Rede des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller anlässlich der Verleihung des Verdienstordens des Landes Berlin

Pressemitteilung vom 01.10.2015

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller führt in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Berliner Landesordens an verdiente Bürgerinnen und Bürger der Stadt am 1. Oktober 2015 im Großen Saal des Roten Rathauses laut Redemanuskript u.a. aus:

„Ich begrüße Sie alle herzlich zur Verleihung des Verdienstordens des Landes Berlin an verdiente Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt.

Wenn wir auf das letzte Vierteljahrhundert seit der Wiedervereinigung zurückschauen, können wir mit einem gewissen Stolz sagen: Vieles ist uns gelungen, wir haben die Vereinigung von Ost und West gemeistert. Menschen aus aller Welt fühlen sich von Berlin angezogen. Gerade in dieser Phase des Umbruchs wurde Berlin von vielen Menschen geprägt, die nicht lange nach Zuständigkeit gefragt haben, sondern entschlossen anpackten; von Menschen, die unserer Stadt wichtige Impulse gegeben haben; und von der Bereitschaft vieler, mit anderen gemeinsam die Stadt voranzubringen.

Berlin, unser ganzes Land steht aktuell vor der größten Herausforderung seit der Wiedervereinigung – der Aufnahme von Flüchtlingen, die in ihrer Heimat alles verloren haben und nun bei uns ein friedliches, sicheres Leben führen wollen.

Mich beeindruckt dieses breite bürgerschaftliche Engagement. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit diesen wertvollen und wichtigen Eigenschaften, mit kompetenten Profis in den Ämtern und Hilfsorganisationen sowie den vielen engagierten Freiwilligen und der Kraft einer starken Zivilgesellschaft auch die riesige Herausforderung, vor der wir aktuell stehen, meistern werden. Flüchtlingen nicht nur ein Dach über dem Kopf zu geben, sondern ein neues Zuhause, einen Platz in unserer Gesellschaft. Und weil dieses Thema so wichtig ist – für die Menschen, die aktuell nach Berlin kommen, aber auch für die Zukunft unserer Stadt – werden wir am 20. Oktober in einer gesonderten Veranstaltung Helferinnen und Helfer ehren, die sich im Bereich der Flüchtlingshilfe besondere Verdienste erworben haben.

Heute, am Berliner Verfassungstag wollen wir Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen unserer Stadt ehren.

Für mich ist es ein besonderer Moment, heute erstmals den Verdienstorden des Landes Berlin an Persönlichkeiten zu verleihen, die sich um unsere Stadt verdient gemacht haben. Denn sie alle stehen für die Stärken Berlins. Sie geben unserer Stadt viel und sie machen sich für Berlin stark. Jede auf ihre und jeder auf seine Weise. Für Kultur und Wissenschaft, für Toleranz und Weltoffenheit. Und ganz besonders für das, was gerade in diesen Wochen und Monaten für uns alle so wichtig ist: für den Zusammenhalt, für die Solidarität und das Miteinander in unserer Stadt über alle möglichen Unterschiede hinweg.

***
Es war das Wort des Jahres 2014: Die Lichtgrenze, mit der Berlin den 25. Jahrestag des Mauerfalls beging.

Sie erinnern sich sicherlich: Tausende leuchtende Ballons markierten ein Wochenende lang den ehemaligen innerstädtischen Verlauf der Mauer. So wurde vorübergehend noch einmal erlebbar, wie einschneidend die Teilung für unsere Stadt und ihre Menschen war. Und am Abend des 9. November ließen Patinnen und Paten die Ballons in den Himmel steigen.

Es war eine eindrucksvolle Erinnerung an das unfassbare Glück des 9. November 1989. Und ein Moment großer Gefühle. Die Lichtgrenze hat alle bewegt, es war eine großartige Stimmung – friedlich, voller Emotionen und Leichtigkeit. Ich bin sicher: Sie alle haben das ebenso empfunden. Und wer nicht mit dabei war, hat die Bilder gesehen. Sie gingen um die Welt. Und mit ihnen dieses besondere Berlin-Gefühl von Freiheit, Toleranz und Weltoffenheit.

