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Rede des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller anlässlich der Verleihung des Moses-Mendelssohn-Preises

Pressemitteilung vom 06.09.2016

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, hat auf dem Festakt zur Verleihung des Moses-Mendelssohn-Preises an Jerome Boateng und Prof. Dr. Peter von der Osten-Sacken im Wappensaal des Roten Rathauses die folgende Rede gehalten. Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin dokumentiert den Wortlaut des Redemanuskripts:

Sehr geehrter Herr Professor von der Osten-Sacken,
sehr geehrter Herr Boateng,

ich begrüße auch die Jury des Moses-Mendelsohn-Preises
insbesondere den Träger des Moses Mendelssohn-Preises 2014, Herrn Mansour, sowie Herrn Dr. Stäblein, die beide die Laudationes auf die Preisträger halten, und ich begrüße Sie, meine Damen und Herren, alle ganz herzlich im Roten Rathaus zur Verleihung des Moses-Mendelssohn-Preises des Landes Berlin 2016.

Der Moses-Mendelssohn-Preis dient der Förderung der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zwischen den Völkern und Religionen; er führt diesen Namen in Erinnerung an das Werk des Philosophen Moses Mendelssohn, das in Berlin entstanden ist. Ausgezeichnet wird jeweils eine Persönlichkeit, Gruppe oder Institution, die sich durch ihr Wirken auf geistig-literarischem, religiös-philosophischem oder kulturellem Gebiet oder durch praktische Sozialarbeit um die Verwirklichung der Toleranz im genannten Sinne verdient gemacht hat.

So steht es in den Vergaberichtlinien, nach denen erstmals am 6. September 1979, dem 250. Geburtstag des Philosophen, dieser Preis auf Anregung der Mendelssohn-Gesellschaft vom Berliner Senat vergeben wurde. Daran zu erinnern, warum wir diesen Preis vergeben, erscheint nicht nur wichtig, weil sich das Todesjahr von Moses Mendelssohn aktuell zum 230. Mal jährt. Sondern auch, um deutlich zu machen, wie wichtig und zeitgemäß das Vermächtnis dieses bedeutenden jüdischen Aufklärers ist.

Wer wollte mit Blick auf aktuelle Debatten ernsthaft bestreiten, dass die Förderung der Toleranz ein Gebot der Stunde ist? Und doch ist es nicht so ganz einfach mit der Toleranz. Sie ist kein Besitzstand, der sich in Debatten beliebig instrumentalisieren ließe, sondern hält manche Zumutungen für uns bereit. Die erste und wichtigste liegt schon im Begriff selbst. Denn Toleranz meint nach einer landläufigen Definition „Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.“ Jedoch nicht: passives Erdulden oder ohnmächtige Hinnahme. Toleranz muss aktiv erkämpft und gelebt werden.

Aber wenn das so leicht wäre, würde heute nicht so erregt über manche Streitfrage unserer Einwanderungsgesellschaft debattiert. Oft geht es dabei darum, wie es die Mehrheitsgesellschaft mit kulturellen und religiösen Praktiken von Minderheiten hält.

Toleranz zu üben fällt leicht, wenn die Menschen, um die es geht, nicht weiter auffällig, am gesellschaftlichen Rand leben. Etwas anders ist es, wenn wir selbst bedroht sind und zugleich in großer Zahl Menschen bei uns aufnehmen, die vor Krieg und Terror fliehen. Ihnen gehört unsere Solidarität. Und doch haben Teile der Gesellschaft Angst vor Fremden und fordern aus dieser Haltung heraus besondere Anpassungsleistungen.

