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Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, zum 63. Jahrestag der Beendigung der Berlin-Blockade

Pressemitteilung vom 11.05.2012

Sperrfrist: Samstag, 12. Mai 2012, 11.00 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führt in seiner Rede anlässlich der Gedenkstunde zum 63. Jahrestag der Beendigung der Berlin-Blockade am 12. Mai 2012 auf dem Platz der Luftbrücke laut. Redemanuskript aus (Es gilt das gesprochene Wort) :

„Heute vor 63 Jahren, am 12. Mai 1949, hatten die Berlinerinnen und Berliner Grund zum Aufatmen. Die Blockade des Westteils der Stadt war nach einem knappen Jahr beendet. Die Zufahrtswege auf dem Land und über Flüsse und Kanäle wurden wieder geöffnet. Der Versuch Stalins, die westliche Welt durch eine totale Absperrung der westlichen Sektoren Berlins zum Abzug zu zwingen, war gescheitert.

Die Berliner hatten mit zähem Durchhaltewillen alle Kräfte zum Überleben mobilisiert. Und die Westmächte bekannten sich eindrucksvoll zu ihrer Verantwortung für Berlin. Es war eine beispiellose Hilfsaktion aus der Luft, mit der sie die Versorgung mit lebenswichtigen Gütern aufrechterhielten.

Heute, 63 Jahre nach dem Ende der Blockade, sind wir erneut zusammengekommen, um an diese bewegenden Ereignisse der Jahre 1948/49 zu erinnern. Berlin blickt in diesem Jahr auch auf seine 775-jährige Stadtgeschichte zurück. Nur wenige einzelne Ereignisse haben sich so tief in das Gedächtnis der Berlinerinnen und Berliner eingebrannt wie die Blockade. Sie ist ein Markstein auf dem Weg in die Teilung unserer Stadt.

Für die Berliner ging es um ihre pure Existenz, um das Überleben von über zwei Millionen Menschen. Und, was sie nicht vergessen werden: In diesem entscheidenden Moment der Geschichte wurden sie nicht allein gelassen. Was die Beteiligten vollbrachten war eine Meisterleistung. Auf fast 280.000 Flügen transportierten vor allem amerikanische und britische Flugzeuge weit mehr als zwei Millionen Tonnen lebenswichtiger Güter nach Berlin: Nahrungsmittel, Kohle zum Heizen, Baumaterialien. Alle zwei bis drei Minuten landete eine Maschine in Gatow, Tegel und Tempelhof. Jeder Flug brachte den Menschen nicht nur lebenswichtige Güter, sondern vor allem eines: Hoffnung – aufs Überleben, aber auch auf bessere Zeiten.

Wir erinnern uns daher mit tiefer Dankbarkeit an die Hilfe, die Berlin durch die Luftbrücke zuteil wurde. Und wir verneigen uns vor den 78 Opfern dieser einzigartigen Hilfsaktion – vor Menschen, die sich in den Dienst der Luftbrücke gestellt haben und dabei ihr Leben ließen.

Dass den bedrängten Berlinern so kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit einer Luftbrücke geholfen wurde, war keine Selbstverständlichkeit. Logistisch nicht, weil es in der Geschichte kein Beispiel für die komplette Versorgung einer Zwei-Millionen-Stadt aus der Luft gab. Und auch politisch war eine solche Hilfsaktion keine Selbstverständlichkeit. Berlin war Reichshauptstadt und Deutschland hatte die Welt mit einem verbrecherischen Angriffskrieg überzogen und den Völkermord an den Juden verübt. Nicht wenige Politiker in den Hauptstädten der Alliierten zielten darauf ab, Deutschlands Wiederaufstieg dauerhaft zu verhindern.

Solidarität mit den Deutschen war nicht populär. Aber am Ende setzten sich Politiker und militärische Strategen mit Weitblick durch. Zu ihnen zählte der unvergessene Lucius D. Clay, der Oberbefehlshaber der US-Landstreitkräfte in Europa und Militärgouverneur in der amerikanischen Besatzungszone. In Berlin gilt er bis heute als der ‚Vater der Luftbrücke’. Von Anfang an hatte er den hohen Demontageforderungen der Sowjets energisch widersprochen. Er setzte auf Hilfe statt Demütigung der Deutschen. Damit erreichte er die Herzen nicht nur der Berliner, die ihn als Held verehrten. Er legte damit auch das Fundament für die jahrzehntelange transatlantische Verbundenheit.

Die Menschen in den westlichen Sektoren fühlten sich, auch dank der Luftbrücke, zunehmend als Teil des Westens. Aus den Sieger- und Besatzungsmächten wurden erst Schutzmächte und schließlich Freunde.

Heute, 63 Jahre nach dem Ende der Blockade, sieht die Welt vollkommen anders aus. Der Kalte Krieg ist Geschichte. Europa ist friedlich vereinigt und seit über zwei Jahrzehnten ist Berlins Teilung überwunden. Dennoch: Wir werden die Luftbrücke und die Leistungen der beteiligten Männer und Frauen aus Amerika, Großbritannien und Frankreich, aus Kanada, Südafrika, Neuseeland und Australien nicht vergessen. Das Denkmal auf diesem Platz erinnert uns daran. Und wir werden auch in Erinnerung behalten, wofür 78 Menschen ihr Leben geopfert haben: Für die Freiheit.

Diese große Idee lebt in Berlin fort. Als Verpflichtung, alles dafür zu tun, dass nie wieder Menschen einer ganzen Stadt zu Geiseln in einem politischen Machtkampf werden. Sie lebt weiter am Flughafen Tempelhof, den wir seit dem Ende des Flugverkehrs und der Öffnung für die Menschen ‚Tempelhofer Freiheit’ nennen – als Ausdruck des Freiheitsdranges der Menschen und als freien Ort der freien Entfaltung urbanen Lebens. Und diese große Idee der Freiheit lebt als Lebensgefühl in unserer Stadt fort, die voller Freiräume steckt und die wir auch in Zukunft als Ort der Begegnung für Menschen aus aller Welt gestalten werden – als weltoffene und tolerante Metropole in der Mitte Europas.

Am Sockel dieses Denkmals erinnert eine Inschrift an die bei den Unfällen während der Luftbrücke Verstorbenen. Dort steht: ‚Sie gaben ihr Leben für die Freiheit Berlins im Dienste der Luftbrücke 1948/1949’.

Auch heute, 63 Jahre nach dem Ende der Blockade, gilt Ihnen unsere dankbare Erinnerung. Wir werden sie nicht vergessen, weil sie Großes für Berlin geleistet haben und für die Freiheit.“

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