Rede des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller anlässlich der Gedenkveranstaltung anlässlich der Rede Ernst Reuters am 9. September 1948

Pressemitteilung vom 09.09.2018

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, hat anlässlich der Gedenkveranstaltung anlässlich der Rede Ernst Reuters am 9. September 1948, am 9. September 2018 im Allianz-Forum am Pariser Platz die folgende Rede gehalten.

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin dokumentiert den Wortlaut der Rede auf Grundlage des Manuskripts:

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
sehr geehrter Herr Präsident des Abgeordnetenhauses
sehr geehrte Abgeordnete, Ehrengäste
liebe Frau Reuter, lieber Edzard Reuter
meine Damen und Herren,
herzlich willkommen!

das Jahr 2018 hält eine Vielzahl bedeutender Gedenkanlässe bereit:

  • die Revolution von 1848,
  • das Ende des Ersten Weltkriegs 1918,
  • das Jahr 1938 mit den Novemberpogromen,
  • und natürlich „1968“, das Jahr der Studenten-Unruhen des „Prager Frühlings“ und seiner Niederschlagung – ein Datum geteilter Erinnerungen in Ost und West.
  • Ein weiterer Gedenkanlass, der zwar nicht rund ist, dafür aus Berliner Sicht besonders wichtig: Der „Tag der Deutschen Einheit“, den Berlin in diesem Jahr erstmals, länger ohne Mauer als mit Mauer: 28 Jahre …. ausrichtet.

All diese Ereignisse haben für Berlin eine große Bedeutung. Das gilt auch für ein Jahr, das ein wenig im Schatten der genannten Gedenkanlässe steht: Ich meine das Jahr 1948, in dem sich der Ost-West-Gegensatz endgültig zum Kalten Krieg zuspitzte. Anlass war die Blockade West-Berlins durch die Sowjetunion, die die faktische Existenzgarantie der Teilstadt durch die West-Alliierten zur Folge hatte.

Wir gedenken jedes Jahr am 12.05. feierlich im Luftbrückendenkmal in Tempelhof der Beendigung der Blockade, so dass der runde Gedenkanlass erst im nächsten Jahr ansteht. Dafür planen wir natürlich eine Gedenkfeier mit ehemaligen Alliierten, Veteranen und den Berlinerinnen und Berlinern.

Aber eines dürfen wir nicht vergessen und darum sind wir heute zusammengekommen:
Heute vor 70 Jahren, am 9. September 1948, hielt Ernst Reuter auf den Stufen der Reichstagsruine vor 300.000 Berlinerinnen und Berlinern seine berühmte Rede. Sie wurde zu einem Symbol des Selbstbehauptungswillens Berlins in Zeiten des Kalten Krieges.

Meine Damen und Herren, über einem Redemanuskript steht oft: „Es gilt das gesprochene Wort“. Damit wird der Freiheit des Redners Rechnung getragen, vom Manuskript abzuweichen.

Für Ernst Reuters Rede gilt dieser Hinweis in besonderer Weise. Denn sie entfaltet ihre bis heute ungebrochene Wirkung eben als gesprochenes Wort. Aber was heißt hier „gesprochen“?

Ernst Reuter deklamiert wie ein großer Tragöde, seine Stimme klingt laut und dramatisch, jede Silbe überdeutlich, um äußerste Dringlichkeit zu vermitteln. Und sicher auch, um von den Tausenden gehört und verstanden zu werden. Aber diese Leidenschaft, diese äußerste Bewegtheit des Redners: Sie entsteht aus der verzweifelten Situation, in der sich West-Berlin während der Blockade befand. Und zugleich ist sie Ausdruck einer Verschmelzung des Redners mit seinem Publikum.

Wenn man heute diese Ton-Aufnahme hört, dann spürt man, dass die Berlinerinnen und Berliner geradezu an Ernst Reuters Lippen hingen. Und man glaubt: Das spürt auch Reuter selbst, dessen Stimme sich immer mal wieder überschlägt. Er wird zum Sprachrohr der Menschen in der abgeriegelten und vom Krieg noch weitgehend zerstörten Stadt. Jedes Wort, jeder Satz drückt die Empfindungen der Berlinerinnen und Berliner aus: Ihre Angst, ihre Verzweiflung, ihren ungebrochenen Überlebenswillen.

Ernst Reuter spricht nicht zu den Menschen. Ernst Reuter aber spricht für sein Publikum – er spricht den Menschen aus der Seele. Seine Rede an die „Völker der Welt“ erhält ihre enorme Wucht, weil jeder, der zuhört spürt: Hier spricht in höchster Not einer für alle – für zwei Millionen Menschen im abgeriegelten West-Berlin.

So entsteht ein weltgeschichtlicher Moment!

Zugleich wird auch deutlich, dass hier eine neue Stimme aus der Mitte Berlins zu vernehmen ist.

Wenige Jahre zuvor hatten die Nazis von Berlin aus ihre widerwärtigen Hassparolen über den Äther gebrüllt. Und damit nicht nur Angst und Schrecken verbreitet, sondern auch ein Bild deutscher Politiker geprägt und diskreditiert, die vorgeben, im Namen des Volkes zu sprechen.

