Ukraine

Informationen für Geflüchtete aus der Ukraine und ehrenamtlich Helfende / Інформація для біженців з України і для волонтерів: berlin.de/ukraine

Zentrale Informationen der Berliner Verwaltung zum Coronavirus finden Sie weiterhin unter: berlin.de/corona

Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Michael Müller, anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an W. Michael Blumenthal

Pressemitteilung vom 24.04.2015

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, führt beim Festakt anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin an W. Michael Blumenthal, Gründungsdirektor des Jüdischen Museums, am 24. April 2015 im Festsaal des Roten Rathauses laut Redemanuskript u. a. aus:

„Ich begrüße Sie alle sehr herzlich im Roten Rathaus zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde an W. Michael Blumenthal.

Ihr Name, lieber Herr Blumenthal, ist für die Berlinerinnen und Berliner untrennbar mit dem Jüdischen Museum Berlin verbunden. Denn dieses wunderbare Haus, auf das wir in Berlin sehr stolz sind, wäre ohne Ihr großes Engagement in seiner heutigen Form nicht denkbar.

Das Jüdische Museum erzählt 2000 Jahre jüdisch-deutsche Geschichte. Es ist eine Geschichte der Aufs und Abs, der glanzvollen Blüte-Zeiten ebenso wie dunkler Zeitalter brutaler Verfolgung. Wer das Jüdische Museum besucht, erfährt – ob Jude oder Nicht-Jude – viel über die eigene Herkunft und über dieses Land.

Zugleich steht das Jüdische Museum als Monument dafür, dass jüdisches Leben und jüdische Kultur nach dem Holocaust wieder ihren festen Platz in Berlin gefunden haben, dass sie in dieser Stadt und in diesem Land fest verankert sind. Heute kann man feststellen: Das Jüdische Museum ist ein Leuchtturm nicht nur der Berliner Museumslandschaft, sondern der Stadt und Deutschlands insgesamt.

Schaut man zurück auf die überaus konfliktreiche Gründungsgeschichte des Jüdischen Museums, dann kommt einem dieser Erfolg wie ein Wunder vor. Als Sie, lieber Herr Blumenthal, das Jüdische Museum Berlin 1997 als ehrenamtlicher Gründungsdirektor übernahmen, da hatten Sie eine erfolgreiche Karriere als amerikanischer Finanzminister und als Top-Manager der Wirtschafts- und Finanzbranche hinter sich.

Ein amerikanischer Staatsbürger mit Berliner Wurzeln, welterfahren und seiner Familiengeschichte auf der Spur: So kamen Sie damals nach Berlin. Man konnte annehmen, dass Sie mit Sicherheit gerne ein Museum besuchten – aber doch nicht, dass Sie gleich eins gründen würden.

Und dann der unsägliche Streit, der der Gründung vorausging. Ich will das hier nicht ausführen. Bücher sind darüber geschrieben worden. Und auch in Ihren Memoiren kann man Erhellendes dazu lesen.

Ihrer Standfestigkeit, Ihrem Geschick und Ihrer Fortune ist es zu verdanken, dass das Jüdische Museum Berlin zu einer einzigartigen Erfolgsgeschichte wurde.

Es ist also sehr leicht zu sagen, worin Ihre herausragenden Verdienste liegen, die Sie für die Ehrenbürgerwürde Berlins qualifizieren. Weit komplexer ist es, Ihre Haltung zu ergründen, mit der Sie sich auf das Berliner Abenteuer eingelassen haben.

Denn schaut man über die letzten 18 Jahre hinaus, dann schwinden die Gewissheiten. Betrachtet man Ihr ganzes Leben, das inzwischen 89 Jahre währt, dann erscheint vermeintlich Klares, Vorgezeichnetes brüchig und gefährdet.

Ihre enorme Lebensleistung, die eindrucksvolle berufliche Karriere: Sie basieren auf Tüchtigkeit und Ambition. Und zugleich spürt man, wenn man Ihren Lebensweg nachverfolgt, Ihr Wissen um die Grenzen eigener Planungen und Handlungen.
Und das Bewusstsein, auch den Mächten der Geschichte ausgeliefert zu sein, die ein Einzelner kaum beeinflussen kann.

