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Rede des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit auf dem Festakt zum 25. Jahrestag des Falls der Mauer im Konzerthaus Berlin

Pressemitteilung vom 09.11.2014

Sperrfrist: 16.00 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führt laut Redemanuskript auf dem Festakt zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im Konzerthaus Berlin aus:

Glückliches Berlin, glückliches Deutschland. Heute vor 25 Jahren fiel die Mauer!

Das haben mutige Bürgerinnen und Bürger in Ost-Berlin und in der ganzen DDR erreicht. Sie haben den Weg zum Fall der Mauer bereitet. Und sie haben entscheidenden Anteil daran, dass Deutschland die historische Chance bekam, Diktatur und Unterdrückung zu überwinden und sich in Freiheit und Solidarität wieder zu vereinigen.

Heute können wir sagen: Wir haben die Chance genutzt. Und wir haben allen Grund, auch heute, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer, dieses Glück zu empfinden. Niemand wird den 9. November 1989, diesen Tag der Freude und des Glücks, jemals vergessen.
Berlin sagt: Danke!

Ganz besonders danken möchte ich den Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtlern. Mit ihrem Freiheitskampf haben sie den Weg zur großen Umwälzung geebnet. Sie haben die Angst vor dem allmächtigen Unterdrückungsapparat überwunden. Weil die Sehnsucht nach Freiheit stärker war. Und diese Sehnsucht hat Millionen erfasst, die im Herbst 1989 gegen die Staatsmacht auf die Straße gingen.

Ich freue mich, dass heute die Repräsentantinnen und Repräsentanten aller Verfassungsorgane ins Konzerthaus gekommen sind, um mit uns gemeinsam in der Hauptstadt an die friedliche Revolution und den Fall der Mauer zu erinnern.

Der Fall der Mauer hat Berlin verändert. Er hat die Welt verändert. Und er wäre ohne die Solidarität und ohne die Unterstützung unserer Nachbarn in Europa, der alliierten Schutzmächte und vieler Länder der Welt nicht möglich gewesen. Und auch nicht ohne ein Europa, das gelernt hatte, Konflikte nicht mehr kriegerisch auszutragen, sondern friedlich am Verhandlungstisch. Für dieses Europa, das für seine historische Leistung den Friedensnobelpreis erhielt, steht der Präsident des Europäischen Parlaments.
Herzlich willkommen, Martin Schulz!

Ganz besonders freue ich mich, dass heute einige internationale Wegbereiter des Wandels von 1989 unter uns sind. Es war die Gewerkschaft Solidarnosc, die mit ihrem großen Streik in der Danziger Leninwerft Anfang der 80er Jahre das Tor zum Wandel aufstieß und die Bürgerrechtsbewegung in ganz Europa inspirierte. Ich begrüße den Friedensnobelpreisträger und früheren Präsidenten der Republik Polen: Lech Wałeşa! Es war im Mai 1989, als die ungarische Regierung damit begann, die Grenzanlagen zu Österreich abzubauen. Ich begrüße herzlich den damaligen Ministerpräsidenten Ungarns. Er trug die Verantwortung für diesen wichtigen Schritt zur Überwindung der Grenzen in Europa. Herzlich willkommen, Miklos Nemeth!

Und es war ein mutiger Mann an der Spitze der Sowjetunion, der den Menschen auf der ganzen Welt in Zeiten des Kalten Krieges Hoffnung gemacht hat – mit gesellschaftlichen Reformen, neuer Offenheit und Initiativen zur Abrüstung. Ohne seine Besonnenheit wäre es nicht friedlich geblieben. Dafür erhielt er den Friedensnobelpreis. Viele Berlinerinnen und Berliner nennen ihn bis heute liebevoll „Gorbi“: Herzlich willkommen unserem Ehrenbürger Michael Gorbatschow!

Und einer wollte heute gerne mit uns feiern. Der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. Er hat wesentlich dazu beigetragen, Vertrauen in das vereinigte Deutschland aufzubauen und damit den Weg hin zur staatlichen Einheit zu ebnen. Er ist leider von einer Krankheit noch nicht ganz genesen. Alles Gute, lieber Hans-Dietrich Genscher.

