Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, anlässlich der Verleihung des Margot-Friedländer-Preises 2017

Pressemitteilung vom 21.03.2017

Pressemitteilung vom 21. März 2017

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, hat am 21. März 2017
die Laudatio zur Verleihung des Margot-Friedländer-Preises im Max-Liebermann-Haus
gehalten: Das Presse- und Informationsamt dokumentiert den Text nach dem Wortlaut
des Manuskripts:

Liebe Frau Friedländer,
lieber André Schmitz,
liebe Schülerinnen und Schüler,
sehr geehrter Herr Dr.,
sehr geehrter Herr Peter,
meine Damen und Herren!

Als ich gefragt wurde, ob ich bereit sei, in diesem Jahr die Laudatio zur Verleihung des Margot-Friedländer-Preises zu halten, da habe ich gerne zugesagt. Und zwar aus drei Gründen:

1. Weil ich mich freue über Berlins Schulen, die sich gegen Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung engagieren. Und dies so vorbildlich tun, dass sie dafür ausgezeichnet werden, wie zum Beispiel das Robert-Blum-Gymnasium, in dem sich die Schulgemeinschaft verpflichtet hat, den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ mit Leben zu erfüllen.

2. Wegen der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa, die junge Menschen zu politisch verantwortungsvollem Denken und Handeln anstiftet. Und sie leidenschaftlich für die Verständigung der Völker im vereinten Europa eintreten lässt.

3. Wegen Margot Friedländer selbst. Aus Respekt und Anerkennung für ihren Lebensweg, auf dem sie ihre Familie und fast auch ihr eigenes Leben durch den Holocaust verloren hätte. Da war sie noch ein Kind. Und dann hat mich natürlich sehr beeindruckt, dass sie mit über 80 Jahren zurückgekehrt ist in ihre alte Heimat, um junge Menschen aufzuklären, um mit ihnen zu reden über das Leid, das die Nazis über so viele Menschen gebracht haben und um sie zu ermuntern, sich zu engagieren.

Diese drei Gründe haben mich heute hierhergeführt. Wenn man sie richtig zusammenfügt, dann wird daraus ein politisch-geschichtliches Lehrstück.

Das beginnt aber nicht erst mit dem 30. Januar 1933, als Hitler an die Macht kam und über Nacht in Deutschland mehr als eine halbe Million jüdischer Menschen – unter ihnen die damals elfjährige Margot Friedländer – Angst, Verfolgung und Gewalt erleiden mussten. Diese Geschichte hat eine Vorgeschichte, die weit früher beginnt. Denn der Antisemitismus grassierte jahrhundertlang in der deutschen Gesellschaft. Es gab Ausgrenzung, Verfolgungen, Pogrome – an vielen Orten und zu nahezu allen Zeiten.

Die Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert, die viele, aber längst nicht alle Diskriminierungen und Benachteiligungen beseitigte, kappte nicht die Wurzeln des Antisemitismus. Der blieb – im Gegenteil – sehr virulent und wurde sogar noch befeuert durch den Sozialneid, den der Aufstieg von Juden in der deutschen Gesellschaft hervorrief.

Der radikale Antisemitismus der Nationalsozialisten fiel also auf fruchtbaren Boden. Die leidvollen Erfahrungen, die Margot Friedländer machen musste – von ihrer Familie getrennt zu werden, die deportiert und ermordet wurde, und alleine zu überleben – diese Erfahrung teilt sie mit vielen anderen Überlebenden.

„Versuche, dein Leben zu machen“: Das war die letzte Nachricht, die Margot Friedländer von ihrer Mutter erhalten hatte. Aber was heißt das: „Versuche, dein Leben zu machen“? In der Zeit der Verfolgung bedeutete das für Margot Friedländer natürlich erst mal zu überleben. Das war schwer genug und hing mehr als einmal am seidenen Faden. Nach dem Krieg hat sie geheiratet, ist mit ihrem Mann nach Amerika ausgewandert und hat dort ein bürgerliches Leben geführt.

