shoah fungiert. Berlin war die Hauptstadt des Landes, das den Zweiten Weltkrieg begonnen und unermessliches Leid über Europa und die Welt gebracht hatte.

Wenige Jahre später überwand die Luftbrücke auf friedlichem Wege die Blockade und damit die erste schwere Krise des Kalten Krieges. Sie sicherte die Freiheit West-Berlins. Und sie sorgte dafür, dass die westlichen Alliierten von den Berlinerinnen und Berlinern als verlässliche Schutzmächte wahrgenommen wurden. Das war auch ein wichtiger Grundstein für die Wiedervereinigung unseres Landes in Freiheit und Demokratie rund 40 Jahre später.

Der 12. Mai ist ganz besonders für Berlin auch heute noch ein Tag der Dankbarkeit. Wir erinnern an die Hilfe der Vereinigten Staaten von Amerika, von Großbritannien und Frankreich, von Australien, Kanada, Neuseeland und Südafrika. Wir erinnern an Persönlichkeiten wie den US-General und Berliner Ehrenbürger Lucius D. Clay, die die Luftbrücke mit Entschlossenheit gestalteten. Und vor allem gedenken wir auch der mindestens 78 Menschen, die im Rahmen dieser Mission ihr Leben ließen.

Auch in den kommenden Jahrzehnten wollen wir die Erinnerung an die Luftbrücke stets wachhalten. Dabei wird es von großer Bedeutung sein, die Geschichte der Luftbrücke auch denjenigen nahezubringen, die diese Zeit nicht selbst miterlebt haben. Einen Beitrag dazu leisten wir mit dem heutigen Fest der Luftbrücke. Mit einem vielfältigen Programm laden wir die Berlinerinnen und Berliner sowie alle Gäste unserer Stadt ein, gemeinsam zu gedenken, sich zu informieren und zu feiern.

Damit wollen wir auch die Werte stärken, für die die Luftbrücke bis heute steht: Solidarität über Grenzen hinweg, Humanität, der gemeinsame, friedliche Einsatz für Freiheit und Demokratie: All das ist auch in unserer heutigen Zeit hoch aktuell.

Denn nach wie vor ist ein gutes Leben, ein Leben in Freiheit und Demokratie, für zahlreiche Menschen nur ein ferner Traum. Und überall auf der Welt sind wir mit Kräften konfrontiert, die unsere Gesellschaften spalten und gegeneinander ausspielen wollen.

Gerade auch in Deutschland und Europa wird es uns aktuell sehr bewusst: Freiheit und Demokratie, Freizügigkeit und partnerschaftliche Zusammenarbeit sind große Errungenschaften, die wir entschlossen verteidigen müssen. Die Geschichte der Luftbrücke bietet uns dabei einen reichen Fundus an Inspiration. Sie zeigt, dass es gemeinsam gelingen kann, auch die größten Schwierigkeiten zu überwinden. Und sie ist für uns Ansporn und Verpflichtung, jenen zu helfen, die heute unserer Solidarität bedürfen.

70 Jahre nach der Berlin-Blockade und fast 30 Jahre nach dem 9. November 1989 steht unsere Stadt für eine klare Botschaft: Menschlichkeit verbindet! Lassen Sie uns gemeinsam Mauern und Spaltung überwinden und Brücken der Solidarität und der Verständigung bauen.

Herzlichen Dank!