Anpassung an was, fragt man sich. Wer sich in Berlin umschaut, stellt fest: Wenn es in unserer Gesellschaft Bekleidungsregeln gibt, dann sind sie zumindest an warmen Sommertagen außer Kraft gesetzt. Und niemand nimmt daran Anstoß. Anders bei der Burka. Sie ist eben kein beliebiges Kleidungsstück, sondern wird als Symbol für die Unterdrückung und Entrechtung der Frau verstanden, eine Einschätzung, die ich teile. Aber diese Bedeutung wird von den Verbots-Befürwortern benutzt, um gegen die Ausbreitung eines vermeintlich „gefährlichen“ Islam in unserer Gesellschaft mobil zu machen. Dabei wird bewusst ausgeblendet, dass der überwiegende Teil unserer muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger die Burka mindestens ebenso vehement ablehnt wie unsere Gesellschaft insgesamt. Aber darum geht es Befürwortern eines Verbots nicht. Sie wollen ein drastisches Symbol für die Ablehnung individueller Freiheitsrechte auf den Islam insgesamt übertragen und glauben machen, dass ein Verbot der Burka auch ein Schlag gegen den Islam bedeuten würde.

Das darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Eher würde wohl das Gegenteil eintreten: Frauen, denen das Tragen einer Burka untersagt würde, dürften dann wahrscheinlich keinen Fuß mehr vor die Tür setzen. Mit Moses Mendelssohn könnte man sagen: Viel besser als Gesetze funktioniert in solchen Fällen die Kraft der Aufklärung, der Überzeugung, des leidenschaftlichen Einsatzes für unsere Werte und für die Freiheitsrechte der Frau.

Sehr geehrte Damen und Herren: Diese Symptome zeigen: So gerne wir uns zur Toleranz bekennen, so schwer fällt es uns oft, diese auch wirklich zu praktizieren.

Was hätte uns Moses Mendelssohn geraten? Obwohl vor fast 300 Jahren geboren waren ihm unsere Probleme alles andere als fremd. Als Jude erlitt er in Berlin Ausgrenzung und Diskriminierung. Die Aufnahme in die Preußische Akademie der Wissenschaften blieb ihm trotz überragender Fähigkeiten verwehrt. Von dem berühmten Schweizer Pfarrer und Philosophen Lavater wurde er öffentlich aufgefordert, entweder in aller Form das Christentum zu widerlegen oder selber Christ zu werden. Diese und andere Schikanen haben ihn freilich nicht davon abgehalten, seinen jüdischen Glauben zu leben und sich zugleich in den Dienst der Aufklärung zu stellen.

Moses Mendelssohn hätte uns an die Toleranzpflicht erinnert, die nie nur für eine Seite gilt. Weder darf religiöser Glaube einem Zwang unterliegen, noch darf er sich in die Belange des Staates einmischen – davon war er fest überzeugt. Für ihn galt die strenge Trennung von Staat und Religion. Und er hätte uns mitgeteilt, dass Toleranz auch bedeutet, dass man sich auseinandersetzt, dass man leidenschaftliche Debatten führt über die Grundlagen unseres Zusammenlebens. Was voraussetzt,
• dass sich beide Seiten zum Dialog öffnen,
• dass zugewanderte Menschen die Sprache ihrer neuen Heimat lernen,
• dass sie sich bilden, damit sie eigenständig und selbstbestimmt eine Position in der Mitte unserer Gesellschaft einnehmen können, statt sie sich passiv am Rande zuweisen zu lassen.

Moses Mendelssohn hätte auf sich selbst verweisen können. „Als stotternder 14-jähriger Schüler mit der schmächtigen Gestalt und dem krummen Rücken“ sah er, wie Monika Maron treffend schrieb, „für sich keine andere Möglichkeit, als dem Licht des Wissens, das ihm in die Dessauer Judengasse gefallen war, in einem dreitägigen Fußmarsch nach Berlin zu folgen“ und sich seinem Lehrer David Fränkel, der als Dessauer Landesrabbiner nach Berlin berufen worden war, anzuschließen.

Und wenn auch die Bedingungen des Zuwanderers Moses Mendelssohn im Berlin des 18. Jahrhunderts weitaus schwieriger waren, als jene, die heutige Zuwanderer in Berlin vorfinden, hat er doch gezeigt, dass Integration selbst unter widrigsten Umständen gelingen kann. Wenn man sie als das nimmt, was sie für Moses Mendelssohn war: Als Notwendigkeit, sich auf Augenhöhe in leidenschaftlichen Debatten zu begegnen, um unsere Gesellschaft besser, offener, solidarischer und freier zu machen. Resigniertes Verharren in eigenen Vorurteilen war einem Moses Mendelssohn fremd. Offenheit, Bildungshunger und vernunftgeleitetes Debattieren entsprachen seinem Naturell. Damit hat er beispielhaft den Weg aufgezeigt, wie eine Einwanderungsgesellschaft funktionieren kann.