Zu verdanken haben wir dieses Jubiläumsereignis neben der Kulturprojekte Berlin GmbH und der Stiftung Berliner Mauer maßgeblich drei Männern: Christopher Bauder und Marc Bauder. Sowie Frank Ebert von der Robert Havemann Gesellschaft.

Christopher Bauder ist eigentlich Lichtkünstler und Designer, sein Bruder Marc Filmemacher. Das bedeutet: Die beiden haben ein Gespür für Bilder und ihre Wirkung. Dennoch: Wie kommt man auf eine ebenso einfache wie brillante Idee wie die Lichtgrenze? Wir können die beiden dazu gewiss beim anschließenden Empfang befragen. Denn: Christopher und Marc Bauder sind die Erfinder dieser Lichtinstallation. Sie haben die Aktion entwickelt. Und sie haben das Mammutprojekt in monatelanger Arbeit vorangetrieben.
Zwar waren viele Menschen in der ganzen Stadt an dem Projekt beteiligt. Doch sicher ist: Ohne Christopher und Marc Bauder hätte es dieses bewegende Ereignis in der Form nicht gegeben.

Und ebenso wenig ohne Frank Ebert von der Robert Havemann Gesellschaft. Denn auch Frank Ebert gehörte zu den Organisatoren. Er hat das Gesamtkonzept für das Jubiläumsprojekt ‚25 Jahre Mauerfall‘ mitentwickelt und sich bereits im Vorfeld unermüdlich für die Realisierung der Lichtinstallation stark gemacht. Denn: Nicht alle fanden die Idee der Bauders anfangs gut. Frank Ebert hat hier viele überzeugt.
Zudem hat Frank Ebert gemeinsam mit Tom Sello, der bereits Träger des Berliner Landesordens ist, für die Robert Havemann Gesellschaft die begleitende Open-Air-Ausstellung konzipiert: Hundert Tafeln erzählten entlang der Lichtgrenze eindringliche Geschichten aus der geteilten Stadt. Das hat viele Besucherinnen und Besucher sehr berührt. Und die Schau insgesamt hat viel dazu beigetragen, dem Gesamtprojekt inhaltliche Tiefe zu verleihen.

Zwei Millionen Menschen waren in Berlin bei dem Jubiläumsereignis mit dabei. Ich danke allen, die an Konzept und Organisation beteiligt waren. Und heute ganz besonders: Christopher Bauder, Marc Bauder und Frank Ebert.

***
Ihr Metier ist der Film. Als Präsidentin der Deutschen Filmakademie gibt sie der deutschen Filmbranche eine überzeugende Stimme. Doch Iris Berben ist auch eine sehr politische Frau. Eine Reise nach Israel und die Begegnung mit einer Holocaust-Überlebenden: Das war für sie vor rund dreißig Jahren der prägende Moment. Seitdem engagiert sie sich gegen das Vergessen des Holocaust. Und setzt ihre ganze Popularität als eine der herausragenden deutschen Schauspielerinnen dafür ein, Gesicht zu zeigen gegen Rassismus und für eine weltoffene Gesellschaft

Berlin, unser Land insgesamt, verdankt Iris Berben nicht nur sehr viele Filme, in denen sie ein großes Publikum begeistert. Iris Berben steht geradezu für den Film als Kulturgut. Und sie kämpft dafür, die Bedingungen für das kreative Filmschaffen zu verbessern – in Wort und Tat und bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit, auch vor dem höchsten deutschen Gericht, wo es um die Verfassungsgemäßheit des Filmförderungsgesetzes ging.

Gerade in diesen Tagen und Wochen, in denen unser Land dank der vielen Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, noch bunter wird – gerade jetzt wird uns auch bewusst, wie wichtig das gesellschaftliche Engagement von Iris Berben für Toleranz und Weltoffenheit ist: Ihre Gespräche mit Schülerinnen und Schülern; ihr Einsatz für den Verein ‚Gesicht zeigen!‘; das Hörbuch, in dem sie aus zwei sehr unterschiedlichen Tagebüchern liest – dem der Anne Frank und dem von Joseph Goebbels; ihr Werben um gute Beziehungen zwischen Israel und Deutschland; ihre Unterstützung für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas und vieles mehr.

