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Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, zur Gedenkveranstaltung „50 Jahre John F. Kennedy in Berlin“ am 26. Juni 2013 im Rathaus Schöneberg

Pressemitteilung vom 26.06.2013

Es gilt das gesprochene Wort! Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führte in seiner Rede zur Gedenkveranstaltung „50 Jahre John F. Kennedy in Berlin“ am 26. Juni 2013 im Rathaus Schöneberg u. a. aus:

„Ganz Berlin war auf den Beinen, als Präsident Kennedy heute vor 50 Jahren den Westteil der Stadt besuchte. Jeder, der damals dabei war, wird diesen 26. Juni 1963 nie vergessen. Berlin stand damals unter dem Schock der Mauer. Die Menschen fragten sich: Warum haben die Amerikaner das nicht verhindert? Warum haben sie nicht ihre ganze Macht in die Waagschale geworfen, um den Mauerbau rückgängig zu machen? Viele haben damals so gedacht. Die Menschen in der geteilten Stadt waren verzweifelt. Sie waren wütend. Sie fürchteten sich davor, dass die westlichen Schutzmächte zurückweichen und West-Berlin aufgeben würden. ‚Berlin erwartet mehr als Worte. Berlin erwartet politische Aktion‘: So hatte Willy Brandt bei einer Großkundgebung drei Tage nach dem Mauerbau der Stimmung in der Stadt Ausdruck verliehen.

Und diese Stimmung war Alltag geworden. Die Menschen spürten mehr als zuvor, dass sie an der Front des Kalten Krieges standen. Sie fürchteten, dass Berlin der Ort war, an dem der Kalte Krieg heiß werden könnte.

Und dann kam Kennedy. Er stand für Aufbruch, für Veränderung, für Erneuerung, für eine bessere Welt. Alle Menschen waren von ihm fasziniert.

Besonders die Berlinerinnen und Berliner setzten große Hoffnungen in seinen Besuch. Aber dann geschah etwas völlig Unerwartetes. Diese unbändige Begeisterung der Menschen, ihr ungebrochener Durchhaltewille und ihre Freiheitsliebe: Sie übertrugen sich auf den amerikanischen Präsidenten. Die Brutalität der Mauer, die Emotionen der Berlinerinnen und Berliner trafen Kennedy ins Mark. Der amerikanische Präsident war durchdrungen und beseelt von diesem besonderen Moment im Zentrum der Geschichte.

Später fasste Kennedy seine Empfindung in die Worte: ‚Es gibt immer noch Dinge in dieser Welt, wo man dabei gewesen sein muss, um sie glauben zu können, und bei denen es schwerfällt, nachher zu begreifen, was einem widerfahren ist.‘

Berlin,
• die Stadt der großen geschichtlichen Momente – im Guten wie im Bösen,
• der Ort, an dem sich die Geschichte entscheidet,
• wo Weichen für die Zukunft gestellt werden:
Diese besondere Aura hat nach Kennedy noch jeder amerikanische Präsident verspürt.

Und auch Präsident Obama hat bewusst Berlin für seine Botschaft an die ganze Welt gewählt. Die einst geteilte Stadt, in der die Menschen die Mauer zum Einsturz und eine Diktatur zu Fall brachten, sie wirkt auch heute inspirierend: für eine Politik, welche die weltweit noch bestehenden Mauern zum Einsturz bringen und die Unfreiheit überwinden will. Eine Politik, die sich nicht mit Ungleichheit und Unfreiheit zufrieden gibt, sondern fest daran glaubt, dass Unmögliches möglich werden kann.
Eben deshalb ist Berlin in besonderer Weise die Stadt der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Eine Verbundenheit, die über jede tagesspolitische Klimaschwankung erhaben ist.

Heute ist Amerika nicht mehr der große Beschützer einer in ihrer Freiheit und Sicherheit gefährdeten Stadt. Die deutsch-amerikanischen Beziehungen sind eine politische Partnerschaft. Zentral für die transatlantischen Beziehungen. Aber auch mit Höhen und Tiefen. Und doch auch ganz besonders. Das hängt mit unserer besonderen Geschichte zusammen. Und diese gemeinsame Geschichte hat auch für ein festes Fundament unserer Beziehung gesorgt – nirgendwo sonst wie in Berlin. Davon zeugen zahlreiche Institutionen – von der John F. Kennedy-Schule bis zur American Academy. Und noch viel mehr das Leben und der rege Austausch, der von ihnen ausgeht.

