Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, zum 64. Jahrestag der Beendigung der Blockade Berlins am 12. Mai 2013

Pressemitteilung vom 12.05.2013

Es gilt das gesprochene Wort! Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führt in seiner Rede anlässlich der Gedenkstunde zum 64. Jahrestag der Beendigung der Berlin-Blockade am 12. Mai 2013 auf dem Platz der Luftbrücke laut Redemanuskript aus (es gilt das gesprochene Wort!):

„Besonders herzlich begrüße ich die zahlreichen Berliner Schülerinnen und Schüler, die am ,Yes We Can‘- Wettbewerb teilgenommen haben. Die dramatischen Ereignisse, derer wir heute gedenken, liegen sehr lange zurück. Selbst Eure Eltern wurden erst danach geboren.
Ihr selbst wachst in einer Stadt auf, die nicht mehr leiden muss unter den Folgen des 2. Weltkriegs und von Teilung und Kaltem Krieg. Und doch tun wir gut daran, zu gedenken, zu erinnern und aufzuklären. Nur so können wir aus der Geschichte lernen. Und vor allem können wir nur so ermessen, welch historisches Glück wir haben, heute in einer vereinten, weltoffenen und weltweit sehr angesagten Metropole zu leben.

Und es ist keineswegs nur Glück: Sondern das Verdienst vieler Männer und Frauen, die gegen die Teilung Berlins, die gegen die Preisgabe von Freiheit und Demokratie in dieser Stadt gekämpft haben. Und die nie aufgegeben haben. Die selbst unter widrigsten Umständen ihre Zuversicht nicht verloren haben. Über diese Menschen spreche ich heute.

Denn heute vor 64 Jahren, genau am 12. Mai 1949, endete eine der schwersten Krisen, die Berlin nach Kriegsende erschüttert haben. Fast elf Monate hatte die Sowjetunion den Westteil der Stadt zu Lande und zu Wasser abgeriegelt und ihr damit den Lebensnerv abgeklemmt.

Moskau wusste aus eigener leidvoller Erfahrung nur zu gut, was es hieß, unter einer Blockade zu leiden. Aus Anlass des 80. Jahrestages der Machtübertragung an Hitler erinnern wir uns auch an den verbrecherischen Überfall Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion. Und daran, dass Deutschland bei der Belagerung Leningrads für den Tod von 1,1 Millionen Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt verantwortlich war.

West-Berlin litt 1948 immer noch stark unter den Kriegsfolgen. Die Zerstörungen, der Hunger und im Winter auch die Kälte bestimmten den Alltag der West-Berlinerinnen und West-Berliner. Es war ein Kampf ums Überleben in einer Ruinen-Stadt: So war es bereits vor der Blockade.

Als aber in der Nacht vom 23. zum 24. Juni 1948 die Stromlieferung aus dem Großkraftwerk Zschernowitz gekappt und am Morgen des 24. Juni West-Berlin abgeriegelt wurde, da hing das Überleben der Teilstadt plötzlich an einem seidenen Faden. Denn die Westsektoren mit ihren 2,2 Millionen Berlinerinnen und Berlinern waren vollständig abhängig von Belieferungen von außen. Die Blockade traf die westlichen Alliierten völlig überraschend. Sie waren sich damals keineswegs einig, ob sie West-Berlin überhaupt auf Dauer halten und verteidigen könnten. Die Entscheidung, Berlin per Luftbrücke zu versorgen, bedeutete deshalb mehr als eine Krisen-Intervention. Es war ein eindrucksvolles Bekenntnis zu West-Berlin, zur Sicherheit und Freiheit der Menschen hier. Das Brummen der Rosinenbomber Tag und Nacht wurde zum Herzschlag West-Berlins: Eine Vergewisserung, dass Berlins Lebensadern intakt waren. Es gab nicht wenige Berlinerinnen und Berliner, die nachts aufwachten, wenn das Geräusch der Flugzeugmotoren mal aussetzte.

Auch heute, 64 Jahre nach dem glücklichen Ende der Blockade, sind wir noch dankbar für den großen Einsatz, den die westlichen Alliierten während der Luftbrücke für die Versorgung Berlins leisteten. Dem entschlossenen Handeln der Amerikaner und Engländer, unterstützt durch Kanada, Südafrika, Neuseeland, Australien und Frankreich, ist es zu verdanken, dass die Versorgung West-Berlins sichergestellt wurde.

