Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, zur Verleihung des Berliner Literaturpreises 2017

Pressemitteilung vom 20.02.2017

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:
Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, hat am 20. Februar 2017
zur Verleihung des Literaturpreises der Stiftung Preußische Seehandlung an Ilma Rakusa
m Berliner Rathaus die folgende Rede gehalten.
Das Presse- und Informationsamt dokumentiert den Text nach dem Wortlaut des Manuskripts:

“Sehr geehrte Frau Dr. Rakusa,
Damen und Herren Abgeordnete, Ehrengäste,
lieber Herr Rasch (Vorsitzender des Stiftungsvorstandes),
sehr geehrter Herr Professor Alt,
sehr geehrter Herr Dr. Gauß (Laudator),
sehr geehrte Jury,
meine Damen und Herren,

herzlich Willkomen im Roten Rathaus zur Verleihung des Literaturpreises 2017! Ich freue mich, wieder so viele Gäste im Festsaal begrüßen zu können.
Der Berliner Literaturpreis dient einem Zweck: nämlich die deutschsprachige Gegenwartsliteratur zu fördern. So steht es im Statut der Preußischen Seehandlung. Die Sache scheint also einfach zu sein. Schaut man aber auf die eindrucksvolle Liste der Preisträgerinnen und Preisträger, dann schwindet diese Klarheit. Denn man fragt sich: Was ist hier eigentlich außer der Sprache mit „Deutsch“ gemeint? Die Herkunft kann es nicht sein. Denn groß ist die Zahl der Preisträgerinnen und Preisträger, die nicht aus Deutschland sind, sondern dem deutschen Sprachraum angehören. Oder aus anderen Ländern stammen und Deutsch nicht als ihre Muttersprache erlernt haben. Es ist ein ziemlich buntes Völkchen aus Schweizern, Österreichern und (natürlich) Deutschen. Aus Menschen, die aus Russland, Rumänien Bulgarien, der Türkei oder Slowakei stammen. Oder solchen, deren Eltern einen Migrationshintergrund haben.

Was sie aber alle verbindet, ist die Lust an der deutschen Sprache, die Fähigkeit, diese Sprache in außergewöhnliche Kunstwerke zu verwandeln. Und dabei die eigene Biographie, die besonderen kulturellen und sonstigen Prägungen sichtbar und erfahrbar werden zu lassen. Und vielleicht ist es gerade so, dass die Erfahrungen aus unterschiedlichen Kulturkreisen regelrecht drängen, in Sprache und in Literatur ausgedrückt zu werden.

Sehr geehrte Damen und Herren, wir erleben derzeit in beunruhigender Weise, dass sich viele Menschen aus unserer globalisierten Welt verabschieden wollen. Sie träumen von einem Rückzug in die überschaubare Welt des Nationalen. Sie glauben, alle Zumutungen durch gut bewachte Grenzen abwehren zu können. Aber was würde diese eingegrenzten Menschen miteinander verbinden und von den ausgegrenzten trennen? Es wäre doch wohl auch die Sprache.

Aber was bliebe von der deutschen Sprache und ihrem Reichtum, wenn ihr die Welt abhandenkäme? Ein Goethe und ein Humboldt waren Wanderer und Reisende, ohne ihre Welterfahrung wäre ihr Werk nicht denkbar. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, um an den Träger des Berliner Literaturpreises 2016 zu erinnern, wäre nicht der Schriftsteller, der er ist, ohne seinen verwobenen türkisch-deutschen Hintergrund.

Und so könnten wir am Werk vieler Preisträgerinnen und Preisträger zeigen, wie reich die deutsche Sprache und die deutsche Literatur wird durch Einflüsse und Erfahrungen aus anderen Kulturkreisen. Zwar ist Deutsch keine Sprache, die überall auf der Welt verstanden wird. Doch öffnet sie sich offenbar Menschen unterschiedlicher Herkunft und bietet ihnen eine Heimat.

Und wir erfahren diese Literatur als große Bereicherung. Sie öffnet neue Horizonte und baut Brücken in die Welt, schafft Begegnungen. So können wir Anteil nehmen am Schicksal anderer Menschen. Und wir entdecken in vermeintlich Fremdem auch uns selbst wieder. Vor allem aber stärkt eine welthaltige Literatur unsere grenzüberschreitende Empathie und unser Verantwortungsgefühl.

Ich finde, das ist das bessere Programm als Rückzug und Abschottung!

Eine in diesem Sinne herausragende Brückenbauerin ist auch die Trägerin des Berliner Literaturpreises 2017. Ilma Rakusa arbeitet nicht nur selbst literarisch, sie hat auch Werke bedeutender Autorinnen und Autoren aus dem Französischen, Russischen, Serbokroatischen und Ungarischen ins Deutsche übersetzt. Diese außerordentliche Kompetenz verdankt sich einer Biographie, die den breiten Kosmos der mittelosteuropäischen Kulturlandschaft abbildet. Ilma Rakusa wurde in der Slowakei geboren als Tochter einer Ungarin und eines Slowenen. Ihre Kindheit und Jugend verlebte sie in Budapest, Ljubljana, Triest und Zürich. Studiert hat sie in Zürich, Paris und St. Petersburg, spricht 8 Sprachen und übersetzt 4 Sprachen. Der Kritiker Martin Ebel hat Ilma Rakusa als „unfreiwillige Nomadin“ beschrieben. Die Erfahrung ihrer „Kofferkindheit“ habe nicht nur ihr Selbstgefühl, sondern auch ihr literarisches Werk geprägt. Sie schaut voller Empathie auf die Welt. Und dieser Blick gilt auch Berlin. So schreibt sie in den Vorbemerkungen ihres Berlin-Journals „Aufgerissene Blicke“ von 2013:

„Ich bin von Berlin berührt, gerade weil die Stadt wehtut. Weil sie an ihren Widersprüchen laboriert und dabei auch manch kleines Wunder vollbringt.“

Treffender kann man es kaum ausdrücken.

Ich danke der Jury für ihre hervorragende Wahl.

Sehr geehrte Frau Rakusa: Herzlichen Glückwunsch zum Berliner Literaturpreis 2017.

Ich darf Sie nun zu mir bitten, um Ihnen den Berliner Literaturpreis 2017 zu verleihen.“