Aber auch in der neuen Heimat war ihre Lebensgeschichte präsent, die Verfolgung, der Völkermord, die brutal abgekappten Berliner Wurzeln. Wie konnte sie da an eine Rückkehr denken? Ein großes Thema in den Emigrantenkreisen, über das sehr kontrovers diskutiert wurde. Wer Thomas Halaczinskys Film „Don’t Call It Heimweh“ gesehen hat, weiß, was ich meine.

„Versuche, dein Leben zu machen“: Dieser mütterliche Ratschlag in höchster Not hat Margot Friedländer nicht losgelassen. Sie hat den schweren Entschluss gefasst, in ihre Berliner Heimat zurückzukehren, die mit so schmerzhaften Erinnerungen verbunden ist. Sie hat ihre Memoiren geschrieben, die eben diesen letzten Satz der Mutter als Titel tragen. Unermüdlich geht sie in Schulen, sucht den Kontakt zur jungen Generation, um als Zeitzeugin aus erster Hand zu berichten, welches unermessliche Leid Jüdinnen und Juden in der Nazizeit zugefügt wurde.

Margot Friedländer hat mit ihrer Rückkehr nach Berlin als Zeitzeugin eine große und keineswegs selbstverständliche Verantwortung auf sich genommen. Sie will dazu beitragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

Und vielleicht ist es das, was Margot Friedländers Mutter meinte. Ich finde, diese Botschaft ist sehr aktuell: „Versuche, dein Leben zu machen“ bedeutet: den eigenen Lebensweg nicht losgelöst von den politischen und gesellschaftlichen Bedingungen zu sehen, sondern beides in eine Übereinstimmung zu bringen und daraus ein verantwortungsvolles Handeln abzuleiten – im privaten Leben wie in der Gesellschaft.

Für die Jüdin Margot Friedländer ging es in der Nazi-Zeit ums nackte Überleben. Aber ihre aktive Zeitzeugenschaft Jahrzehnte später bedeutet auch eine Selbstermächtigung im Angesicht einer Geschichte, die für sie ausschließlich eine passive Opfer-Rolle vorsah.

Und um diese Selbstermächtigung geht es auch heute. Um das Gefühl, die eigenen Interessen wirksam artikulieren und politisch etwas bewegen zu können, eine Stimme zu haben, die Gehör findet.

Das ist für junge Menschen unserer Zeit viel leichter als für die junge Margot Friedländer. Denn in unserem Land wird niemand vom Staat ausgegrenzt oder verfolgt, der seine Meinung sagt oder sich politisch engagiert. Die Gefahr lauert woanders: in der Passivität, in der sich viele Menschen wähnen, in einem Ohnmachtsgefühl, nach dem Motto: „Ich kann ja sowieso nichts ausrichten“. Diese Haltung, die oft verbunden ist, mit dem Gefühl, zu kurz zu kommen, führt zu einer aggressiven Stimmung gegen die bestehenden Verhältnisse, zur Entsolidarisierung und zum Verlust des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Auf diesem Nährboden wachsen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung. Eine Mehrheit, die sich wegduckt, ermutigt eine radikale Minderheit, die die Grenzen dicht machen, Ausländer abschieben und die Geschichte umschreiben will. Die jüngste Kriminalstatistik für Berlin, die vor wenigen Tagen vorgestellt wurde, spricht leider eine deutliche Sprache: Zwar konnte im vergangenen Jahr die Zahl rechtsmotivierter Gewaltdelikte um fünf Prozent auf 1.588 erfasste Fälle eingedämmt werden. Doch im Jahr 2015 befand sich diese Zahl mit 1.666 Fällen auf dem höchsten Stand seit 2007.

Was ist zu tun? Hier ist vor allem die Zivilgesellschaft gefordert. Sie muss aufgerüttelt werden. Freiheit, Demokratie und Weltoffenheit sind für uns selbstverständlich geworden – vielleicht etwas zu selbstverständlich. Der große Umbruch von 1989/90 war ein großer Einschnitt. Die Teilung der Welt schien aufgehoben, die Freiheit hatte triumphiert, Trennendes wurde überwunden. Der Europäische Einigungsprozess nahm an Fahrt auf. All das sind zweifellos große Leistungen. Aber sie haben uns vielleicht auch ein wenig bequem gemacht.

