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Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, zur Einweihung des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Morde in der Tiergartenstraße 4 am 2. September 2014

Pressemitteilung vom 02.09.2014

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führt in seiner Rede anlässlich der Einweihung des Gedenk- und Informationsortes für die Opfer der nationalsozialistischen Euthanasie-Morde in der Tiergartenstraße 4 am 2. September 2014 im Foyer der Berliner Philharmonie laut Redemanuskript aus (es gilt das gesprochene Wort!):

„Nicht weit von hier, in der Charlottenstraße, lebte Marie Beuster, geborene Kersten. Marie Beuster wurde am 18. Februar 1878 in Berlin geboren. Sie besuchte die Volksschule und erlernte den Beruf der Zuschneiderin. 1901 heiratete sie und bekam 1904 einen Sohn. Mit 29 Jahren wurde Marie mit der Diagnose „Schizophrenie“ in die Wittenauer Heilstätten (die spätere Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik) überwiesen. Ihr Zustand besserte sich, einige Monate später wurde sie entlassen. Im November 1940, mit 62 Jahren, kam es zu einer erneuten Einweisung. Ihr Krankheitsbild wurde am 15. Januar 1943 wie folgt beschrieben: “Verschlechtert sich mehr und mehr, leistet kaum noch Arbeit. Vorgeschlagen zur Verlegung in die Provinz.“ Am 29. Januar 1943 wurde Marie Beuster in die Heil- und Pflegeanstalt Obrawalde bei Meseritz (heute in Polen gelegen) deportiert. Der letzte Eintrag in ihrer Krankenakte vom 13. April 1943 lautete: »Exitus letalis, Altersschwäche.“ Tatsächlich lassen die Umstände ihres Todes darauf schließen, dass die nicht mehr arbeitsfähige, alte und kranke Frau mit einer Überdosis Medikamenten vergiftet wurde.

Vielleicht ist Marie Beuster mit ihrer Familie im Tiergarten spazieren gegangen. Vielleicht führte sie ihr Weg auch an dem Grundstück vorbei, auf dem wir uns heute versammelt haben. Wo heute die Philharmonie steht, befand sich einst die Villa der Familie Liebermann.

In dieser Stadtvilla, die in jüdischem Besitz war, residierten nach 1933 verschiedene NS-Organisationen. Ab April 1940 auch die Tarnorganisation unter der Bezeichnung „Zentraldienststelle T 4“. Sie war für die Initiierung, Koordination und Durchführung des Massenmordes an Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten sowie „rassisch“ und sozial unerwünschten Menschen verantwortlich. Der Mord an Marie Beuster, Marianne Schönfelder, Anna Lehnkering und Benjamin Traub, von denen wir gleich noch hören werden, sowie weiteren geschätzt 300.000 Menschen im Deutschen Reich und in vielen besetzten Gebieten, insbesondere im Osten, wurde in Berlin zentral geplant.

Wenn wir heute an gleicher Stelle den zentralen Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde der Öffentlichkeit übergeben, dann wird in diesem überfälligen Akt auch eine große Unterlassung sichtbar.

Denn lange Zeit waren die Euthanasie-Opfer vom Gedenken ausgeschlossen. Und nicht nur sie. Auch für die etwa 400.000 Menschen, die auf Grundlage des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwischen 1934 und 1945 zwangssterilisiert wurden, fehlte die öffentliche Anerkennung ihres Leids. Erst seit den 1980er Jahren entstanden in den früheren Tötungsanstalten und anderen Tatorten Gedenkstätten und Erinnerungszeichen.

Heute gilt es deshalb, jenen Historikerinnen und Historikern Dank zu sagen, die Pionierarbeit bei der Aufklärung dieser ungeheuerlichen Verbrechen geleistet haben. Sie kämpften nicht nur gegen das Vergessen, sondern oft auch gegen mächtige Gegner – Wissenschaftsorganisationen, die jede Beteiligung an den Euthanasie-Morden leugneten und Wissenschaftler in Schutz nahmen, die zu Verbrechern geworden waren. Hervorzuheben sind besonders die Arbeiten von Ernst Klee und Götz Aly. Und hervorzuheben ist auch ihre tiefe Empathie mit den Opfern. Sie rührt daher, dass diese Aufklärer selbst mit behinderten Menschen lebten und arbeiteten. Und so durch eigene Erfahrung erleben mussten, wie pervers das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten und wie skandalös das Verschweigen der Morde nach 1945 war.

Hier, am Ort der Planungszentrale für das nationalsozialistische Mordprogramm, würdigt seit 1989 eine im Boden eingelassene Gedenktafel die Opfer. Dennoch: Die Tiergartenstraße 4 stand lange Zeit nicht im Blick der Öffentlichkeit.

Ein sichtbares Zeichen des Erinnerns forderte der 2007 gegründete Runde Tisch „Überlegungen zur Umgestaltung des T4-Gedenkortes“. Ich möchte an dieser Stelle stellvertretend für die Vielzahl von Initiativgruppen und engagierten Einzelpersonen Frau Sigrid Falkenstein danken, die gleich auch noch zu uns spricht. Auch sie ist durch ein Familienschicksal mit dem Thema „Euthanasie im Dritten Reich“ verbunden und zusammen mit Prof. Nachama eine der Initiatoren des Runden Tisches bei der Stiftung Topographie des Terrors. Dem „Runden Tisch“ ist es unter anderem auch zu verdanken, dass 2008 das temporäre „Denkmal der grauen Busse“ der Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz vor der Philharmonie gezeigt werden konnte.

