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Rede des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller anlässlich des Festaktes zum 170-jährigen Bestehen des St. Hedwig-Krankenhauses

Pressemitteilung vom 14.09.2016

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, hat auf dem Festakt zum 170-jährigen Bestehen des St. Hedwig-Krankenhauses folgende Rede gehalten. Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin dokumentiert den Wortlaut des Redemanuskripts:

Exzellenz, sehr geehrter Herr Erzbischof,
lieber Herr Prälat Przytarski (falls anwesend),
sehr geehrte Herren Geschäftsführer Barthold, Grafe und Oestreich,
Herr Bezirksbürgermeister, lieber Christian Hanke,
ehrwürdige Schwestern und ehrwürdige Brüder,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,

„Wir pflegen Eure Brüder und Schwestern. Wir halten es mit den Armen und Kranken”.

Wem am Gründungstag dieser ehrwürdigen Einrichtung am 14. September 1846 der Zweck des St. Hedwig-Krankenhauses noch nicht klar war, der erfuhr spätestens im März 1848, was es damit auf sich hatte. Dieser eben zitierte Satz, den die damalige Oberin, Schwester Xaveria Rudler, den Revolutionären von 1848 auf eine entsprechende Frage entgegnete, ist wie ein Motto, das dieses Krankenhaus seit seiner Gründung begleitet.

Das St. Hedwig-Krankenhaus ist die älteste konfessionelle Klinik der Stadt und nach der Charité das zweitälteste Großkrankenhaus Berlins. Der 170. Geburtstag dieser Klinik ist ein Grund zum Feiern, und zwar – wie es sich für ein katholisches Haus gehört – mit einem „geistlichen“ Teil (den Gottesdienst mit dem Erzbischof haben sie schon gefeiert) und nun auch mit einem „weltlichen“ Festakt.

Ich bin gern zu Ihnen gekommen, weil ich Ihnen im Namen aller Berlinerinnen und Berliner herzlich zu diesem Jubiläum gratulieren möchte. Seit nunmehr 170 Jahren steht dieses Haus dank Ihrer täglichen Arbeit für gelebte Mitmenschlichkeit – kirchlich gesprochen: “Barmherzigkeit”. Weltlich würden wir den Begriff „Solidarität“ verwenden. Tag für Tag beweisen sie, dass sie es hier im Hedwigs-Krankenhaus bis heute mit den Armen und Kranken halten, gleich welcher Religion und gleich welcher Herkunft sie sind.

Sie leben in der Gesundheitsversorgung und im Umgang mit den Patienten die Vielfalt, die unsere Metropole ausmacht: Und deshalb kann ich auch unserer Stadt zu diesem Krankenhaus und seinem Wirken gratulieren.

Angefangen hat alles im Jahre 1844 mit drei Betten in einer Krankenstation, für die Privaträume gemietet wurden. Es war Anton Brinkmann, Propst an der St. Hedwigskirche, der beim preußischen König die Eröffnung eines Krankenhauses beantragte.

Berlin war seinerzeit auch eine wachsende Stadt. Menschen kamen von überall her, und auch das katholische Leben in der Stadt nahm nennenswert zu, auch wenn Berlin seit der Reformation eine eher protestantische Stadt war. St. Hedwig war damals die einzige katholische Kirche in der Stadt.

Durch das schnelle Wachstum der Stadt stieg auch die Zahl der Kranken, die eine Betreuung brauchten. St. Hedwig stellte sich dieser Herausforderung. Und so wurden aus den anfänglich drei Betten schnell sehr viel mehr. 1850 waren es schon 50 Betten. Und mit der Bettenzahl wuchs auch das Vertrauen zu dem Haus und den Ordensschwestern.

Das Hedwigs-Krankenhaus wurde zu einer Berliner Institution, und das in einer sehr bemerkenswerten Umgebung. Denn in dieser Gegend haben die Menschen unterschiedlichster Konfessionen und Weltanschauungen miteinander gelebt.
• In unmittelbarer Nachbarschaft liegt die frühere jüdische Mädchenschule.
• In der Großen Hamburger Straße war der Jüdische Friedhof, der älteste in
Berlin. In der Nazi-Zeit geschändet, wird er nicht mehr als Begräbnisstätte genutzt.
• Die Neue Synagoge in der Oranienburger Straße schließt mit ihren Hofflächen an das Krankenhausgelände an. Ihren 150. Jahrestag der Einweihung haben wir am vergangenen Sonntag begangen.
• Und nicht zuletzt ist die evangelische Sophienkirche nur einen Steinwurf weit weg und steht ebenfalls als Zeichen religiöser Vielfalt in diesem Viertel.

Es hat also funktioniert, dieses Zusammenleben in dieser Mischung, die Berlin so einzigartig macht und für uns heute noch – oder besser: Heute wieder – Richtschnur für das Leben in unserer weltoffenen und toleranten Metropole ist. Dazu hat das St. Hedwig-Krankenhaus seinen eigenen Beitrag geleistet, einen sehr wichtigen, wie ich finde.

