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Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, zur Verleihung der Urania-Medaille 2014 an Daniel Barenboim am 16. September 2014 in der Urania

Pressemitteilung vom 16.09.2014

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führt in seiner Rede anlässlich der Verleihung der Urania-Medaille 2014 an Daniel Barenboim am 16. September 2014 in der Urania aus:

„Berlin steht kurz vor einem bedeutenden Jubiläum: Im Herbst jähren sich die friedliche Revolution in der DDR und der Mauerfall zum 25. Mal. Doch schon in diesen Tagen geht der Blick voller Dankbarkeit zurück auf Ereignisse vor genau 25 Jahren, die dem 9. November 1989 den Weg bereitet haben. Ich erinnere zum Beispiel:
• an den 4. September 1989, als sich in Leipzig mehr als 1.000 Menschen zur ersten Montagsdemonstration versammelten,
• an die Nacht zum 11. September 1989, in der Ungarn seine Grenze zu Österreich endgültig öffnete und damit zehntausenden DDR-Bürgerinnen und -Bürgern die Ausreise ermöglichte,
• an den Abend des 30. September 1989, an dem der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der westdeutschen Botschaft in Prag Tausenden DDR-Flüchtlingen ihre Ausreisegenehmigung verkündete.

Das waren Meilensteine auf dem Weg zum Mauerfall.

Es freut mich deshalb ganz besonders, mit Berlins Ehrenbürger Hans-Dietrich Genscher heute auch einen der maßgeblichen Architekten der deutschen wie europäischen Einheit hier begrüßen zu dürfen. Denn wir sollten gerade in diesem Gedenkjahr nicht vergessen, dass es neben den Freiheitsbewegungen in der DDR und in Mittel- und Osteuropa auch einzelne waren, die diese Ära geprägt und die den Wandel mitvorangetrieben haben.

Berlin hat davon in besonderer Weise profitiert. Die Urania hat Hans-Dietrich Genscher deshalb zum 20. Jahrestag von friedlicher Revolution und Mauerfall mit der Urania-Medaille ausgezeichnet. Und erneut beweist die Urania ein gutes Gespür für den richtigen Moment: Denn diesmal ehrt sie Daniel Barenboim. Und damit eine jener Persönlichkeiten, die Berlins Aufbruch in den vergangenen 25 Jahren entscheidend mitgestaltet haben. Wer in diesem Jubiläumsjahr auf unsere Stadt schaut, kann feststellen: Berlin hat seine einzigartige historische Chance seit dem Mauerfall genutzt. Aus einer abgeschotteten Stadt mit ungewisser Zukunft ist eine weltoffene, tolerante und kulturelle vielfältige Metropole mit hervorragenden Perspektiven geworden.

An diesem großartigen Wandel hatten viele Menschen Anteil. Doch manche ganz besonders. Dazu gehört Daniel Barenboim. Dieser sagt über sich selbst, dass er zwar kein Deutscher sei, wohl aber ein Berliner. Und das ist ein großes Glück für unsere Stadt. 1991 hat Daniel Barenboim seinen Vertrag als Generalmusikdirektor der Staatsoper Berlin unterzeichnet. Seither lebt er in Berlin. Im Herbst 2000 wählte ihn die Staatskapelle Berlin zum Chefdirigenten auf Lebenszeit. Und vor drei Jahren hat er den Vertrag als Generalmusikdirektor bis 2022 verlängert. Das sind allerdings nur die biografischen Eckdaten.

Daniel Barenboim hat in einem Interview kürzlich konstatiert: „Berlin ist nach dem Mauerfall eine Weltkulturmetropole geworden.“ Und man möchte ergänzen: Er hat selbst vieles dazu beigetragen. Schon die Tatsache, dass sich mit Daniel Barenboim ein weltweit umworbener Musiker dauerhaft an die Stadt band, wirkte damals als Signal für Berlins Wiederauferstehung als Kulturmetropole. Seither gehört er zu den führenden Köpfen des Kulturlebens unserer Stadt. Und er gehört zudem zu jenen Menschen, die sich mit ganzem Herzblut für das Zusammenwachsen Berlins eingesetzt haben. Die Staatsoper hat sich unter seiner künstlerischen Leitung zu einem Leuchtturm der Hauptstadtkultur entwickelt; die Staatskapelle zu einem international gefeierten Spitzenorchester.