So gelang es durch hartnäckiges Engagement, an diesem Ort der Täter für die Information über und das Gedenken an die Opfer eine immer größere Öffentlichkeit zu erreichen. Die entscheidende Grundlage für den Erfolg lag in dem Beschluss des Deutschen Bundestages von 2011, nach dem endlich ein zentraler Ort des Gedenkens geschaffen werden konnte.

Die Realisierung des Vorhabens teilten sich der Bund und das Land. Berlin stellte das bislang unbebaute Grundstück in der Tiergartenstraße zur Verfügung, gab Gelder für die Barrierefreiheit der Ausstellung und übernahm den Gestaltungswettbewerb und die Durchführung der baulichen Realisierung. Der Bund finanziert den Bau des Gedenkortes mit über 600.000 Euro. Dafür und für die sehr gute Zusammenarbeit während Planung und Durchführung des Projektes möchte ich mich bei Ihnen, Frau Staatsministerin Grütters, und Ihrem Vorgänger, Bernd Neumann, ganz herzlich bedanken.

Großen Dank möchte ich auch dem ehemaligen Berliner Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten aussprechen. Die Förderung der zeitgeschichtlichen Gedenk-Kultur war für André Schmitz eine Aufgabe, der er sich mit hohem persönlichem Einsatz gewidmet hat – auch und besonders bei diesem Projekt.

Ein Gestaltungswettbewerb wie dieser ist beispiellos und für alle Beteiligten eine große Herausforderung. 30 Arbeitsgemeinschaften aus Künstlerinnen und Künstlern, Gestalterinnen und Gestaltern, Landschaftsarchitektinnen und Landschaftsarchitekten wurden zu diesem Wettbewerb eingeladen. Und haben mit ihren Einreichungen für eine qualitativ hochwertige Bandbreite von künstlerischen Konzepten gesorgt. Der Entwurf der der Arbeitsgemeinschaft mit der Architektin Ursula Wilms, des Künstlers Nikolaus Koliusis und des Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann wurde mit großer Mehrheit vom Preisgericht zur Realisierung empfohlen. Ihnen gratuliere ich sehr herzlich zu der gelungenen Umsetzung dieses herausragenden Konzeptes.

Mit der heutigen Übergabe des Gedenk- und Informationsortes verbinde ich die Hoffnung, dass dieser Ort viele Besucherinnen und Besucher anzieht. Dazu trägt mit Sicherheit auch die öffentlich zugängliche Information am Gedenkort bei. Diese Informationen sind in deutscher, englischer und leichter Sprache sowie über Gebärdenvideos für gehörlose Menschen und akustisch für sehschwache und blinde Menschen barrierefrei erfahrbar. Konzept und Inhalte der Ausstellung wurden durch das Erkenntnistransfer-Projekt „Erinnern heißt gedenken und informieren“ an der Technischen Universität München erarbeitet, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Stellvertretend möchte ich Herrn Prof. Dr. Peter Funke, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und Dr. Gerrit Hohendorf, Leiter des Erkenntnistransfer-Projektes, danken. Last but not least gilt mein großer Dank den Stiftungen „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ und „Topographie des Terrors“, die den Gedenk- und Informationsort von Anfang an begleitet haben zukünftig betreuen werden.

Die Verbrechen, an die hier erinnert wird, sind nicht von den Nazis erfunden worden. Es gab in der deutschen Gesellschaft lange zuvor eine unheilvolle Tradition des Sozialdarwinismus. Bereits in den Hungerzeiten des Ersten Weltkriegs waren überproportional viele Psychiatrie-Patientinnen und Patienten umgekommen. Sie waren Opfer einer Ideologie, die sich mit pseudo-wissenschaftlichen Mitteln zum Herrn über Leben und Tod aufschwang. Die Nationalsozialisten konnten da mit ihrem Vernichtungsprogramm anknüpfen.

Unsere Gesellschaft hat mit dieser Tradition radikal gebrochen. Kein Leben ist lebensunwert. Etwa zehn Prozent der Deutschen leben mit einer körperlichen oder geistigen Einschränkung. Sie sind auf unsere Solidarität, unseren Zuspruch und unsere Empathie angewiesen. Sie haben den Anspruch auf Förderung und auf ein gleichberechtigtes Leben inmitten unserer Gesellschaft. Diesen Weg müssen wir konsequent fortsetzen. Denn erst das fürsorgliche Miteinander macht unsere Gesellschaft insgesamt lebenswert.

Mit dem Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde setzen wir ein weiteres Zeichen der Aufklärung gegen Ausgrenzung und menschenfeindliche Ideologien. Ich wünsche diesem Ort, dass er zu einem Symbol für die Achtung vor dem Leben wird und für Debatten und Themen unserer Zeit sensibilisiert.