Liebe Iris Berben, Berlin dankt Ihnen für Ihr vielfältiges Engagement für den Film, für ein aufrichtiges Erinnern und für eine demokratische Kultur. Ich freue mich, Ihnen nun den Verdienstorden des Landes Berlin überreichen zu dürfen.

***
Zwei- bis dreimal im Jahr kommen auf Einladung der Senatskanzlei ehemalige Berlinerinnen und Berliner im Rahmen des Emigrantenprogramms für ehemals verfolgte Bürger in unsere Stadt. Es ist nicht leicht für sie, an die Stätten ihrer Kindheit und Jugend zurückzukehren. Da werden neben schönen Erinnerungen auch sehr viel Leid und manch hartes Schicksal lebendig. Barbara Boehm-Tettelbach, die ehemalige Neuköllner Physiotherapeutin, engagiert sich seit dem Jahr 2000 im Rahmen unseres Emigrantenprogramms für diese Besucherinnen und Besucher.

Da ist man nicht nur ‚Berlin-Erklärer‘, da wird man in ganz Persönliches, in familiäre Geschichte und privates Erleben einbezogen. Das verlangt Empathie, Herz und auch Mut. Frau Boehm-Tettelbach verfügt über diese Eigenschaften und sie engagiert sich persönlich für ‚ihre Emigranten‘. Nicht nur, dass sie während des Aufenthaltes immer Ansprechpartner, Ratgeber, Stadtführer und Organisator ist, auch nach der Abreise bleiben Wünsche zu erfüllen. So hilft sie bei der Aufarbeitung der Familiengeschichte, unterstützt die Forschung nach Verwandten, hält den Kontakt.

Es geht ihr aber nicht nur um Gegenwärtiges. Barbara Boehm-Tettelbach war 2006 Mitbegründerin des ‚Vereins zur Förderung des Gedenkbuches für die Charlottenburger Juden e.V.‘ Vor fünf Jahren erschien das Werk, es erinnert an fast 6.200 unter dem NS-Regime ermordete oder in den Suizid getriebene jüdische Mitbürger aus Charlottenburg. Das Buch vermittelt einen lebendigen Eindruck, was jüdisches Leben in Charlottenburg einmal ausmachte. Und das ist nützlich für unser Hier und Heute.

Für Ihr wichtiges Engagement, liebe Frau Barbara Boehm-Tettelbach, überreiche ich Ihnen den Verdienstorden des Landes Berlin.

***
Willkommenskultur: Dieses Wort hört man in diesen Tagen häufig. Gemeint sind viele, ja Tausende Frauen und Männer aus allen Bereichen unserer Stadt. Sie sind zur Stelle, um für Menschen, die alles verloren haben und nun bei uns Zuflucht vor Krieg und Terror suchen, da zu sein. Und um ihnen einen neuen Anfang in Frieden und Sicherheit zu ermöglichen. Eine der vielen Freiwilligen, die dem Begriff Willkommenskultur ein Gesicht geben, ist Johanna Hassoun.

Jouanna Hassoun kam als junge, im Libanon geborene Palästinenserin nach Berlin. Und, ich denke, man kann sagen: Sie hat in Moabit Wurzeln geschlagen. Viele Jahre arbeitete sie im Mädchen-Kultur-Treff Dünja des Moabiter Ratschlags und in verschiedenen Präventionsprojekten. Heute leitet sie beim Lesben- und Schwulenverband das Zentrum für Migranten, Lesben und Schwule. In ihrer Freizeit hilft sie den Flüchtlingen vor dem Lageso. Sie ist die ehrenamtliche Koordinatorin für die medizinische Erstversorgung von ‚Moabit hilft‘. Das heißt: Sie hat das ehrenamtliche medizinische Angebot initiiert und koordiniert die Freiwilligen, darunter Ärztinnen und Ärzte, Krankenpflegerinnen und -pfleger sowie Apothekerinnen und Apotheker. Darüber hinaus hat sie den Wunsch von lesbischen, schwulen und transgeschlechtlichen Flüchtlingen aufgegriffen, für sie eine Sommerakademie ins Leben zu rufen. Diese bietet ihnen nun auf Spendenbasis einen geschützten Rahmen, in dem sie ihre Sprachkompetenzen erweitern und Sprachhemmnisse abbauen können, aber dank ehrenamtlich aktiver Experten auch eine Einführung in die rechtliche und gesellschaftliche Lage in Berlin erhalten.