In Ihren Memoiren ‚In achtzig Jahren um die Welt‘ halten Sie immer wieder inne und wundern sich selbst, wie es so kommen konnte. Man gewinnt den Eindruck, dass dieses Staunen Ihnen auch eine große Freiheit gibt. Die Freiheit, einen offenen Blick auf die Welt und die Wechselfälle des Lebens zu werfen. Und sich frei zu fühlen, Chancen zu nutzen, wenn sie sich bieten.

Der Ton, in dem Sie über Ihr Leben sprechen und schreiben, entspringt einer heiter-skeptischen Gelassenheit, die dort, wo es Ihnen angebracht erscheint, einer ansteckenden Zuversicht Platz macht.

Es ist gewiss nicht vermessen zu behaupten, dass darin Ihr Erfolgsrezept liegt: Die Fähigkeit, Menschen zu gewinnen und gordische Knoten zu durchschlagen, an denen andere scheitern. Ich denke in diesem Zusammenhang nicht nur an das Jüdische Museum, sondern auch an Ihren Einsatz für das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas, dessen Realisierung durch den Streit über die Beteiligung des Degussa-Konzerns plötzlich auf der Kippe stand. Diesen Konflikt haben maßgeblich Sie entschärft.

Eine solche Haltung verdankt sich vielfältigen Lebenserfahrungen, darunter solchen, die man niemandem wünschen mag.

Ihre Kindheit und Jugend standen unter einem denkbar schlechten Stern. 1926 in Oranienburg geboren, zogen Sie schon bald nach Berlin um.

Ihre Eltern suchten einen Neuanfang in der Hauptstadt, nachdem der Zusammenbruch der Familienbank alle Ersparnisse gekostet hatte.

Aber die große Depression der Weltwirtschaftskrise erfasste bald auch Berlin. Und die braunen Uniformen kündigten neue Zeiten an. Neben wirtschaftlicher Not prägten Ausgrenzung und offener antisemitischer Hass Ihre Kindheit. Vorsicht, Unsicherheit und Angst, so haben Sie es geschrieben, war damals Ihr beherrschendes Lebensgefühl. Während der Novemberpogrome 1938 mussten Sie miterleben, wie die Synagoge in der Fasanenstraße in Flammen aufging, das elterliche Geschäft verwüstet und Ihr Vater verhaftet wurde. Er blieb zwei Monate in Buchenwald inhaftiert.

Im April 1939 gelang Ihnen und Ihrer Familie im letzten Moment die Flucht nach Shanghai. Es war eine Flucht vor dem drohenden Tod. Kein anderes Land hätte Ihre Familie damals aufgenommen. Shanghai bedeutete Rettung, aber es war auch eine Zeit großer Härten.

1947 kamen Sie nach Amerika. Und für Sie begann Ihr persönlicher amerikanischer Traum. Ihre Karriere nahm einen atemberaubenden Lauf: vom Studenten der Wirtschaftswissenschaften in Princeton über Spitzenjobs in Wirtschaft, Finanzen und Politik, die sie unter anderem zwischen 1976 und 1979 bis ins Amt des Finanzministers unter Präsident Jimmy Carter führten.

Eine Bilderbuch-Karriere, wie sie selbst in Amerika selten ist. Kein Wunder, dass Sie dieses Land sehr schätzen gelernt haben und sich durch und durch als Amerikaner fühlen.

Deutschland und Berlin haben Sie in dieser Zeit öfter besucht, aber stets mit beklommenen Gefühlen. Doch die Wiedervereinigung Deutschlands und Berlins wurde für Sie wie auch für andere jüdische Emigranten, ich nenne nur Heinz Berggruen, Helmut Newton oder Ken Adam, zu einer neuerlichen Zäsur in Ihrem Verhältnis zur alten Heimat.

Aber zunächst überwog die Unsicherheit. In Ihren Memoiren beschreiben Sie, wie Sie als Gast des damaligen Daimler-Chefs – und heutigen Berliner Ehrenbürgers – Edzard Reuter die Einheitsfeiern am 2. Oktober 1990 vom obersten Stockwerk des Hotels InterContinental in der Budapester Straße verfolgten.

Sie hatten ein sehr mulmiges Gefühl. Bilder Ihrer Berliner Kindheit stiegen in Ihnen auf. Unbeschwerte Szenen mischten sich mit Erinnerungen an die Verfolgung. Ihre Besorgnis teilten damals viele Menschen in der Welt, die Angst vor einem neuen Groß-Deutschland hatten.

