Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde Berlins an Margot Friedländer und Inge Deutschkron am 26. Juni 2018

Pressemitteilung vom 26.06.2018

Pressemitteilung vom 26. Juni 2018

Es gilt das gesprochene Wort!

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, erklärte auf der Festveranstaltung anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde von Berlin an Inge Deutschkron und Margot Friedländer mit anschließendem Empfang am 26. Juni 2018 u.a.:

Herzlich willkommen! Ich freue mich ganz besonders, dass ich heute unter uns unsere Ehrenbürger, den Bundestagspräsidenten Dr. Wolfgang Schäuble und Herrn Sigmund Jähn begrüßen kann. Dass ich den Präsidenten des Abgeordnetenhauses Ralf Wieland begrüßen kann, die früheren Regierenden Bürgermeister Walter Momper und Klaus Wowereit sowie Herrn Botschafter Issacharoff und die Senatorinnen und Senatoren. Ich freue mich, die Damen und Herren Abgeordneten zu begrüßen, aus dem Deutschen Bundestag und aus dem Berliner Abgeordnetenhaus.

Meine Damen und Herren,
Ihnen allen ein herzliches Willkommen. Es ist wirklich eine große Freude, Sie heute hier bei uns im Roten Rathaus zu Gast zu haben. Zu Gast zu haben zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Inge Deutschkron und Margot Friedländer.

Unter uns ist auch der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus, Felix Klein. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des „diplomatischen Streichquartetts“ sorgt er für die musikalische Umrahmung der heutigen Veranstaltung. Herzlich willkommen unseren Musikerinnen und Musikern.

Sehr verehrte Inge Deutschkron,
sehr verehrte Margot Friedländer,

vor allem Sie möchte ich aufs Herzlichste hier im Roten Rathaus begrüßen. Herzlich willkommen! Der heutige Tag ist auch deshalb etwas ganz Besonderes, weil unsere Stadt zum ersten Mal in ihrer Geschichte zwei neue Ehrenbürgerinnen auf einmal gewinnt.

Diese Ehrung ist eine, die wir heute ganz ausdrücklich als Stadt der Freiheit vergeben dürfen. Wir alle wissen, welch großes Geschenk es ist, dass dieser Satz nicht eine ferne Hoffnung, sondern die Realität beschreibt. Denn während der dunkelsten Jahre unserer Geschichte, der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, stand Berlin für das genaue Gegenteil von Freiheit. Von hier löste Deutschland den Zweiten Weltkrieg aus. Und es sind auch Berliner Ereignisse wie die Wannsee-Konferenz, die für den Völkermord an den europäischen Juden und damit für historisch einzigartige Menschheitsverbrechen stehen.

Die Jahre zwischen 1933 und 1945 markieren eine Zeit, in der Millionen von Menschen in dieser Stadt, in diesem Land und in den von Deutschland überfallenen Gebieten verfolgt, entrechtet, gedemütigt und ermordet wurden. Weil sie der Wahnvorstellung der völkischen Gemeinschaft nicht entsprachen. Weil die Ideologie der Nazis sie als „Untermenschen“ ansah. Weil sie homosexuell liebten oder sich als Gegner des Nationalsozialismus ihren moralischen Kompass bewahrt hatten.

Allein in Deutschland mussten hunderttausende Jüdinnen und Juden miterleben, wie sie von einem menschenverachtenden Regime systematisch ausgegrenzt wurden. Und sie mussten miterleben, wie viele derjenigen, die nicht ins Ausland fliehen oder sich versteckt halten konnten, schließlich auf grausame Weise ermordet wurden.

Mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich in Berlin vieles verändert: Berlin ist für viele Menschen aus aller Welt ein wahrer Magnet und auch zahlreiche Israelis kommen gern hierher und finden hier ihre Heimat. Ich bin dankbar, dass jüdisches Leben in unserer Stadt wieder aufblüht und so selbstverständlich zu uns gehört.

Ja, wir sind froh, uns heute als eine Stadt der Freiheit zu bezeichnen. Froh, aber auch dankbar und demütig.

Wir sind dankbar, weil unsere Stadt und unser Land von den Alliierten, von der Weltgemeinschaft und sogar von Überlebenden der Shoa eine Möglichkeit erhalten haben, zur Sühne, zur Aufarbeitung der begangenen Verbrechen und zum Aufbau einer friedlichen und demokratischen Gesellschaft.

Wir sind demütig, weil wir wissen, dass die Aufarbeitung nicht ohne Widerstände verlaufen ist und auch in Zukunft eine zentrale Aufgabe bleibt. Und weil wir wissen, dass die erreichten Erfolge sich als fragil erweisen können.