Allein diese Leistungen wären Grund genug, Daniel Barenboim mit der Urania-Medaille zu ehren. Doch Daniel Barenboim ist nicht nur ein großartiger Künstler mit besonderen Verdiensten in und für Berlin. Er ist auch ein zutiefst überzeugter wie überzeugender Humanist, der mit Hilfe der Musik Gräben zwischen Menschen überwinden will. Und dem dies mit seinem West-Eastern Divan Orchestra auch gelingt.

„Musik kennt keine Grenzen“ – so hat die Urania deshalb den heutigen Abend überschrieben. Und genauso ist es bei Daniel Barenboim und seinen jungen Musikerinnen und Musikern. Denn dieses arabisch-israelische Orchester zeigt, dass Dialog und Verständigung auch zwischen verfeindeten Nachbarn möglich sind. Und dass eine produktive Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinensern auch in Zeiten des Krieges gelingen kann. Das hat das West-Eastern Divan Orchestra gerade erst wieder auf seiner umjubelten Sommertournee demonstriert.

Aber ich möchte dem Laudator nicht vorgreifen. Hans-Dietrich Genscher wird Daniel Barenboims einzigartiges Divan-Projekt gewiss noch ausführlich würdigen. Deshalb von mir nur noch so viel: Mit diesem künstlerisch wie menschlich herausragenden Ensemble beweist Daniel Barenboim eindrucksvoll, wie wahr der alte Satz von der völkerverbindenden Kraft der Musik tatsächlich ist.

Und Daniel Barenboim hat weiterhin Großes vor – auch mit und in Berlin: In zwei Jahren wird er im ehemaligen Magazingebäude der Staatsoper seine Barenboim-Said-Akademie eröffnen. Ziel dieser einzigartigen Bildungseinrichtung ist es, begabte junge Musikerinnen und Musiker aus dem Nahen Osten in Berlin zu einer fundierten Ausbildung zusammenzubringen. Doch es wäre nicht Daniel Barenboim, wenn es nicht noch um sehr viel mehr ginge: Vorurteile überwinden, Feindbilder abbauen, das Verbindende erkennen – das schafft das Divan-Orchestra bereits seit 15 Jahren. Und das soll nun auch in seiner Berliner Akademie gelingen.

Daniel Barenboim hat einmal erzählt, dass er mit seinem Orchester irgendwann in jedem Land gespielt haben möchte, aus dem ein Mitglied kommt. Und er wurde daraufhin gefragt, ob das nicht eine Utopie sei. Seine Antwort: ‚Besser mit einer Utopie leben als mit einer schlechten Realität‘.

Vielleicht gehört die neue Akademie für Daniel Barenboim genau deshalb nach Berlin. Denn hier hat sich vor 25 Jahren gezeigt, dass Utopien wahr werden können. Hier hat die Welt gesehen, dass auch die höchsten und festesten Mauern überwindbar sind. Und dass Menschen auch nach Jahrzehnten der Trennung in Frieden, Freiheit und ohne Angst zueinanderfinden können. Ich meine: Diese fantastische Erfahrung gibt Zuversicht, dass sich auch weltweit noch bestehende Mauern zum Einsturz bringen lassen.

Verehrter Maestro Barenboim, ich darf Ihnen noch einmal versichern, wie glücklich und dankbar wir sind, dass Ihnen Berlin Heimat und Inspiration geworden ist. Es freut mich sehr, dass Sie zum Mauerfall-Jubiläum am 9. November mit Ihrer Staatskapelle vor dem Brandenburger Tor für uns und unsere vielen Gäste musizieren werden. Denn Berlin erinnert an diesem Tag nicht nur an die Ereignisse vor 25 Jahren. Wir feiern auch den Wandel, den unsere Stadt seither erlebt hat. Und Sie gehören zu jenen Menschen, die diesen Wandel verkörpern – die in besonderer Weise für Berlins Weltoffenheit, Toleranz und Vielfalt heute stehen.

In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen im Namen der Berlinerinnen und Berliner von ganzem Herzen zur Urania-Medaille 2014.“