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Rede anlässlich des Festakts zum Auftakt des Reformationsjubiläums am 31. Oktober 2016 im Konzerthaus

Pressemitteilung vom 31.10.2016

„Da ist es sehr wichtig, dass wir Toleranz zeigen“, sagt Jérôme Boateng. Toleranz und Respekt gegenüber Andersgläubigen und Anderslebenden: Das sind die Werte, die unsere vielfältige, multireligiöse Gesellschaft zusammenhalten. Sie ermöglichen uns einen zivilen Umgang mit anderen Traditionen, mit uns fremdem Glauben. Machen wir uns bewusst: Unsere Stärke liegt in dieser Offenheit und Toleranz, in der Fähigkeit zur friedlichen Auseinandersetzung. Auf globaler Ebene, aber auch in unserem direkten Umfeld.

In diesem Sinne, meine Damen und Herren, begrüße ich Sie alle sehr herzlich zum Auftakt des Reformationsjubiläums hier im Konzerthaus am Gendarmenmarkt im Herzen Berlins.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
liebe Frau Schadt,
Exzellenzen,
Frau Staatsministerin Grütters,
sehr geehrte Ministerpräsidenten, Minister, Abgeordnete und Repräsentanten der Religionsgemeinschaften,
meine Damen und Herren,

beim Stichwort „Reformation“ denken die meisten von uns an Martin Luther, an die
95 Thesen, die er in Wittenberg wohl an die Tür der Schlosskirche angeschlagen hat. Wir erinnern uns daran, dass er Missstände wie den Ablasshandel anprangerte und seine Kirche aufrütteln und verändern wollte.

Wenn wir heute in einem öffentlichen Festakt den Beginn des Reformationsjubiläums feiern, dann vor allem aus einem Grund: Um in der Hauptstadt unseres Landes zu fragen: Was bedeuten uns die Ideen der Reformation heute? Wie haben sie unsere Gesellschaft verändert und wie prägen sie bis heute auch uns als „Kinder der Reformation“?

Martin Luther bewegte Zeit seines Lebens die Suche nach dem gnädigen Gott. Er hat sich der Selbstherrlichkeit kirchlicher Autoritäten entgegengestellt. Alle Gläubigen seien Priester, nicht nur diejenigen, die den Titel tragen: Das war sein Credo. Eine starke Ermutigung dazu, nicht einfach Dogmen oder Vorgaben „von oben“ zu folgen.

Heute sehen wir: Die reformatorische Wirkung geht weit über die Kirche hinaus und reicht bis in unsere Zeit. Demokratie und eine engagierte, kritische Bürgergesellschaft, zu der natürlich viele Mitglieder der Religionsgemeinschaften zählen, leben geradezu davon, dass es Menschen gibt, die laut „Nein“ sagen. Die „Nein“ sagen, auch wenn im Namen höherer Autoritäten Unrecht geschieht. Oder gerade dann! Demokratie lebt von Bürgern, die auf ihr eigenes Gewissen hören und sich einmischen.

Unser Gemeinwesen braucht Menschen, die Verantwortung übernehmen, Haltung zeigen und sich mutig einbringen. Und vor allem Menschen, die ihren Glauben leben und in Taten umsetzen, so wie viele Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Gemeinschaften in ihrem Alltag Mitmenschlichkeit praktizieren.

Dieses Engagement ist zentral für unsere Gesellschaft. Genauso wie eine offene und starke Kirche, die so vielen Menschen Halt gibt.

Luther hat die Bibel ins Deutsche, also in die Sprache seiner Mitmenschen übersetzt. Jede und jeder sollte sie lesen können. So hat er die Menschen zu Bildung und Aufklärung ermutigt – und eine riesige Bildungsbewegung ausgelöst, die auch von Gutenberg und seinen revolutionären Erfindungen ermöglicht wurde. Das hat unsere Gesellschaft zutiefst geprägt, bis heute.

Martin Luther war gewiss nicht frei von Irrtümern und Fehlern. Ein Beispiel ist seine Haltung zum Judentum, die von den Nazis dankbar aufgegriffen wurde und mit der sich die Kirche seit Jahrzehnten kritisch auseinandersetzt.

Allein der Blick auf das 20. Jahrhundert genügt, um zu sehen: Es gibt keinen geraden Weg von der Reformation zu unseren heutigen Vorstellungen von Toleranz und Weltoffenheit, von bürgerlichen Freiheiten und föderaler Ordnung. Die Geschichte ist voller Brüche.

Das preußische „Jeder nach seiner Facon …“ von Friedrich dem Großen ist ohne die Geschichte der Reformation nicht denkbar. Die Bürgerbewegung in der DDR hatte – ich glaube, das darf man auch angesichts vieler darin aktiver Christen sagen – reformatorische Züge.

Wenn wir auf unsere jüngere Geschichte schauen, auf die Überwindung von Unfreiheit und Diktatur, dann sehen wir, wie sich die Freiheitsgeschichte in den letzten zwei Generationen weiter entwickelt hat. Wir sehen, dass Berlin heute als Hauptstadt Deutschlands für Weltoffenheit, Liberalität und vielfältige Lebensentwürfe steht. Und das wird weltweit geschätzt.

Die Reformation hat in den letzten fünf Jahrhunderten zum Ringen um die Freiheit ermutigt. Reformatorisches Denken inspiriert uns bis heute, sich offen und ehrlich mit allen Höhen und Tiefen unserer Geschichte auseinanderzusetzen. Die Freiheit des Christentums war untrennbar verbunden mit der Schaffung einer Gesellschaft freier und gleichberechtigter Menschen.

Diesem Ziel sind wir nach wie vor verpflichtet, und zwar jeder Einzelne von uns, wir sind dafür verantwortlich, über eine bessere Zukunft nachzudenken und zu handeln.

Meine Damen und Herren,
mit der heutigen Veranstaltung als Auftakt des Jubiläumsjahres laden wir Sie herzlich ein, der Frage nachzugehen:

Welche reformatorischen Ideen können uns heute noch Kraft und Orientierung für unsere komplexe Welt geben?

Wie können sie uns helfen, ein solidarisches, gerechtes und friedliches Zusammenleben zu gestalten?

Dazu wird es nicht nur heute Gelegenheit geben. Sondern im kommenden Jahr an vielen anderen Orten in ganz Deutschland. Natürlich besonders beim Kirchentag in Berlin und Wittenberg im Mai 2017. Und bei den vielen Veranstaltungen zum 500. Jahrestag der Reformation im kommenden Jahr.

Sie sind herzlich eingeladen, sich zu beteiligen und sich von den Gedanken der Reformation anstecken zu lassen. Wir sind es, die die Freiheitsgeschichte weiter schreiben. Machen Sie mit!