Leider wurden wir in diesem Jahr nicht nur anlässlich von Gedenktagen daran erinnert. Eine Reihe von antisemitischen Vorfällen und Angriffen in Berlin hat uns in den vergangenen Monaten erschüttert. Rechtspopulisten relativieren offen die Verbrechen des Nationalsozialismus und stellen die Gedenkkultur infrage, die über Jahrzehnte mühsam errungen wurde. Wie fast überall in Europa haben sie auch bei uns an Kraft gewonnen.

Ja, es gibt manch besorgniserregendes Ereignis. Aber es gibt glücklicherweise noch mehr Gründe für Zuversicht: Wir sind eine deutlich vielfältigere Gesellschaft geworden, die starke demokratische Institutionen und Traditionen aufgebaut hat. Wir sind Teil eines vereinten Europas. Und auch die Aufarbeitung unserer Geschichte hat Früchte getragen. Dafür müssen wir all jenen dankbar sein, die sich gegen viele Widerstände für solchen gesellschaftlichen Fortschritt eingesetzt haben.

Und wir müssen und können auch heute den Mut aufbringen, diese Fortschritte zu verteidigen. Vor gerade einmal sechs Tagen haben wir am Weltflüchtlingstag der Opfer von Flucht und Vertreibung gedacht. Aktuell sehen wir es auch am Beispiel der Schiffe im Mittelmeer, die einen sicheren Hafen suchen und hunderte Flüchtlinge an Bord haben: Geflüchtete Menschen brauchen unsere Solidarität. Europa muss seiner Verantwortung gemeinsam besser gerecht werden. Und ich will an dieser Stelle auch sagen: Ich erwarte, dass die Bundesregierung alles unternimmt um diese humanitäre Krise vor unserer Tür zu beenden und ich kann für die Berliner Koalition sagen, dass wir natürlich bereit sind, Menschen zu helfen, die Schutz und Sicherheit suchen.

Gerade wenn wir heute zwei Persönlichkeiten ehren, die selbst Unterdrückung, Diskriminierung und Gewaltherrschaft erfahren mussten, wird uns wieder bewusst, welche Verantwortung wir zu erfüllen haben. Gerade wenn wir auch an das Schicksal der vielen Menschen denken, die damals nur durch Flucht überleben konnten, verpflichtet uns dies heute zu menschlichem Handeln.
Liebe Inge Deutschkron, Liebe Margot Friedländer,

Sie beide haben die nationalsozialistische Diktatur überlebt. In diesem Land und in dieser Stadt wurde Ihnen und Ihren Angehörigen entsetzliches Leid zugefügt. Und dennoch sind Sie zurückgekehrt. Sie haben der Öffentlichkeit in Publikationen oder Vorträgen Ihre Erlebnisse geschildert. Sie haben sich entschieden für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur und des Holocaust eingesetzt.

Mit Ihrem Wirken haben Sie unschätzbare Beiträge zur bewussten Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte und zur Stärkung unserer demokratischen Gesellschaft in Berlin und im ganzen Land geleistet. Wer Ihnen einmal persönlich begegnet ist, fühlt sich darin bestärkt, mutig zu sein und sich aktiv für diese Gesellschaft einzusetzen.

Besonders die pädagogische Arbeit mit jungen Menschen ist Ihnen ein Herzensanliegen. Und es ist gerade diese Arbeit, die entscheidend dafür ist, dass die Erinnerung an Nationalsozialismus und Holocaust auch in den kommenden Jahrzehnten wachgehalten wird. Dass Antisemitismus, Rassismus und Intoleranz bei uns nie wieder die Oberhand gewinnen. Auch dann, wenn es niemanden mehr gibt, der diese Zeit des Schreckens selbst überlebt hat.

Wenn uns das gelingt, dann wird dies auch Ihr Verdienst gewesen sein. Sie haben unserer Stadt trotz allem eine zweite Chance gegeben und ihr damit ein unschätzbares Geschenk gemacht. Berlin vergibt heute seine bedeutendste Auszeichnung an Sie. Als eine Stadt der Freiheit, die Sie in Dankbarkeit und Demut nun ihre Ehrenbürgerinnen nennen darf.

Meine Damen und Herren,
wir schreiten nun zunächst zur Ehrung von Frau Deutschkron, die ich nun gemeinsam mit Herrn Wieland und Herrn Schmitz auf die Bühne bitten darf.