Im Namen des Volkes zu sprechen.
Das tut auch Ernst Reuter. Aber seine Rolle ist nicht die des Einpeitschers. Er spricht nicht wie die Nazi-Größen entrückt von oben herab. Ernst Reuter spricht frei von Hass. Seine Stimme kommt aus der Mitte des Volkes, direkt aus dessen Herz. Aufrechtes Mitfühlen und ehrliche Verzweiflung bestimmen die Tonlage. Seine Glaubwürdigkeit verdankt sich auch dem Umstand, dass er ein entschiedener Nazi-Gegner war, der Gewalt erleiden musste, ins Konzentrationslager gesperrt wurde, bis er 1935 emigrieren konnte.

Dass sich die Menschen im Westteil der Stadt nicht aufgeben und deshalb von der Völkergemeinschaft nicht aufgegeben werden dürfen: Diese Botschaft enthält nicht nur die Rede, sie durchzieht Ernst Reuters gesamtes politisches Handeln.

Nach dem Krieg war er aus dem türkischen Exil ins zerstörte Berlin zurückgekehrt. Im Magistrat übernahm er zunächst das Amt des Verkehrsdezernenten. Und damit eine Schlüsselrolle beim Wiederaufbau der in weiten Teilen nicht mehr funktionierenden Infrastruktur. Für diese Aufgabe war Ernst Reuter ein ausgewiesener Experte. Bereits in den 20er Jahren sorgte er als Verkehrsstadtrat für die Fusion der Hoch- und Untergrundbahnen, der Straßenbahnen und Busse: So schuf er ein modernes und leistungsfähiges Unternehmen, die “Berliner Verkehrs-Aktien-Gesellschaft” (BVG) – damals das größte Nahverkehrsunternehmen der Welt.

Seine profunden Erfahrungen als Kommunalpolitiker und seine Expertise im Bereich von Stadtplanung und Städtebau gab er während der Zeit des Exils an Studierende in Ankara weiter. So legte er das Fundament für vielfältige fruchtbare deutsch-türkische Beziehungen bis in unsere heutige Zeit hinein.

Ja, Ernst Reuter prägte wie kaum ein anderer die Berliner Nachkriegspolitik. Er hat sein Leben lang für die Freiheit und für die Demokratie gekämpft.

Er war ein Mutmacher in ernster Lage, ein streitbarer Demokrat und Vorkämpfer für die Freiheit. Und als solcher der sowjetischen Besatzungsmacht ein Dorn im Auge. Deshalb hatte sie im Juni 1947 ihr Veto gegen die Wahl Ernst Reuters zum Berliner Oberbürgermeister eingelegt.

Ernst Reuter hatte erkannt, dass die Sowjets darauf aus waren, die West-Alliierten aus der Stadt zu drängen, um sich auch West-Berlin einzuverleiben. Nach dem einseitigen Befehl der Sowjetunion, die Ost-Mark einzuführen, kämpfte Ernst Reuter gegen viele Widerstände auch aus den eigenen Reihen erfolgreich dafür, die D-Mark in West-Berlin einzuführen. Das war ein Auslöser für die sowjetische Blockade West-Berlins.

Plötzlich waren Berlins Lebensadern abgeschnitten. Und für die Berlinerinnen und Berliner war im Frühjahr 1948 keineswegs klar, dass sie auf die Solidarität der Westmächte zählen konnten. Die waren damals vor allem Besatzungsmacht. Dass sich ihre Rolle in der Krise wandelte, dass sie zu Schutzmächten und Freunden des freien West-Berlins wurden, war auch Ernst Reuters Verdienst. Ihm gelang es gemeinsam mit General Clay, bei den Alliierten zu erwirken, West-Berlin um keinen Preis aufzugeben. Das Ergebnis war die Luftbrücke.

Aber Reuter geht in seiner Rede weit über die kurzfristige Rettung Berlins hinaus. Er vermittelt seinen festen Glauben, dass eines Tages Diktatur und Unfreiheit überwunden sein werden und Europa frei und friedlich vereint sei. So geschah es nach 1989.

Aus damaliger Sicht erscheint diese Vorstellung visionär, vielleicht illusionär. Aber sie entsprach Ernst Reuters tiefster Überzeugung. Ein freies und demokratisches Deutschland, ein in Frieden und Freiheit vereintes Europa waren der Antrieb seines politischen Wirkens.

Dass tief empfundene Überzeugungen Berge versetzen können, wenn sie Leitlinie des politischen Denkens und Handelns werden, das können wir heute von Ernst Reuter lernen.

Deshalb hält das Gedenken seiner großen Rede vom 9. September 1948 für uns eine Ermutigung bereit. Wir müssen für unsere westlichen Werte und das vereinte, offene und friedliche Europa kämpfen – erst recht, wenn es durch populistische Kräfte starken Gegenwind gibt.

Ihnen allen wünsche ich eine anregende Veranstaltung.

Auch unter schwierigsten Bedingungen für eigene Überzeugungen eintreten, für Frieden und Freiheit und Menschen mit ihren Sorgen und Ängsten eine Stimme geben, das ist das Vermächtnis dieses großen Berliner Bürgermeisters.