Liebe Johanna Hassoun, wenn wir Sie heute für Ihr großartiges Engagement ehren, dann denken wir mit Dankbarkeit auch an die vielen Freiwilligen in ganz Berlin, die mit ihrer Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit den Geflüchteten das Ankommen in Berlin erleichtern. In diesem Sinn darf ich Sie zu mir bitten, um Ihnen den Verdienstorden des Landes Berlin zu überreichen.

***

Dieter Rosenkranz ist gebürtiger Berliner. Doch aufgewachsen ist er in Wuppertal, wo er noch während seines Maschinenbaustudiums in die väterliche Firma einstieg. Schon als junger Mann leitete er eine Maschinenfabrik und baute später weitere Unternehmen auf – zuletzt einen expandierenden Betrieb für Spritzgusstechnik.

Dieter Rosenkranz ist also ein erfolgreicher Unternehmer. Er macht aber auch ganz andere Dinge: Er sammelt zeitgenössische Kunst. Er engagiert sich für Kunst, außerdem für Kultur insgesamt, für Bildung, Ausbildung und für eine Stärkung der Zivilgesellschaft. Und: Dieter Rosenkranz liebt Berlin.
2002 kehrte er mit seiner Frau Si in seine Heimatstadt zurück. Das war ein Glücksfall für Berlin. Denn Dieter und Si Rosenkranz, die im Sommer ihre Goldene Hochzeit feiern durften, gehören zu den wichtigsten Stiftern und Mäzenen unseres Landes. Und ihr besonderes Augenmerk gilt seitdem Berlin.

Schon ein kleiner Auszug zeigt, was Dieter Rosenkranz für Berlin leistet: Da ist die Stiftung Zukunft Berlin, die er 2006 mitbegründet hat und als deren Stifter er bis heute wirkt. Da ist sein Einsatz für die Förderung bürgerschaftlichen Engagements, für den Campus Rütli und für die musische Bildung junger Menschen. Und da ist nicht zuletzt sein beeindruckendes Mäzenatentum im Bereich der Kunst.

Mehrere Berliner Museen profitieren von Schenkungen und Leihgaben aus seiner Sammlung. Und: Ohne Dieter Rosenkranz hätte es die Temporäre Kunsthalle auf dem Schloßplatz nicht gegeben. Er hat sie mit seiner Stiftung finanziert und engagierte sich auch inhaltlich stark für das Projekt. Mit Erfolg: Die Kunsthalle hat viel dazu beigetragen, die Vielfalt zeitgenössischer Kunst in der Hauptstadt sichtbar zu machen. Und sie hat die Bedeutung von Kunst und Kultur für Berlins Zukunft hervorgehoben.

Man könnte noch viel mehr erwähnen. Denn Dieter Rosenkranz ist ein großer Freund und Förderer unserer Stadt. Heute sagt Berlin Danke.

***
Erfolg: Bei diesem Wort denken wir an Karriere, einen Sieg im Sport oder – in der Politik – eine gewonnene Wahl. Für Mohamad Taha Sabri bedeutet Erfolg, dass ein paar Jungs, die früher unten auf dem U-Bahnhof herumlungerten, in die Moschee kommen, ihm zuhören und mit ihm darüber sprechen, wie sie ihrem Leben eine neue Richtung geben können. Erfolg ist, wenn es gelingt, sie vor dem Abgleiten in Hass und Gewalt zu bewahren.