Er ist nicht da, aber ich grüße von dieser Stelle auch den Kanzler der deutschen Einheit Helmut Kohl. Ich heiße auch den Architekten der Entspannungspolitik Willy Brandts willkommen, unseren Ehrenbürger Egon Bahr. Es ist auch derjenige unter uns, der rund um den 9. November 1989 als Regierender Bürgermeister das Gesicht Berlins war: der Mann mit dem roten Schal. Ich begrüße Walter Momper. Und ich begrüße Eberhard Diepgen, der den Prozess des Zusammenwachsens in den Jahren nach dem Fall der Mauer als Regierender Bürgermeister gestaltet hat.

Der Film eben hat uns noch einmal hineingezogen in die Emotionen des Jahres 1989. Die Wut der Bürgerinnen und Bürger nach den gefälschten Kommunalwahlen. Der tief sitzende Frust, der immer mehr Menschen dazu brachte, die DDR zu verlassen. Die Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit. Auf der anderen Seite: Die Arroganz der Herrschenden im Politbüro. Unfähig und unwillig die Zeichen der Zeit zu erkennen. Dann aber vor allem der wachsende Mut der Menschen. Die Friedensgebete in den Kirchen. Der berühmte Montag von Leipzig. Herr Bundespräsident, Sie haben daran erinnert: An jenem 9. Oktober 1989 stellten die Bürgerinnen und Bürger von Leipzig die Weichen für das Ende der Diktatur.

Und dann die große Kundgebung am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz. Die Menschen haben ihre Sprachlosigkeit überwunden. Sie spürten: Diese friedliche Revolution war unumkehrbar geworden. Es ist bewegend, diese emotionalen Momente noch einmal nachzuempfinden. Zu sehen, wie Tausende Menschen an der Mauer am Brandenburger Tor feiern. Oder die junge Frau, die spontan den Grenzpolizisten küsst, als er ihr bestätigt, dass die Grenze offen ist – und offen bleibt. Eine berührende Szene. Ich freue mich, dass beide heute unter uns sind.

Aber es sind eben längst nicht mehr nur Gefühle; es ist das Wissen um die Veränderungen, die der 9. November 1989 markiert. Das Ende des Kalten Krieges. Das Ende der Teilung Deutschlands und Europas. Der Aufbruch in eine neue Zeit.

Heute können wir sagen: Der 9. November 1989 steht dafür, dass Mauern überwindbar sind – mit Mut und Entschlossenheit, und – ja: mit friedlichen Mitteln! Berlin steht seither dafür, dass das Unmögliche möglich wurde. Dies ist die prägende Erfahrung unserer Zeit. Und wir alle stehen in der Verpflichtung, die Chancen, die sich daraus ergeben, zu nutzen. In einem freien, offenen Europa, von dem die Menschen vor 1989 nur träumen konnten.

Heute wollen wir noch einmal daran erinnern: Es war ein langer Kampf, und es hat viele Opfer gegeben:

  • die Inhaftierten im Gulag;
  • die Dissidenten der ungarischen Freiheitsbewegung von 1956 oder der Charta 77,
    die oft jahrelang inhaftiert wurden;
  • die vielen jungen Menschen, denen man die Zukunft verbaute, weil sie in Opposition zum System standen;
  • die Ausgebürgerten;
  • die Opfer der Stasi, die gedemütigt wurden und schrecklich gelitten haben;
  • die Menschen, die noch bis ins Jahr 1989 bei Fluchtversuchen an der Mauer
    starben – erschossen von DDR-Grenzern oder ertrunken in den Grenzgewässern rund um die Stadt.

Sie alle waren von der Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit getrieben. Wir dürfen und wir werden sie nicht vergessen.

Ja, der Anfang nach dem Ende der Teilung war für viele Menschen schwer. Fast nichts blieb, wie es war. Viele wurden arbeitslos. Manche fühlten sich als Verlierer der Einheit. Viele wurden auch erst einmal schamlos betrogen von Geschäftemachern, die nur eines im Sinn hatten: Profit zu schlagen in Zeiten von Umbruch und Unübersichtlichkeit. Wir wollen all die Menschen und ihre Lebensleistung nicht vergessen, die schwere Rückschläge hinnehmen und das Gefühl haben mussten, nicht mehr gebraucht oder nicht wirklich willkommen zu sein in dieser neuen Zeit. Das Zusammenwachsen war auch politisch alles andere als einfach. Die Zusammenlegung der Verwaltungen in Ost und West, die Wiederherstellung von Straßen und Bahnverbindungen über die frühere Grenze hinweg, der Umbruch in Wissenschaft und Hochschulen, das Ringen um Arbeitsplätze mit Zukunft: alles gleichzeitig und auch damals hatte der Tag nur 24 Stunden…

