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Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, zum 66. Jahrestag der Beendigung der Blockade Berlins am 12. Mai 2015

Pressemitteilung vom 12.05.2015

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, führt in seiner Rede anlässlich der Gedenkstunde zum 66. Jahrestag der Beendigung der Berlin-Blockade am 12. Mai 2015 auf dem Platz der Luftbrücke laut Redemanuskript aus:

„Das Ende der Berlin-Blockade jährt sich heute bereits zum 66. Mal. Das ist eine lange Zeit. Immer weniger Berlinerinnen und Berliner können sich aus eigenem Erleben an diesen Tag erinnern. Dennoch sind heute erneut auch viele jüngere Menschen aus unserer Stadt gekommen. Das zeigt, wie lebendig das Gedenken an die Luftbrücke für uns Berlinerinnen und Berliner nach wie vor ist. Man kann sogar sagen: Kaum ein anderes Ereignis der Nachkriegszeit hat sich so nachhaltig in das Stadtgedächtnis eingebrannt wie die Blockade und ihr glückliches Ende am 12. Mai 1949.

In diesem Sinne: Ihnen allen ein herzliches Willkommen. Es freut mich sehr, dass Sie so zahlreich erschienen sind. Es ist heute das erste Mal, dass ich an diesem Ort als Berlins Regierender Bürgermeister zu Ihnen spreche. Doch schon früher habe ich an dieser Veranstaltung regelmäßig teilgenommen. Denn das Gedenken an die Luftbrücke liegt mir auch persönlich sehr am Herzen. Auch ich war zwar zur Zeit der Berlin-Blockade noch nicht geboren. Aber ich bin in unmittelbarer Nähe des Flughafens Tempelhof aufgewachsen und lebe hier nach wie vor. Das Luftbrückendenkmal kenne ich von klein auf. Und mein Vater hat die Blockade miterlebt und mir oft von dieser Zeit erzählt: Wie sie als Kinder die Rosinenbomber beobachtet und aufgeregt auf den Abwurf der Süßigkeiten gewartet haben. Mit diesem Teil der Berliner Geschichte war ich also schon als Junge konfrontiert. Und auch später habe ich immer wieder gespürt, wie sehr diese dramatischen elf Monate zwischen dem Juni 1948 und dem Mai 1949 das Verhältnis zwischen Berlin und der westlichen Welt geprägt und beeinflusst haben.

Man muss in diesem Zusammenhang an einen weiteren wichtigen Gedenkanlass in diesen Tagen erinnern: Ich meine das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren, am 8. Mai 1945. Der bedingungslosen Kapitulation Hitler-Deutschlands war der 2. Mai vorausgegangenen – der Tag an dem Berlin kapitulierte. Nicht nur Berlin, ganz Europa war anschließend ein Trümmerfeld. Die Zahlen der Opfer des Nazi-Terrors lassen sich bis heute nur schätzen, sie übersteigen jede Vorstellung. Und Berlin war die Stadt, von der aus die Nationalsozialisten ihre menschenverachtende Herrschaft ausgeübt hatten. Und von der aus der verbrecherische Angriffskrieg entfesselt und in die Welt getragen worden war.

Es ist wichtig, sich das immer wieder vor Augen zu führen. Nur dann lässt sich ermessen, was die Luftbrücke kaum vier Jahre später bedeutete: Fast ein Jahr lang versorgten die westlichen Siegermächte ihre einstigen deutschen Gegner aus der Luft. Das war weit mehr als eine Krisenintervention. Das war so kurz nach Kriegsende ein beispielloser Akt der Solidarität mit den Menschen im West-Teil unserer Stadt. Denn als die Sowjetunion in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni 1948 sämtliche Versorgungswege nach West-Berlin blockierte, traf das die gut zwei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner hart. Drei Viertel aller Häuser waren kriegszerstört. Der Wiederaufbau hatte noch nicht richtig begonnen. Hunger und Not waren nach wie vor stets präsent. Ohne das entschlossene Handeln der Westalliierten hätte die eingeschlossene Stadt in dieser kritischen Situation nicht überlebt.

Bei insgesamt fast 280.000 Flügen flogen sie damals weit mehr als zwei Millionen Tonnen Hilfsgüter in die Westsektoren der ehemaligen Reichshauptstadt. Keine Luftbrücke hat je wieder diese Dimension erreicht. Sie war eine menschlich und logistisch einzigartige Rettungsaktion. Bis heute gilt der „Berlin Airlift“ als Vorbild für humanitäre Flugmissionen.

Zugleich lehrt die Erinnerung an die Luftbrücke viel über die große Kraft der Versöhnung und über den Wert von Freiheit, Demokratie und Menschlichkeit. Mit den Hilfsflügen kamen Mut und Zuversicht zurück in die zerstörte Stadt. Und die westlichen Alliierten bewiesen eindrucksvoll, dass sie West-Berlins Freiheit und Sicherheit niemals preisgeben würden. Das hat während der langen Zeit der Teilung auch den Menschen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs die Hoffnung gegeben, dass sich die Verhältnisse eines Tages wieder ändern würden.

Inzwischen liegen Mauerfall und Wiedervereinigung 25 Jahre zurück. Berlin ist zur Hauptstadt eines demokratischen, mit seinen Nachbarn versöhnten Landes geworden. Und unsere Stadt wird überall auf der Welt als tolerante, weltoffene und lebenswerte Metropole wahrgenommen.

Wir wissen: Die westlichen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs haben zu dieser Entwicklung maßgeblich beigetragen. Die Luftbrücke markiert den Beginn einer einzigartigen Beziehung zwischen Berlin und seinen alliierten Schutzmächten. Aus Besatzern sind in dieser Zeit Beschützer geworden. Und aus Beschützern wurden Partner und Freunde. Wir gedenken deshalb heute voller Dankbarkeit des mutigen Engagements der Männer und Frauen aus den Vereinigten Staaten, aus Großbritannien und Frankreich, Kanada, Südafrika, Neuseeland und Australien während der Berliner Luftbrücke. Unter Einsatz ihres Lebens haben sie Berlin in schwerster Bedrängnis zur Seite gestanden und dieser Stadt damit überhaupt erst die Chance auf eine friedliche und demokratische Zukunft eröffnet. Wir werden das niemals vergessen. Und wir werden auch die 78 Opfer der Luftbrücke nicht vergessen. Ihr Tod mahnt uns, uns auch in Zukunft für Freiheit, Toleranz und Völkerverständigung in aller Welt zu engagieren.

Zugleich mahnt uns das Gedenken an die Luftbrücke, alles für Menschen zu tun, die heute Schutz vor Krieg und Not, vor Verfolgung und Diskriminierung bei uns suchen. Berlin hat nach dem Kriegsende, während der Blockade und der Teilung Solidarität und Unterstützung aus der ganzen Welt erfahren. Daraus erwächst für uns auch eine Verantwortung für die Gegenwart. Und das bedeutet: Sich solidarisch zu zeigen mit allen, die heute um Aufnahme und Asyl bei uns bitten. In diesem Sinne wollen wir auch die Erinnerung an die Luftbrücke von Generation zu Generation weitergeben.“