Mohamad Taha Sabri ist ehrenamtlich Imam im Norden Neuköllns, in der Moschee mit dem poetischen Namen ‚Haus des Friedens‘. Imam Sabri hält die Freitagspredigten, hat ein offenes Ohr für Gemeindemitglieder in Not und vermittelt bei Konflikten. Zu seiner Gemeinde zählen Berlinerinnen und Berliner mit Wurzeln in Afrika oder im arabischen Raum und in vielen anderen Ländern.

Der Imam der Dar-As-Salam-Moschee weiß um die Probleme seiner Gemeindemitglieder und nimmt das Gefühl vieler, nicht Teil der Gesellschaft zu sein, sehr ernst. Er vertritt einen Islam, der mit den Schwachen fühlt und sie ermutigt, sich zu bilden, sich als Teil dieser Gesellschaft zu sehen, sich Chancen zu erarbeiten. Einen friedlichen Islam, der nicht in Gläubige und Ungläubige spaltet, sondern alle Menschen als Geschöpfe Gottes sieht. Imam Sabri will vor allem jungen Gläubigen einen Weg aufzeigen, wie sie als Muslime in Berlin leben können. Er fordert sie auf, Gesicht zu zeigen gegen die Verbrechen der Jihadisten, deren Taten er unislamisch nennt. Und er nimmt die Eltern in die Pflicht, das zu tun, was ihren Kindern Perspektiven eröffnet: Nämlich in die Bildung zu investieren.

Verehrter Imam Sabri, Sie haben sich um Berlin verdient gemacht, auch als ein Teilnehmer des Dialogs der Religionen. Ihre Arbeit ist wichtig für unsere Stadt: Wichtig, weil sie Begegnung ermöglicht. Wichtig, weil sie hilft, gemeinsame Werte von Muslimen, Juden und Christen zu entdecken. Und wichtig, weil sie hilft, den Zusammenhalt in unserer vielfältigen Stadt zu stärken. Ich freue mich, Ihnen den Verdienstorden des Landes Berlin zu verleihen.

***
Vor 70 Jahren wurde Auschwitz befreit und die Nazi-Herrschaft beendet. Aus dieser Perspektive ist es geradezu ein Wunder, dass Berlin heute wieder ein Zentrum jüdischen Lebens und jüdischer Kultur ist. Die Gedenk- und Erinnerungsarbeit, die dazu nötig war und bis heute nötig ist, musste Widerstände überwinden. Das galt in Berlin auf beiden Seiten der Mauer. Dr. Hermann Simon weiß, wovon ich spreche. Als die von ihm entwickelte Ausstellung ‚Und lehrte sie: Gedächtnis!‘ zum Gedenken der Novemberpogrome im Oktober 1988 in Ost-Berlin eröffnet wurde, war das eine Sensation. Jüdische Kultur und Geschichte waren in der DDR weitgehend unbekannt und wegen der politischen Großwetterlage tabuisiert. Damals trat Dr. Hermann Simon sein Amt als Direktor des Centrum Judaicum an. Vor wenigen Wochen übergab er es nach 27 Jahren an seine Nachfolgerin. Das war eine Zäsur. Denn Dr. Hermann Simon verkörpert das Centrum Judaicum. Stück für Stück hat er das verschüttete jüdische Leben und die jüdische Kultur erforscht und in zahlreichen Publikationen und Ausstellungen sichtbar gemacht. Unter seiner Leitung wurde das Centrum Judaicum zum Herzstück jüdischer Erinnerungskultur in Berlin mit einer Ausstrahlung weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Seiner beharrlichen Arbeit ist es entscheidend zu verdanken, dass sich die Stadt ihrer bedeutenden jüdischen Prägungen bewusst werden konnte. Als Beispiel nenne ich nur sein Engagement für die Erhaltung und Restaurierung des Jüdischen Friedhofs Weißensee, des größten jüdischen Friedhofs in Europa.