Wer dabei war, weiß: Diese außergewöhnliche Situation hat enorme Energien freigesetzt. Dennoch war es ein gigantischer Kraftakt. Und immer wieder hat sich gezeigt: Der Wille zum Wandel war der wichtigste Antrieb. Er hat die Stadt auch durch schwere Phasen nach der Wiedervereinigung getragen. Die Offenheit für Neues ist der Treibstoff Berlins. Berlin muss sich diese Offenheit bewahren. Die Stadt muss auch in Zukunft bereit sein zum Wandel. Wir haben die Herausforderungen gemeistert. Als zusammengewachsene Stadt, aber auch als weltoffene Metropole in der Mitte Europas.

Die von den Frauen und Männern der Bürgerrechtsbewegung erkämpfte Freiheit ist das Fundament der gelebten Freiheit, für die Berlin heute steht. Für die Kraft der Kreativen und die Offenheit für Neues, für gelebte Vielfalt. Gelebte Vielfalt: Das bedeutet Wissen um die eigene Geschichte. Gerade heute, am 9. November, geht der Blick auch zurück ins Jahr 1938, als in ganz Deutschland die Synagogen brannten. Wir gedenken der Millionen Juden, die deportiert und ermordet wurden. Die Erinnerung ist immer wieder auch eine Vergewisserung: Nie wieder dürfen wir solche Verbrechen zulassen. Wir alle sind gefordert, uns für eine demokratische Kultur zu engagieren. Dazu gehört auch: Die Freiheit gegen ihre Feinde zu verteidigen, gegen ewig gestrige Nazis ebenso wie gegen rechtsextreme Hooligans oder demokratiefeindliche, Gewalt predigende Aktivisten egal mit welcher ideologischen Verbrämung. Hass und Gewalt dürfen bei uns keinen Platz haben!

Wir wollen eine Hauptstadt sein, in der alle gleiche Rechte haben – unabhängig von Hautfarbe, Sprache, Herkunft, Religion und Lebensweise. Auch weil wir wissen: Als Hauptstadt können wir unserem ganzen Land etwas geben und unser Bild in der Welt prägen. Gelebte Vielfalt gibt es nicht ohne soziale Verantwortung und Solidarität mit den Schwächeren. Und im 21. Jahrhundert heißt das auch: Über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Die Tore öffnen, neugierig sein auf Fremdes, offen sein für Veränderungen – und sich dabei aktiv einmischen, um zu gestalten. Menschen aus aller Welt leben unter uns – und sie konfrontieren uns mit den Themen der Welt.

Die Konflikte des Nahen Ostens und der arabischen Welt zum Beispiel sind längst bei uns angekommen. Immer mehr Flüchtlinge suchen auch in unserer Stadt Zuflucht. Berlin ist auch zu einer Stadt der religiösen Vielfalt geworden. Wir wollen ein tolerantes Berlin, einen Dialog der Religionen. Wo Religionen nicht für politische Zwecke missbraucht und Streit mit friedlichen Mitteln ausgetragen wird – statt mit Gewalt. Eine solidarische Hauptstadt, die nicht auf Abwehr schaltet, sondern eine Willkommenskultur pflegt.

Berlin steht heute für Weltoffenheit, Toleranz und Kreativität. Wir sind bereit, diese Offenheit täglich neu zu gestalten und zu verteidigen, wo immer das nötig ist. Weil wir wissen: Die 1989 erkämpfte Freiheit hat den Weg gebahnt zu einer Metropole, in der Freiheit gelebt wird. In der Vielfalt im positiven Sinn erlebbar ist und die auf Deutschland und Europa ausstrahlt. Und die Mut macht, sich mit keiner Mauer dieser Welt abzufinden.

Herzlich willkommen Ihnen allen an diesem Tag, an dem uns Glück und Dankbarkeit vereinen.