Ich kenne das aus meiner Wohngegend in Tempelhof. Auch dort ist spürbar, wie eine katholische Einrichtung, nämlich das St. Joseph-Krankenhaus, ein ganzes Viertel in besonderer Weise prägt. Das gilt auch für das Hedwigs-Krankenhaus. Und das galt auch während der beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Das waren Zeiten der Bedrängnis, aber auch Gelegenheiten, Leuchtturm zu sein für alle, die Halt und Orientierung suchten.

So ist der Kampf gegen die NS-Diktatur in diesem Haus eng mit den Namen Erhard Lux und Margarete Happig verbunden. Der Arzt und die Fürsorgerin halfen, zusammen mit den Ordensfrauen, verfolgten Mitarbeitern, sie versteckten Juden vor der Deportation.

Auch nach dem Ende von Nazi-Deutschland war es für das St. Hedwigs-Krankenhaus nicht immer leicht. Das DDR-Regime stand dem konfessionellen Haus kritisch gegenüber. Hilfe aus dem Westen ermöglichte das Weiterarbeiten. Und dann gab es Menschen, die auf dem Fundament ihres Glaubens Besonderes taten und zu „Grenzgängern“ wurden.

Ein Beispiel ist Doktor Hermann Kahl. Er war Chefarzt vor dem 13. August 1961 und er, der in Westend lebte, blieb es auch nach dem Bau der Mauer. Für seine Patienten überwand er buchstäblich Mauern. Bis zu seinem Ruhestand im Jahre 1982 hielt er seinen Patienten im St. Hedwig-Krankenhaus die Treue. An seiner beruflichen und persönlichen Biographie wird einmal mehr der Irrsinn der deutschen Teilung und der Teilung Berlins deutlich. Aber auch der Mut einzelner Persönlichkeiten, die sich mit der Mauer nicht abfinden wollten.

Heute, mehr als ein Vierteljahrhundert nach Mauerfall und Wiedervereinigung geht das St. Hedwigs-Krankenhaus weiter seinen Weg. Es geht weiter mit der Zeit und behandelt alle, die es nötig haben. Konfessionsgrenzen gab und gibt es für katholische Krankenhäuser nicht.

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Haus hat rund 400 Krankenhausbetten für insgesamt fünf Fachrichtungen. Mit seiner Rettungsstelle nimmt das St. Hedwig-Krankenhaus an der Notfallversorgung unserer Stadt teil. Mit dem Aufbau einer geriatrischen Abteilung reagiert es auf die Zeichen der Zeit.

Als Teil der Einrichtungen der Alexianerbrüder, zu denen Ihr Haus seit 1999 gehört, arbeiten Sie in zeitgemäßen und modernen Organisationsstrukturen. Die Auszeichnungen sprechen für sich: 2016 erhielt das Hedwig-Krankenhaus das Siegel „Top Regionales Krankenhaus 2016“ in Deutschlands größtem Krankenhausvergleich. Respekt!

Nicht unerwähnt lassen möchte ich das Krankenhaus Hedwigshöhe, das ursprünglich als Erholungsheim für Mitarbeiter und genesene Patienten gegründet wurde, und dessen 75. Jubiläum wir in diesen Tagen ebenfalls begehen können. Auch dieses Haus hat einen großen und wichtigen Anteil an der medizinischen Versorgung der Berlinerinnen und Berliner, insbesondere im Südosten unserer Stadt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

für jeden einzelnen ist wohl das Krankenhaus das Beste, zu dem er oder sie Vertrauen hat. Der Anspruch aber, den ein Krankenhaus jenseits aller medizinischen Kapazitäten an sich selbst stellt, bestimmt die Atmosphäre im Haus. In diesem Falle ist es der Anspruch, wie ihn die christliche Botschaft überbringt, verbunden mit dem Hinweis der Oberin von 1848, es mit den Armen und Kranken zu halten.

Was kann ich also dem St. Hedwig-Krankenhaus wünschen? Immer volle Betten? Immer volle Wartezimmer? – Natürlich ist die Geschäftsführung stets an einer guten Auslastung des Hauses interessiert, und das sei Ihnen auch gegönnt. Ich wünsche Ihnen aber in erster Linie, dass das St. Hedwig-Krankenhaus ein Haus der Menschlichkeit bleibt, bei dem der Patient und seine Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Damit werden sie ihren Überzeugungen gerecht, auf deren Fundament diese Klinik erbaut ist. Und damit leisten Sie vor allem eins: Einen Beitrag dazu, dass auch die wachsende Stadt Berlin menschlich und solidarisch bleiben kann. In diesem Sinne: Danke an alle! Alles Gute für die Zukunft!