Als schließlich 2010 die Freiheitsbewegung in den arabischen Ländern losbrach, da konnte man sich im Westen nicht vorstellen, dass am vorläufigen Ende dieses Prozesses, nicht Freiheit und Demokratie stehen, sondern zerfallende Staaten und brutale Unterdrückung.

Auf das Wiedererstarken von Nationalismen inmitten des vereinten Europa findet eben dieses Europa bis heute keine passende Antwort. Die Krise des Euro schwelt weiter und das Management der Krise wirkt nicht gerade einigend. Bei der Aufnahme der Flüchtlinge gab und gibt es keine gesamteuropäische Solidarität. Und auch der „Markenkern“ Europas, ein Kontinent der Vielfalt zu sein, ist umstrittener denn je, wenn wir an das Erstarken von islamfeindlichen Kräften denken, die die Religionsfreiheit nicht akzeptieren, Menschen ausgrenzen und unsere Gesellschaft systematisch polarisieren.

All das sind große Herausforderungen, auf die es keine leichten Antworten gibt. Aber klagen hilft nicht. Sondern: Das Engagement eines jeden Einzelnen. Margot Friedländer und viele andere Zeitzeugen machen es uns vor. Sie zeigen aus eigenem Erleben, wohin Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung führen können. Aufklärung ist das beste Mittel gegen Leugnung und Schönfärberei.

Denn auch wenn die Populisten das Gegenteil vermitteln wollen: Schwach und wehrlos ist unsere Gesellschaft keineswegs. Aufklärung und Engagement sind zwar manchmal mühsam, aber sie sind das beste Mittel gegen populistische Vereinfacher.

Heute werden die Carl-Bosch-Oberschule und das Gottfried-Keller-Gymnasium mit dem Margot-Friedländer-Preis ausgezeichnet. Beide Schulen haben sich vorbildlich für das Gedenken der Opfer von Völkermord, Rassismus und Antisemitismus eingesetzt. Sie nehmen auf, was Zeitzeuginnen und Zeitzeugen vorgelebt und was Historikerinnen und Historiker erforscht haben.

Sie geben dem Gedenken eine neue, zeitgemäße Form, bewahren es vor einer starren Ritualisierung und halten es so lebendig.

Der erste Preis geht an die Carl-Bosch-Oberschule für ihr Projekt „Moving Sculptures“ [sprich: „Muwing Skalptschers“]. Bis zu 40 Schülerinnen und Schüler im Alter von zwölf bis 16 Jahren haben am Gedenkort „Geschichtslabor“ am Eichborndamm 238 ein bewegliches Denkmal geschaffen. Das besteht aus der eindrucksvollen Verbindung einer Performance mit einer interaktiven Installation.

An diesem Ort bestand zwischen 1941 und 1945 die städtische Nervenklinik für Kinder, kurz „Wiesengrund“ genannt. Viele dieser Kinder wurden als „lebensunwert“ eingestuft und ermordet.

Dass sich die Carl-Bosch-Oberschule im Rahmen dieses Projekts für das Gedenken der Euthanasie-Opfer einsetzt, ist besonders verdienstvoll. Denn diese Verbrechen waren nach dem Krieg lange vergessen. Sie wurden absichtsvoll verschwiegen. Viele an diesen Morden beteiligte Wissenschaftler setzten in der Bundesrepublik unbehelligt ihre Karrieren fort.

Es ist das Verdienst von Außenseitern der Geschichtsforschung, dass diese Verbrechen aufgearbeitet und den Opfern ein würdiges Gedenken bereitet werden konnte.

Mein herzlicher Glückwunsch geht an die Schülerinnen und Schüler der Carl-Bosch-Oberschule zum ersten Preis.

Den zweiten Preis erhält das Gottfried-Keller-Gymnasium für sein Projekt „Sog nit kejnmol …“. Dahinter steht eine Gedenkveranstaltung an Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald, in deren Rahmen ehemaliger jüdischer Nachbarn der Schule gedacht werden soll. Gleis 17 war – Sie alle wissen es – der Ort, von dem aus am 18. Oktober 1941 die ersten jüdischen Berlinerinnen und Berliner deportiert wurden.

