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Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin zur Gedenkveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestages der Errichtung des Speziallagers Nr. 3 in Hohenschönhausen

Pressemitteilung vom 05.06.2015

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, führt auf der Gedenkveranstaltung anlässlich des 70. Jahrestages der Errichtung des Speziallagers Nr. 3 in Hohenschönhausen am 4. Juni 2015 im Berliner Rathaus
laut Redemanuskript u. a. aus:

“Ein Gedenkjahr wie dieses hat viele Facetten. Und manche davon besitzen Widerhaken. Sie fügen sich in keine Gedenkroutine. Sie sind komplex und schwierig, weil sie mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen verbunden sind.

Der 8. Mai ist ein solcher Tag: Der Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft: So hat es Richard von Weizsäcker in seiner historischen Rede am 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag gesagt. Befreit fühlten sich all jene, die unter der Nazi-Herrschaft besonders gelitten hatten: Juden, Zwangsarbeiter, Homosexuelle, politisch Andersdenkende, Sinti und Roma oder die Völker der von der Wehrmacht überfallenen Länder.

Aber für viele, die damals befreit wurden, folgte neue Unfreiheit und Ungerechtigkeit. Und zwar ausgerechnet durch jene, die die meisten Opfer im Krieg gegen Nazi-deutschland zu beklagen hatten. Und die große Verdienste erworben haben, dass Deutschland und Europa von der Hitler-Barbarei befreit werden konnte.

Unmittelbar nach der Kapitulation Berlins am 2. Mai 1945 richteten die neuen Machthaber das sowjetische Speziallager Nr. 3 in Hohenschönhausen ein – als eins von zehn Speziallagern in Ostdeutschland. Zu den dort Inhaftierten gehörten neben Mitgliedern und kleineren Funktionsträgern von NSDAP und SS, von Wehrmacht und Volkssturm auch Journalisten, Mitarbeiter von Presse und Rundfunk, Ärzte der Charité, Bank-Mitarbeiter und Menschen, die als Feinde des Sowjetsystems galten. Darunter waren zahlreiche Nazi-Gegner. Sie wurden willkürlich verhaftet, oft aufgrund von Denunziationen, ohne rechtsstaatliche Grundlage und ohne jeden Beweis. Zeitweise mehr als 4.000 wurden im Speziallager Nr. 3 eingepfercht. Viele von ihnen waren Kinder und Jugendliche.

Sie wurden gefoltert, die Frauen auch vergewaltigt, sie litten an schlechter Versorgung und den katastrophalen hygienischen Bedingungen. Viele starben an Infektionen und Mangelkrankheiten.

„Der Tod war in Hohenschönhausen allgegenwärtig“, erinnert sich Helmut Kind, einer von 300 liberalen Politikern, die noch 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone verhaftet und nach Hohenschönhausen verschleppt wurde. Helmut Kind kam im Februar 1947 ins KZ Sachsenhausen, wo er nach drei Jahren entlassen wurde.

Nach neuesten Forschungen starben rund 1.000 Menschen im Speziallager Nr. 3. Sie wurden in Massengräbern verscharrt. Viele Namen von Opfern sind immer noch unbekannt oder konnten erst in jüngster Zeit ermittelt werden. Denn die Existenz dieses Speziallagers (wie auch der neun anderen auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone) war ein Tabu. Nichts davon durfte an die Öffentlichkeit dringen.

Es war Willy Brandt, der als Regierender Bürgermeister 1948 vor der Presse aufrüttelnde Worte über das Schicksal der Inhaftierten fand: [ich zitiere:]

„Sie werden in GPU-Keller und in Konzentrationslager verschleppt, in Missachtung der elementarsten Humanitätsbegriffe der Kälte, dem Schmutz und dem Hunger ausgeliefert, (…) mit mittelalterlichen Methoden gefoltert, und dadurch, dass sie ihren Angehörigen nicht schreiben dürfen, seelisch zermürbt.“
Er kündigte an, dass die deutschen Helfershelfer der sowjetischen Geheimpolizei „später vor ein ordentliches Gericht gestellt und nach den in den internationalen Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg aufgestellten Gesetzen und Richtlinien abgeurteilt werden“ könnten. Dazu ist es nie gekommen.