Berlins Weltoffenheit, Toleranz und kulturelle Vielfalt: Sie verdanken sich auch diesen Einrichtungen und ihren vielen Menschen, die den deutsch-amerikanischen Austausch täglich leben. Der amerikanische Traum von Freiheit, Lebensglück und Selbstverwirklichung: Er ist auch in Berlin zu Hause, er prägt das Klima der Stadt. Viele junge Menschen kommen nach Berlin, um hier ihren Traum zu leben. Ihnen allen bietet die Stadt Chancen und einen inspirierenden Lebensraum. Berlin wächst, weil die Stadt dynamisch ist, weil sich hier die Welt bewegt.

Und wir können stolz feststellen: So wie Amerika zu Mauerzeiten für viele Berlinerinnen und Berliner ein Land der Freiheit und des Glücks war, so ist Berlin heute für viele junge Amerikanerinnen und Amerikaner eine spannende und inspirierende Stadt.

Aus der Amerika-Begeisterung früherer Zeiten ist heute Nähe und Vertrautheit geworden. Für unsere globalisierte und Internet-basierte Jugend bedeutet Amerika nicht mehr das gelobte Land schlechthin. Aber doch eine wichtige Erfahrung, die man gemacht haben muss. Amerika ist für die jungen Menschen fast ein Stück Alltag – man ist bestens vernetzt, man kennt Leute dort. Aber der Puls beschleunigt sich vielleicht nicht mehr so wie bei vielen älteren Berlinerinnen und Berlinern.

Die Welt ist größer geworden. In Südamerika und Asien locken neue spannende Erfahrungen. Der Blick auf die Welt ist vielschichtiger geworden. Die junge Generation ist sensibilisiert für ein solidarisches Miteinander, das kulturelle Vielfalt, soziale und ökologische Verantwortung einschließt. Daraus erwächst kein transatlantischer Gegensatz, sondern eine generationsübergreifende Erfahrung, die junge Deutsche und junge Amerikaner verbindet. Es ist das Gefühl einer gemeinsamen Verantwortung für die Welt. Dieser Aspekt der deutsch-amerikanischen Beziehungen hat in Berlin besonders tiefe Wurzeln. Denken Sie an Kennedys Rede in der Freien Universität, die weniger emotional, dafür aber sehr politisch war. Sein Plädoyer für die Attraktivität eines „dynamischen, vielfältigen und demokratischen Europa“ bereitete jenem Konzept den Boden, das Willy Brandt und Egon Bahr kaum einen Monat später in der Evangelischen Akademie Tutzing als „Wandel durch Annäherung“ präsentierten.

Und auf diese Gemeinsamkeiten kommt es künftig besonders an. Ja, die Welt hat sich dramatisch verändert seit dem Kennedy-Besuch vor 50 Jahren. Aber die globalen Herausforderungen sind wahrlich nicht geringer. Die politischen Kräfteverhältnisse wandeln sich ständig. Man schaue nur nach Asien, wo in China eine neue Großmacht heranwächst.

Deshalb kommt es auch heute besonders darauf an, dass die transatlantischen Beziehungen in Takt sind. Dass unterschiedliche politische Sichtweisen produktiv ausgetragen werden. Dass es einen Resonanzraum gibt für politische Debatten. Dass der Austausch zwischen dem vereinten Europa und Amerika lebendig bleibt.

Und dafür gibt es seit dem Besuch von John F. Kennedy vor 50 Jahren keinen besseren Ort als Berlin.

In diesem Sinne möchte ich allen danken, die diese Veranstaltung ermöglichen und mitgestalten: dem rbb und der Stiftung Stadtmuseum. Und natürlich der John. F. Kennedy-Schule – den Schülerinnen und Schülern wie den unterstützenden Lehrerinnen und Lehrern.

Dank auch an Thomas J. Putnam, dem Direktor der John F. Kennedy Presidential Library and Museum, dass er für diese Veranstaltung aus Boston angereist ist. Wir freuen uns auf Ihren Vortrag.

Und wir freuen uns auch auf das, was Berlins Ehrenbürger Egon Bahr zu sagen hat. Lieber Egon, Du warst damals als Sprecher und enger Vertrauter des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt in der ersten Reihe dabei.

Zum Abschluss möchte ich den Dank der gesamten Stadt aussprechen. Und zwar an einen, für den die heutige Veranstaltung ein Abschied von Berlin ist. Ich meine den amerikanischen Botschafter Philip Murphy. Amerika hat viele gute, informelle Botschafter in Berlin. Aber man wird sicher sagen können, dass der einzig echte und offizielle Botschafter in den zurückliegenden vier Jahren Herausragendes geleistet hat für den Austausch zwischen Amerika und Berlin. Dafür danke ich Ihnen im Namen aller Berlinerinnen und Berliner. Wir werden Sie und Ihre Familie vermissen. Und wir hoffen, dass es Ihnen umgekehrt auch ein bisschen so gehen wird. Lieber Philip Murphy: Tragen Sie Berlin im Herzen. Alles Gute für die Zukunft.“

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