Es war vor allem General Clay, der als Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone in Berlin am entschiedensten dafür kämpfte, die Stadt nicht preiszugeben. Und man kann ohne Übertreibung sagen: Die Luftbrücke war der Beginn einer ganz besonders engen und innigen Beziehung zwischen Amerika und den West-Berlinerinnen und West-Berlinern.

Einer Beziehung, die vor 50 Jahren einen weiteren bewegenden Höhepunkt erfuhr. Es war der 26. Juni 1963: Amerikas Präsident John F. Kennedy besuchte die Stadt. Anlass war der 15. Jahrestag des Beginns der Luftbrücke. Und erneut hatte Berlin eine schwere Krise zu überstehen: Den Bau der Mauer, keine zwei Jahre zuvor. Diesmal war die Supermacht Amerika machtlos. Aber sie war nicht sprachlos. Kennedys bewegende Rede vor dem Rathaus Schöneberg traf die Herzen der Menschen. Und die begeisterten Berlinerinnen und Berliner gaben ihm das Gefühl eines großen historischen Moments.

Kennedys Bekenntnis ‚Ich bin ein Berliner‘ wirkt heute wie das Echo auf Ernst Reuters leidenschaftlichen Appell, während der Blockade am 9. September 1948 vor dem Reichstag: ‚Ihr Völker der Welt …! Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft und nicht preisgeben könnt!‘ Die westlichen Alliierten haben Berlin nicht preisgegeben – im Gegenteil. Ihrem Willen und ihrem Einsatz war es zu verdanken, dass West-Berlin dauerhaft am Leben blieb, dass Freiheit und Demokratie erhalten werden konnten. Damit war eine wesentliche Voraussetzung für die Wiedervereinigung 1990 geschaffen.

Heute ist das wiedervereinte Berlin eine tolerante und weltoffene Metropole im Herzen Europas. Wir sind dankbar für den Einsatz der Menschen, die in der Geschichte dieser Stadt dazu beigetragen haben. Wir werden nie vergessen, was diese Menschen für Berlin geleistet haben. Deshalb auch mein Dank an die Checkpoint Charlie-Stiftung, die den ‚Yes We Can-Quiz‘ ins Leben gerufen und hunderte Schülerinnen und Schüler damit erreicht hat.

Auf Euch wird es ankommen, das historische Erinnern in und für Berlin zu bewahren. Denn die Geschichte ist in Berlin allgegenwärtig. Sie dient der Selbstvergewisserung. Sie schärft das Bewusstsein dafür, woher wir kommen und was wir tun müssen, um allen Menschen in dieser Stadt eine gute Zukunft zu geben.

Runde Gedenkanlässe sind in diesem Jahr die Machtübertragung an Hitler, die Novemberpogrome von 1938, der Kennedy-Besuch 1963. Hinzu kommen wie in jedem Jahr der Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR sowie das Ende der Berlin-Blockade. All diese Anlässe halten für uns Lektionen bereit über den Wert von Freiheit und Demokratie, Menschlichkeit und Zivilcourage, kultureller Vielfalt und Weltoffenheit. Das sind bewegende und nützliche Lektionen, die wir nie vergessen dürfen, damit Berlin bleibt, was es ist:
• Eine Stadt für Euch, die Euch Chancen gibt, die für Euch lebenswert ist.
• Eine Stadt, die es Euch ermöglicht, freie, selbstbewusste, weltoffene und solidarisch handelnde Bürgerinnen und Bürgern zu werden.

Heute gedenken wir der Männer und Frauen der Luftbrücke aus Amerika, Großbritannien und Frankreich, aus Kanada, Südafrika, Neuseeland und Australien. Sie haben ihr Leben für Berlins Freiheit und Sicherheit riskiert. Und wir gedenken der 78 Toten, die sich für dieses große Ziel aufgeopfert haben. Wir verneigen uns vor den Opfern der Luftbrücke. Ihr Tod ist uns Verpflichtung zu Toleranz und Völkerverständigung in Frieden und Freiheit.

Jetzt spricht Yasmin Hamid zu uns. Yasmin ist eine ‚Yes We Can-Quiz‘-Gewinnerin und besucht die Klasse 10d der 9. Integrierten Sekundarschule Steglitz-Zehlendorf. Diese Schule wird am 15. Juni in Gail S. Halvorsen Schule umbenannt – nach dem berühmtesten aller Rosinenbomber-Piloten.“

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