Sein Vermächtnis wurde im 19. Jahrhundert von den Mendelssohns in Berlin zu einer besonderen Blüte geführt. Diese Familie brachte einige der größten Künstler, erfolgreichsten Unternehmer, bedeutendsten Wissenschaftler und großzügigsten Wohltäter hervor, die Deutschland je gesehen hat. Eine Erfolgsgeschichte, die 1933 jäh abbrach. An ihrem Anfang stand jener Moses Mendelssohn, der unter widrigen Bedingungen dazu beitrug, auf geistigem Gebiet und durch seine Lebensführung die Grundlagen für unsere Einwanderungsgesellschaft zu schaffen.

Sein Andenken halten wir in Ehren. An sein einstiges Wohnhaus – an der Kreuzung Spandauer Straße / Karl-Liebknecht-Straße – erinnert seit Juni 2016 ein von Micha Ullman gestaltetes Bodendenkmal. Ebenfalls am heutigen Geburtstag des Philosophen wird die Verlegerin des Suhrkamp-Verlages, Unseld-Berkéwicz, in der Staatsbibliothek mit der Moses Mendelssohn-Medaille ausgezeichnet.

Und auch der Berliner Senat bereitet Moses Mendelssohn mit der Verleihung dieses Preises ein ehrendes Andenken.

Ich freue mich, dass es der Jury gelungen ist, zwei sehr unterschiedliche, aber auch sehr würdige Preisträger zu finden.

Der eine – Jerome Boateng – steht stark im Rampenlicht. Er ist als gebürtiger Berliner zu einem der besten und populärsten Fußballer der Welt aufgestiegen – worüber wir uns sehr freuen. Gerade erst wurde er zum Fußballer des Jahres gewählt. Als Verteidiger muss man schon Außergewöhnliches leisten, um in den Genuss dieser Ehrung zu kommen. Herzlichen Glückwunsch auch von dieser Stelle zu dieser Auszeichnung, die alle Berliner Sportfans freut. Dank Ihres außergewöhnlichen Talents und Ihrer großen Disziplin sind. Sie ganz nach oben gekommen. Und haben nie vergessen, wie es ist, wenn man unten steht. Sie setzen sich auf vielfältige und bewundernswerte Weise für sozial benachteiligte Jugendliche ein. Das tun Sie nicht nur mit Geld, sondern mit großem persönlichem Engagement. Auch das verdient unseren Dank und unsere Anerkennung.

Professor Dr. Peter von der Osten-Sacken hat auf den ersten Blick nicht viel mit Jerome Boateng zu tun. Auf den zweiten schon: Auch er versteht sich auf den öffnenden Pass. Professor von der Osten-Sacken hat das nach 1945 stark belastete Verhältnis zwischen Protestantismus und Judentum von evangelischer Seite her in besonderer Weise für Dialog und Verständigung geöffnet. Bis zu seiner Emeritierung hat er an der Kirchlichen Hochschule Berlin (West) gearbeitet und nach deren Fusion mit der Humboldt-Universität war er Professor für Neues Testament und Christlich-Jüdische Studien an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität. Er erhielt für sein Engagement Ehrungen und Auszeichnungen. Etwa im Jahr 2005 die Buber-Rosenzweig-Medaille vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich freue mich, dass wir diese beiden engagierten Persönlichkeiten heute mit dem Moses-Mendelssohn-Preis auszeichnen und bitte nun den 1. Laudator Probst Dr. Christan Stäblein auf die Bühne.

Beiden Preisträgern im Namen Berlins spreche ich meine herzlichen Glückwünsche aus und wünsche viel Erfolg, Kraft und Zeit für die weitere Arbeit, die vielen Menschen hilft! Alles Gute!