Liebe Inge Deutschkron,

als Sie 2013 anlässlich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus zum Deutschen Bundestag sprachen, erinnerten Sie sich auch an das Deutschland der Nachkriegszeit. Über die begangenen unsäglichen Verbrechen wollten die meisten nicht sprechen. Auch die demokratisch gewählte Regierung wollte das Geschehene nicht aufarbeiten. Ihr persönlicher Ansporn wurde es, die Wahrheit publik zu machen, damit so etwas nie wieder geschähe. Sie sagten im Bundestag: „Ich wollte daran mittun, hier, heute und jetzt, mit meinem ganzen Eifer, meiner ganzen Kraft.“

Diesen Willen haben Sie mit unermüdlichem Einsatz in die Tat umgesetzt. Sie haben mit viel Energie, Mut und Charme unzählige Beiträge zur Wahrheitsfindung und zur Aufklärung über die Verbrechen des Nationalsozialismus geleistet. Ihr politisches Lebenswerk umfasst unter anderem journalistische Arbeit und zahlreiche Publikationen.

Im Jahr 1988 kamen Sie in unsere Stadt zurück und kurz darauf wurde das Theaterstück „Ab heute heißt Du Sara“ im GRIPS-Theater uraufgeführt. Seither hat das Stück, das auf Ihrer Autobiografie „Ich trug den gelben Stern“ beruht, in der ganzen Bundesrepublik Verbreitung gefunden. Berlin hat Ihnen auch einzigartige Orte wie das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt und die Gedenkstätte Stille Helden zu verdanken. Dies sind nur einige prominente Beispiele für Ihre großen Verdienste.

Sie stehen wie kaum jemand anderes dafür, Gedenkkultur mit Leben zu füllen und durch die Arbeit mit jungen Menschen dafür zu sorgen, dass auch in Zukunft das „Nie wieder!“ ein tief verankerter Konsens in unserer Stadt und in unserer Gesellschaft bleibt. Wenn Sie heute Ehrenbürgerin Berlins werden, so ehrt das auch unsere Stadt in ganz besonderer Weise.

Liebe Margot Friedländer,

in diesem Jahr gedenken wir des 80. Jahrestages der Novemberpogrome. In Ihrem Buch „Versuche, dein Leben zu machen“ erinnern Sie sich an den Morgen des
10. November 1938: „Bis zu diesem Tag hatten die meisten von uns noch die Illusion gehegt, alles würde gut werden […]. Jetzt sahen wir, dass niemand uns helfen würde. Sie hatten sogar applaudiert, als die Synagogen brannten.“

Ihnen haben damals auch nichtjüdische Deutsche geholfen, die Herrschaft des Nationalsozialismus zu überleben. Sie haben auch daran immer wieder erinnert. Doch Sie mussten damals auch erfahren, dass letztendlich nur wenige aus der Mehrheitsgesellschaft den Mut hatten, zu helfen.

Heute lassen Sie uns an Ihrer Lebensgeschichte Anteil nehmen und setzen sich besonders dafür ein, dass in Schulen eine bewusste Auseinandersetzung mit unserer Geschichte und mit der Shoa stattfindet. Mit Ihrem bewundernswerten Engagement und auch mit Ihren beeindruckenden Auftritten bei vielen Anlässen in Berlin tragen Sie enorm viel dazu bei, dass wir heute und in Zukunft eben nicht der Angst nachgeben, sondern Diskriminierung und Anfeindungen entgegentreten – gerade auch im Alltag. Sie leben uns vor, dass wir alle verpflichtet sind, unsere Stimme zu erheben, wenn Unrecht geschieht. Und dass wir alle die Möglichkeit haben, nicht zu schweigen, sondern unseren Beitrag gegen Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung zu leisten.

Wir sind Ihnen außerordentlich dankbar dafür, dass Sie nach Berlin zurückgekehrt sind. Doch das ist eigentlich noch eine Untertreibung. Denn als Sie beschlossen, in Ihre Heimatstadt zurückzukehren, da lebten Sie schon seit langem in New York und konnten auf fast 90 Lebensjahre zurückblicken.

Diese Entscheidung zum Umzug nach Berlin verdeutlicht auch, wie wichtig Ihnen Ihr Engagement, Ihre Mission ist. Uns allen sind Sie ein großes Vorbild im Einsatz für eine freie, vielfältige und solidarische Gesellschaft. Deshalb sind wir sehr froh, Sie nun Ehrenbürgerin Berlins nennen zu können.

Liebe Inge Deutschkron, liebe Margot Friedländer,

ich danke Ihnen sehr für Ihre bewegenden Worte. Bevor wir uns gleich zum Empfang im Wappensaal treffen, erwartet uns noch etwas sehr Besonderes: Ich darf nun unsere Überraschungsgäste ankündigen und nach vorne bitten – Max Raabe und Christoph Israel.