Dr. Hermann Simon hat sich nicht nur für zahlreiche jüdische Einrichtungen in Berlin eingesetzt. Er tritt auch entschieden für den Dialog mit anderen Religionen und mit der Stadtgesellschaft ein. Ich hoffe, lieber Dr. Simon, dass Sie Berlin auch im Ruhestand mit Rat und Tat unterstützen werden. Heute dankt Ihnen die Stadt für Ihr großes Engagement. Ich bitte Sie zu mir, um Ihnen den Verdienstorden des Landes Berlin zu überreichen.

***
‚Das Weib schweige im Gottesdienst.‘ Dieser Satz aus dem Korintherbrief gehört zu den Schriftstellen der Bibel, die heute unweigerlich Protest hervorrufen. Und in der Tat: Man muss kein Kirchenrebell sein, um dem Heiligen Paulus bei dieser Ansicht nicht folgen zu können. Die Kirchengeschichte hat viele Beispiele, bei denen Frauen in der Kirche den Herren der Schöpfung tüchtig die Leviten gelesen oder einfach nur ihren Glauben in tätige Hilfe umgesetzt haben.

Ob Friederike Sittler jemals wirklich in der Kirche oder im Gottesdienst geschwiegen hat, ist nicht bekannt. Sicher ist aber, dass sie sich regelmäßig zu Wort meldet, wenn es um die Kirche, um Glauben und um Religion geht. Da kommt die Journalistin mit allen ins Gespräch, die sie zwischen Himmel und Erde trifft. Seit 2002 ist sie Leiterin der Redaktion Kirche und Religion im rbb und berichtet fundiert und anschaulich über Gott und die Welt.

Im Christentum ist die aus Westfalen stammende katholische Theologin besonders zu Hause und auch für sie persönlich ist immer klar, dass sich Christsein auch in der Praxis bewähren muss. Die Verpflichtung zur Nächstenliebe nimmt sie so ernst, dass sie sich neben ihrer Tätigkeit in Rundfunk und Fernsehen der Aktion ‚Laib und Seele‘ verschrieben hat – und zwar mit ‚Leib und Seele‘! Im Team mit Sabine Werth, die bereits Trägerin des Berliner Verdienstordens ist, und der Berliner Tafel, den Kirchen und dem rbb hat sie diese Aktion aus der Taufe gehoben und eine Lebensmittelverteilung ins Leben gerufen, bei der mehr als 1.200 Ehrenamtliche in über 45 Ausgabestellen rund 45.000 Menschen pro Monat versorgen. Man kann sich also nur wünschen, dass sich Friederike Sittler auch künftig nicht an irgendein Schweigegebot hält.

Liebe Frau Sittler, ich freue mich, Ihnen nun den Verdienstorden des Landes Berlin übergeben zu dürfen.

***

Geboren wurde er in Düsseldorf. Er hat lange in den USA gelebt, hat überall auf der Welt gedreht und ist nach wie vor ständig unterwegs. Seit 1996 ist er Präsident der Europäischen Filmakademie. Und er ist einer der renommiertesten Filmemacher unserer Zeit.
Wim Wenders ist also ohne Zweifel ein Weltbürger. Dennoch halten ihn viele Menschen wie selbstverständlich für einen Berliner. Nicht nur, weil er heute seinen Lebensmittelpunkt hier hat, sondern vor allem, weil er Berlin seit langem schätzt. Er selbst hat dazu einmal gesagt: ‚Die Entscheidung, aus Amerika ganz zurückzukommen und nach Mitte zu ziehen, hatte auch mit diesem Gefühl zu tun: Hier will ich gern hingehören.‘

1987 hat Wim Wenders unserer Stadt mit seinem Meisterwerk ‚Der Himmel über Berlin‘ eine wunderbare Liebeserklärung geschenkt. Und er hat damit der Mauerstadt, ihren Menschen und ihrer Sehnsucht nach einem Ende der Teilung ein filmisches Denkmal gesetzt.
Die Liste seiner weiteren großen Filme und Verdienste ist lang – zu lang, um Sie hier angemessen zu würdigen. Doch fest steht: Wim Wenders hat durch seine Liebe zu Berlin auch dazu beigetragen, die Wahrnehmung der Stadt als Filmmetropole zu befördern.