‚Doch wie so oft an entscheidenden Punkten meines Lebens, an denen umwälzende politische Ereignisse die Geschichte des 20. Jahrhunderts veränderten, drehte sich das Rad in ungeahnter Weise …‘, schreiben Sie. Denn wieder einmal stand eine berufliche Neuorientierung an. Sie hatten das Angebot, Treuhand-Manager zu werden. Aber noch entscheidender war dann für Sie etwas anderes.

Nämlich das, was Ihnen Ihr Anfang der 90er-Jahre verstorbener Vater hinterließ: ‚Kaum weltliche Güter‘, aber einen eindrucksvollen, bis ins 17. Jahrhundert zurückreichenden Stammbaum. Zu Ihren Vorfahren zählen der Juwelier Jost Liebman, der im
17. Jahrhundert aus der Armut zu einem der reichsten Bürger Berlins aufstieg. Ferner Rahel Varnhagen, der Komponist Giacomo Meyerbeer, der Literaturwissenschaftler und Journalist Arthur Eloesser sowie Ihr Urgroßvater, der Bankier Louis Blumenthal, der einer der geachtetsten Bürger von Oranienburg war.
In der Tat: Eine höchst eindrucksvolle Familiengeschichte, den Mendelssohns nicht unähnlich. In ihr spiegeln sich alle Facetten des komplizierten deutsch-jüdischen Verhältnisses.

Aus diesem väterlichen Vermächtnis wird ein tiefes Interesse an der eigenen Familiengeschichte, das zu eindrucksvollen Publikationen führte. 1999 veröffentlichten Sie das Buch ‚Die unsichtbare Mauer. Die dreihundertjährige Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie‘. 2010 folgte Ihre Autobiographie ‚In achtzig Jahren um die Welt. Mein Leben‘.

Sie waren angekommen in einem wiedervereinten Berlin, das sich seiner Geschichte stellt, das stolz darauf ist, Jahrzehnte nach dem furchtbaren Völkermord wieder jüdisches Leben und jüdische Kultur zu beherbergen. Heute können wir dankbar feststellen: Das Berliner Judentum ist untrennbar mit dieser Stadt verbunden.

Aber das ist keine Selbstverständlichkeit. Dafür müssen wir uns engagieren. Denn mahnend steht noch immer das Verdikt des großen, in Berlin wirkenden Rabbiners Leo Baeck im Raum, der nach seiner Befreiung aus dem KZ Theresienstadt sagte:
‚Die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei.‘

Sie, lieber Herr Blumenthal, zitieren diesen Satz in Ihrer Autobiographie. Ihrem Wirken ist es entscheidend mit zu verdanken, dass sich diese Prophezeiung nicht erfüllt hat.

‚Auch ich bin – wieder – ein Berliner‘: So lautet Ihr Bekenntnis. Ich darf hinzufügen: Sie sind ein begeisterter und begeisternder Berliner und ein herausragender Botschafter unserer Stadt. Und dafür – für Ihren persönlichen Beitrag zu einem gelingenden Zusammenleben in unserer Stadt und für Ihr Wirken über Berlin hinaus – möchte ich Ihnen heute ganz besonders herzlich danken.

Mit Ihrer völkerverbindenden Persönlichkeit und als unerschütterlicher Fürsprecher der deutsch-jüdischen Versöhnung haben Sie entscheidend dazu beigetragen, dass Berlin weltweit als Metropole wahrgenommen wird, die sich aus Verantwortung für ihre Geschichte zu Freiheit, Toleranz und Weltoffenheit bekennt.

89 Jahre alt sind Sie im Januar geworden. Sollten Sie mit Ihrem Alter hadern, habe ich jetzt einen Trost für Sie bereit. Ab heute sind Sie der Jüngste – ich meine: der jüngste Ehrenbürger von Berlin (in der Reihenfolge der Auszeichnungen).

Lieber Michael Blumenthal: Berlin ist stolz und dankbar, Sie einen Bürger dieser Stadt nennen zu dürfen. Abgeordnetenhaus und Senat von Berlin ernennen Sie zum Ehrenbürger Berlins.“