Die Opferschicksale wurden zu DDR-Zeiten verschwiegen – auch im Westen. Das ursprüngliche Speziallager wurde nach der Schließung im Oktober 1946 durch diverse Umbauten unkenntlich, aber Hohenschönhausen blieb, was es war: eine unmenschliche Haftanstalt, in der politisch missliebige Menschen gequält und gefoltert wurden – bis 1989.

Es war und ist deshalb wichtig, die Geschichte des Speziallagers Nr. 3 aufzuklären, den Opfern Namen zu geben und einen Ort zu schaffen, an dem ihrer gedacht werden kann. Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen hat dafür in vorbildlicher Weise die Voraussetzungen geschaffen. Die Geschichte des Ortes wird in herausragender Weise dokumentiert, Opferschicksale erforscht und aufbereitet. Dafür, sehr geehrter Herr Dr. Knabe, danke ich Ihnen und Ihrem Team sehr herzlich.

Wer je an einer Führung teilgenommen hat, erfährt nicht nur alles über die Repression an diesem Ort. Die Besucherinnen und Besucher werden auch von den Schicksalen der Menschen besonders berührt. Das liegt an den Zeitzeugen, die diese Führungen organisieren. Viele von ihnen waren selbst Häftlinge und können aus erster Hand berichten, was sie erlitten haben.

Einer von ihnen ist Horst Jänichen, der als 15-Jähriger im April 1946 von der sowjetischen Staatssicherheit verhaftet wurde. Er kam erst nach Hohenschönhausen, dann ins KZ Sachsenhausen, das die Sowjets als Speziallager Nr. 7 führten. Nach seiner Freilassung im Juli 1948 engagierte er sich im politischen Widerstand, wurde im Dezember 1950 erneut verhaftet und kam erst im Januar 1959 frei. Er lebte dann in West-Berlin, engagierte sich politisch und war unter anderem Mitglied der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Lieber Herr Jänichen, ich danke Ihnen, dass Sie heute ins Berliner Rathaus gekommen sind, um zu berichten, was sie damals erlebt und erlitten haben.

18 Jahre alt war Lotte Ohnezeit, als sie im August 1945 verhaftet und nach Hohenschönhausen verschleppt wurde. Dort begegnete sie dem Filmstar Heinrich George, der im Jahr darauf in Sachsenhausen an den Folgen einer Blinddarmentzündung starb. Auch Lotte Ohnezeit musste nach Sachsenhausen. Erst 1948 wurde sie, zwei Tage nach ihrem 21. Geburtstag, aus Sachsenhausen entlassen. Liebe Frau Ohnezeit, auch Ihnen danke ich sehr, dass Sie zu uns gekommen sind, um zu berichten, was Sie und andere Gefangene im Speziallager Nr. 3 erleiden mussten.

Ich hatte eingangs gesagt, Gedenkjahre haben Widerhaken. Die Erinnerung kann schwierig und schmerzhaft sein. Aber es führt kein Weg daran vorbei, dass wir uns ihr stellen, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufgeklärt werden, dass die Opfer nicht anonym bleiben, sondern ihre Namen zurückbekommen. Nur so sind Frieden und Versöhnung möglich. Ich habe es gerade bei meiner Reise in Buenos Aires erlebt: Auch dort hat es lange gedauert bis die Verbrechen der Militär-Diktatur erforscht und die Opfer anerkannt wurden. Aber erst dieser Weg machte eine gesellschaftliche Versöhnung möglich.

Ich danke noch einmal ausdrücklich allen, die sich in diesem Sinne für die Aufklärung der Geschichte des Speziallagers Nr. 3 engagieren.

Berlin verneigt sich vor den Opfern!”