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Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, auf der Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome

Pressemitteilung vom 11.11.2013

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führte anlässlich der Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome laut Redemanuskript u.a. aus:

“Exzellenz,
Herr Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrter Herr Joffe,
und sehr herzlich begrüße ich unter uns auch Herrn Dr. James Nathanel Dreyfus aus Chicago und seine Ehefrau Rabbinerin Ellen Weinberg Dreyfus. Herr Dr. Dreyfus ist der Urenkel des großen Rabbiners Leo Baeck, dessen Wirkungsstätte über Jahrzehnte hinweg die Synagoge Fasanenstraße war.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

heute vor 75 Jahren brannten in ganz Deutschland die Synagogen. Angehörige der SA und SS zerstörten etwa 1400 jüdische Gotteshäuser landesweit, darunter elf der vierzehn Berliner Synagogen. Sie verwüsteten und zerstörten Tausende Geschäfte von jüdischen Inhabern. Zehntausende Juden wurden misshandelt, Hunderte starben. Über 30.000 jüdische Männer wurden unmittelbar nach dem 9. November 1938 in Konzentrationslager verschleppt.

Wir sind zusammengekommen, um die Erinnerung an die Geschehnisse vom November 1938 wachzuhalten. Und um daran zu erinnern, wie es dazu kam.

Bereits seit dem Jahr 1933, als den Nazis die Macht übertragen wurde, hatten diese schrittweise die Diskriminierung verschärft und so die blühende kulturelle Vielfalt der Zwanziger Jahre in Berlin brutal zerstört. Jüdische Beamte erhielten Berufsverbot. Bücher von missliebigen Autorinnen und Autoren, darunter viele Juden, wurden verbrannt. Zunehmend wurden die Juden ihrer Rechte beraubt. Enteignungen und „Zwangsarisierungen“ von Unternehmen sollten die Juden zur Auswanderung zwingen. Und wenige Tage vor den Pogromen vom 9. und 10. November 1938 fand so etwas wie die „Generalprobe“ für die dann folgenden Massendeportationen statt.

Der kürzlich verstorbene Marcel Reich-Ranicki schrieb in seinen Erinnerungen:
„Am 28. Oktober 1938 wurde ich frühmorgens, noch vor
7 Uhr, von einem Schutzmann, der ebenso aussah wie jene Polizisten, die auf der Straße den Verkehr regelten, energisch geweckt.“

Was folgte, war die Schilderung seiner Deportation. Man überreichte ihm den Ausweisungsbescheid und brachte ihn zu einem Sammelplatz. Hunderte von Juden standen dort bereits unter freiem Himmel. Am späten Nachmittag ging es weiter zu einem Nebengleis des Schlesischen Bahnhofs. Von dort fuhr der Zug zur polnischen Grenze. Und dann ging es weiter ins Ghetto von Warschau.

Rund 17 000 polnische Jüdinnen und Juden aus Deutschland waren von dieser brutalen Abschiebung betroffen. Die Nazis nannten sie beschönigend „Polenaktion“. In Wahrheit war es der Probelauf für die Deportationen nach dem 9. November 1938, die den Übergang markieren: von der Diskriminierung der Juden zur systematischen Verfolgung bis hin zur Ermordung.

Wenn wir heute wie in jedem Jahr an die Pogromnacht erinnern, stellen wir uns die immer wieder quälende Frage: Wie konnte es zu solchen Verbrechen kommen – Verbrechen, die in aller Öffentlichkeit geschahen?

Ja, es gab die „Stillen Helden“, die Inge Deutschkron auf eindringliche Weise gewürdigt hat. Aber warum haben so viele Menschen weggesehen, als anderen Unrecht angetan wurde? Und: Wie können wir uns heute gegen einen solchen Rückfall in die Barbarei immunisieren?

Niemand wird auf diese Fragen abschließende, gültige Antworten finden. Aber diese Gedenkstunde, zu der wir uns alljährlich treffen, ist eine Gelegenheit, um innezuhalten. Um sich die Frage zu stellen: Wie hätte ich mich selbst verhalten? Was kann ich zum Erinnern und Gedenken beitragen, aber auch zu einer demokratischen Kultur, zu Toleranz und Weltoffenheit? Zu einer Kultur, in der es keinen Nährboden für Ausgrenzung und Diskriminierung gibt?

Der 9. November wird von manchen als „deutscher Schicksalstag“ bezeichnet. Er erinnert uns mit den Pogromen vom 9. November 1938 an einen moralischen Tiefpunkt. Und mit dem 9. November 1989 an den glücklichsten Tag unserer jüngeren Geschichte, dessen 25. Wiederkehr wir im nächsten Jahr feiern werden.

Wenn wir uns heute, 75 Jahre nach den Pogromen vom November 1938 und gut 80 Jahre nach der Machtübertragung an die Nazis, wieder zu dieser Gedenkstunde versammeln und der Opfer gedenken, so ist dies auch ein Versprechen für die Zukunft.

Dieses Versprechen lautet: Wir werden – bei aller Freude über den Fall der Mauer und das glückliche Ende der deutschen Teilung – nie vergessen, an das unendliche Leid der Juden im Nationalsozialismus zu erinnern: die Anfänge der Diskriminierung im Alltagsleben, ihre schrittweise Ausgrenzung aus dem öffentlichen Leben, die Pogrome, vor allem aber die systematische Ermordung der Juden Europas in der Hölle der Shoa.

Unser Versprechen für die Zukunft lautet aber auch: Wir werden in unserer Stadt die Erinnerung an die Opfer wachhalten. Beispielhaft steht dafür das größte dezentrale Denkmal Berlins, das vom Künstler Günter Demnig gestaltet und von vielen einzelnen Berlinerinnen und Berlinern gepflegt wird: über 5.000 Stolpersteine, eingelassen in den Boden an dem Ort, wo der letzte selbstgewählte Wohnsitz derer war, die nach Auschwitz und in die anderen Vernichtungslager deportiert wurden. Wir werden sie nicht vergessen.

Unser Versprechen für die Zukunft lautet schließlich: Wir werden alles dafür tun, dass solches Unrecht nie wieder geschieht. Die Erinnerung an die Zerstörung der Vielfalt und an den menschlichen wie kulturellen Verlust, der damit einherging: Diese Erinnerung hat das ganze Jahr 2013 geprägt. Unerwartet viele Menschen haben sich dafür interessiert und ihren persönlichen Beitrag zum Gedenken geleistet.

Auch in Zukunft werden wir die Erinnerung wachhalten. Sie macht uns sensibel gegenüber jeglicher Form von Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Gewalt. Und sie ermutigt uns, für ein weltoffenes und tolerantes Berlin und eine demokratische politische Kultur einzustehen – einer Kultur, in der wir Vielfalt als Reichtum erleben und die Würde des Menschen über allem steht.”