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Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 62. Jahrestag des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 auf dem Friedhof an der Seestraße

Pressemitteilung vom 17.06.2015

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, führt auf der Gedenkveranstaltung anlässlich des 62. Jahrestages des Volksaufstandes in der DDR am 17. Juni 2015 auf dem Friedhof an der Seestraße laut Redemanuskript u. a. aus:

“Wir sind heute zusammengekommen, um an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 zu erinnern.

Es begann mit Protesten gegen Normenerhöhungen und weitete sich zu einem Aufstand gegen das SED-Regime aus. Etwa eine Million Menschen gingen in Ost-Berlin und mehr als 700 Städten der DDR auf die Straße. Sie wollten Freiheit. Und sie wollten die Einheit Deutschlands auf demokratischer Grundlage.

Der Protest zeigte die Ohnmacht der SED-Führung und ihre Unfähigkeit zu Reformen. Es waren sowjetische Panzer, die den Volksaufstand niederschlugen. Die Bilanz: Zwischen 60 und 80 Menschen kamen dabei um, 13.000 bis 15.000 Menschen wurden verhaftet, rund 2.300 von ihnen verurteilt. Sowjetische Standgerichte erschossen 18 Menschen, zwei wurden von DDR-Gerichten verurteilt und hingerichtet.

Aber Zahlen und Statistiken sagen wenig über die Bedeutung des Volksaufstandes. Gerade erst haben wir aus Anlass des 70. Jahrestages des Kriegsendes daran erinnert, dass die Menschen damals Frieden und Freiheit erhofften.

Sie wurden – sofern sie in Ostdeutschland, in Ost- und Mitteleuropa lebten – bitter enttäuscht. Unmittelbar nach Kriegsende begann die Sowjetunion in ihrem Machtbereich ein System der Unfreiheit und Unterdrückung zu errichten. Politisch Andersdenkende wurden eingesperrt, auch solche, die sich Hitler widersetzt hatten.

Die DDR sollte ein neues, ein besseres, ein gerechteres Deutschland werden – so hatten es die Machthaber versprochen. Aber die Menschen ließen sich nicht täuschen. Sie arbeiteten hart am Wiederaufbau und merkten schnell, dass die
SED-Herrschaft auf Unterdrückung und Unfreiheit beruhte, dass Versprechungen eines höheren Lebensstandards nicht gehalten wurden.

Die große Unzufriedenheit mit den Verhältnissen entlud sich im Volksaufstand. Der SED wurde schonungslos vor Augen geführt, dass ein großer Teil der Bevölkerung gegen sie war. Die Machthaber reagierten mit noch mehr Repression und Bespitzelung. Sie setzten auf soziale Wohltaten und bessere Konsummöglichkeiten. Nie wieder – so ihr erklärter Wille – sollte es einen 17. Juni geben.

Doch der Unmut in der Bevölkerung gärte über die Jahre weiter. Bis 1989 sind 3,5 Millionen Männer, Frauen und Kinder in den Westen geflüchtet. Allein drei Millionen bis zum Mauerbau – eine Abstimmung mit Füßen.

Wer blieb oder nach dem Mauerbau bleiben musste, arrangierte sich, versuchte, das Beste aus den Möglichkeiten zu machen. Im Schutz der Kirchen waren offene Diskussionen möglich. Die Mutigsten fanden sich in Bürgerrechts- und Oppositionsgruppen zusammen, wohl wissend, dass die Stasi immer dabei war.

25 Jahre nach der Wiedervereinigung sind wir es gewohnt, die Geschichte der DDR von ihrem Ende her zu sehen. Die friedliche Revolution und der Fall der Mauer haben unser Bild einer DDR auf tönernen Füßen geprägt, die zusammenbrach, als die Macht der SED nicht mehr von der Sowjetunion geschützt wurde.

Aber der Blick auf das Ende verzerrt die Realität, in der die DDR-Bürgerinnen und -Bürger jahrzehntelang leben mussten. Diese Realität wurde bestimmt durch brutale Unterdrückung Andersdenkender, durch Einschüchterung und Unrecht. An den Schrecken der SED-Herrschaft erinnern heute authentische Orte wie die Gedenkstätte Berliner Mauer oder die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

Für die Million Menschen, die am 17. Juni gegen Diktatur und Unterdrückung auf die Straße gingen, war der Weg in die Freiheit nicht vorgezeichnet. Die Menschen in Ost-Berlin und der DDR erhoben sich auf jede Gefahr hin. Sie waren bereit, für die Freiheit große Opfer zu bringen.

So wie im Herbst 1989, als kaum jemand ahnte, dass das SED-Regime zusammenbrechen würde. Noch wenige Wochen bevor die Mauer fiel, fragte Stasi-Chef Mielke seine hochrangigen Offiziere während einer Dienstbesprechung: „Ist es so, dass Morgen der 17. Juni ausbricht?“ Die Antwort: „Der ist Morgen nicht, der wird nicht stattfinden, dafür sind wir ja auch da.“

Ein Irrtum, der die Verblendung der Machthaber zeigt.

Der Fall der Berliner Mauer wäre nicht möglich gewesen ohne die Freiheitsbewegungen in den Ländern Ost- und Mitteleuropas: in Polen, in Ungarn, in der Tschechoslowakei. Lang ist die Liste der gewaltsam niedergeschlagenen Aufstände im Ostblock. Aber am Anfang steht der Volksaufstand vom 17. Juni 1953.

Hier, in dieser Grabstätte ruhen elf Menschen, die Opfer des Volksaufstandes wurden. Der jüngste von ihnen, Rudi Schwander, war erst 14, als ihn am Abend des 17. Juni in der Rheinsberger Straße eine Kugel traf.

Wir verneigen uns vor den mutigen Menschen des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953.”