Ich gratuliere den Schülerinnen und Schülern des Gottfried-Keller-Gymnasiums sehr herzlich zum zweiten Preis.

Und: Ich danke den Schülerinnen und Schülern beider Schulen sowie den unterstützenden Kollegien für ihr großes Engagement.

Es ist sehr wichtig, dass auch die jungen Generationen einen eigenen Zugang entwickeln zum Gedenken der nationalsozialistischen Verbrechen. Denn das Erinnern deutscher Verantwortung trägt entscheidend zur Weltoffenheit, Freiheit und Menschlichkeit unserer Gesellschaft bei.

Das Gedenken der in deutschem Namen begangenen Verbrechen ist auch ein entscheidender Baustein zur europäischen Verständigung. Nach der Wiedervereinigung registrierten unsere europäischen Nachbarn mit großer Erleichterung, dass sich das wiedervereinte Deutschland zu seiner historischen Verantwortung bekennt. Gemischt besetzte Historikerkommissionen mit deutschen, tschechischen, slowakischen und polnischen Experten haben seit den neunziger Jahren eine sehr konfliktreiche Verständigungsarbeit verrichtet, um den Sprengsatz nationaler Geschichtsbilder zu entschärfen. Diese Verständigung ist ein wichtiger Pfeiler der europäischen Einigungspolitik.

Das muss gerade vor dem Hintergrund der tiefen Krise betont werden, die Europa derzeit durchlebt. In zahlreichen Ländern greifen populistische Kräfte nach der Macht, die mit einem Austritt ihres Landes aus der EU um Wählerstimmen werben. Ihr Motto lautet frei nach Trump: Unser Land zuerst. Dass ein solcher Rückzug auf nationale Grenzen auch eine Abwicklung all dieser sehr komplexen Verständigungsprozesse bedeuten würde, von denen ich gerade sprach, liegt auf der Hand. Ebenso klar ist, dass das ein Irrweg ist.

Denn das vereinte Europa ist die Antwort auf Jahrhunderte der Feindschaft und des Krieges in Europa. Nie gab es auf unserem Kontinent eine längere Periode des Friedens und des Wohlstands. Das gilt übrigens auch für die Länder, die derzeit in einer Wirtschafts- und Schuldenkrise stecken. Diese Probleme können wir nur durch gemeinsame Anstrengungen lösen.

Nicht ein Rückzug auf nationale Grenzen und die Beschwörung einer Welt von gestern, aus der Zeit vor der Globalisierung, ist das Gebot der Stunde, sondern im Gegenteil: Jetzt gilt es erst recht Europäische Gemeinsamkeiten zu betonen und sich für das vereinte Europa einzusetzen.

Nur ein vereintes Europa kann Garant sein für Frieden, Verständigung und Wohlstand. Und nur ein vereintes Europa kann eine wichtige Kraft werden, die mithilft, in der Welt Frieden und Freiheit durchzusetzen – auch, wenn die EU da noch gewaltigen Nachholbedarf hat.

Dieses Europa ist mehr als eine Wirtschaftsgemeinschaft, es ist eine Wertegemeinschaft. Es ist nicht selbstverständlich. Es lohnt sich dafür zu kämpfen.

Deshalb kommt es gerade jetzt besonders darauf an, dass zivilgesellschaftliche Einrichtungen wie die Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa junge Menschen für das vereinte Europa gewinnen.

Aus diesem Grund, lieber André, möchte ich Dir und Deinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern am Ende meiner Rede ganz besonders dafür danken, dass Du und Deine Stiftung sich so erfolgreich für das vereinte Europa einsetzen und ihr mit Euren Aktivitäten immer wieder zeigt, wieviel Leidenschaft ihr bei jungen Leuten für unser Europa weckt. „Ich liebe Europa!“ hast Du auf dem Gendarmenmarkt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der „Pulse of Europe“-Demonstration zugerufen. Europa braucht begeisterte Europäer wie Dich, gerade jetzt!

Noch einmal allen, die dies organisiert haben: Danke für diesen Abend. Danke Ihnen allen für Ihr Kommen! Und den Preisträgerinnen und Preisträgern gratuliere ich noch mal sehr herzlich und wünsche Ihnen allen einen schönen und anregenden Abend.