In diesem Jahr wurde Wim Wenders bereits vielfach geehrt: Mit dem Goldenen Ehrenbären der Berlinale für sein Lebenswerk. Mit der dritten Oscar-Nominierung
– diesmal für seinen Dokumentarfilm ‚Das Salz der Erde‘. Mit einer großen Retrospektive im New Yorker MoMA. Mit einer Ausstellung seiner Landschafts-fotografien im Kunstpalast Düsseldorf und aktuell mit einer Fotoschau in der Galerie Blain Southern Berlin. Hinzu kamen anlässlich seines 70. Geburtstags Interviews, Würdigungen, Gratulationen in allen großen Zeitungen.

Heute ehrt ihn seine Wahlheimat Berlin. Denn wir sind stolz und glücklich, einen bedeutenden Filmkünstler und Fotografen wie Wim Wenders einen Bürger dieser Stadt nennen zu dürfen.

***
Es wundert niemanden, wenn sich ein Bankier für Gold interessiert. Wenn es jedoch ‚weißes Gold‘ ist, dann ist das etwas Besonderes. Das ist das Metier von Jörg Woltmann.

Im Jahr 2006 übernahm er vom Land Berlin die Königliche Porzellanmanufaktur KPM. Er hat Berlins ältestes Unternehmen – gegründet 1763 – vor der drohenden Insolvenz bewahrt. Mehr noch: Jörg Woltmann hat ein Kulturgut bewahrt – ein weltweit – nicht nur unter Sammlern – bekanntes Unternehmen, ein Markenzeichen unserer Stadt.

Die KPM war und ist ein Berliner Traditionsunternehmen, das weit über unsere Stadt hinaus bekannt ist und geschätzt wird. Hier verbinden sich Tradition und Moderne. Allerdings: Ein solch zerbrechliches Gut wie Porzellan im In- und Ausland erfolgreich zu vermarkten, das ist angesichts eines großen Konkurrenzdrucks kein leichtes Unterfangen. Seit fast einem Jahrzehnt gelingt ihm dies dank seines großen Herzens und einer immensen Arbeitsleistung.
Es ging und geht Jörg Woltmann dabei nicht allein um das Porzellan und seine Tradition. An der KPM hängen Arbeitsplätze ebenso wie ein gutes Stück Berliner Geschichte. Und nicht nur das. Um die Marke zu erhalten, um die Einzigartigkeit Berliner Porzellans zu pflegen und fortzuführen, braucht es auch künstlerischen Sachverstand, muss man bereit sein, alte Techniken und Fertigkeiten in unserer modernen Zeit zu bewahren und weiterzugeben. Das ist Jörg Woltmann gemeinsam mit seinem Mitarbeiterteam in der KPM gelungen. Und das ist ein Beitrag zur Bewahrung einer schönen Tradition und eines wichtigen Teils unseres kulturellen Erbes.

Dafür, lieber Herr Woltmann, sagt unsere Stadt Ihnen heute Dank und ich verleihe Ihnen den Verdienstorden des Landes Berlin.

***
Liebe Trägerinnen und Träger des Verdienstordens des Landes Berlin, Frau Vizepräsidentin des Abgeordnetenhauses, meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass wir heute besonders engagierte Persönlichkeiten unserer Stadt für ihre Verdienste um Berlin ehren konnten. Ihnen allen sei an dieser Stelle nochmals von Herzen gedankt für Ihr Engagement und alles, was Sie unserer Stadt gegeben haben.

Ein Wort noch zur Musik. Den musikalischen Rahmen dieser Feierstunde gestaltet das Trio Laccasax. Zum Ensemble gehören: Timofey Sattarov (Akkordeon), Andrej Lakisov (Saxophon) und Bernd Gsell (Kontrabass). Herzlichen Dank an Sie drei!

Und nun freue ich mich, dass Iris Berben zu uns sprechen wird.“

- – -