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Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, auf dem Festakt zum dreihundertsten Geburtstag Friedrichs des Großen

Pressemitteilung vom 24.01.2012

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, sagte in seiner Rede auf dem Festakt zum 300. Geburtstag von Friedrich dem Großen am 24. Januar 2012 im Konzerthaus Berlin laut Rede-Manuskript (es gilt das gesprochene Wort):

„Vor etwas über 30 Jahren eröffnete Berlins damaliger Regierender Bürgermeister Richard von Weizsäcker, den ich heute auch sehr herzlich unter uns begrüße, eine vielbeachtete Preußen-Ausstellung. In seiner Rede am 15. August 1981 zitierte er zu Beginn eine Umfrage unter Schülern. Die Frage lautete: ‚Wer war der Alte Fritz?’ Eine dreizehnjährige Schülerin aus Hamburg antwortete: ‚Ich glaube, er hat die Schule erfunden.’ Ein gleichaltriger Schüler aus München sagte: ‚Sein Vater wollte ihn töten. Da ist er nach Amerika gegangen und ist dort sehr reich geworden.’

Und 2009 sah das Bild auch bei den über 14jährigen deutschlandweit nicht viel besser aus. Forsa hatte damals im Auftrag der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gefragt: Wer war Friedrich der Große? 32% wussten, dass es sich um einen preußischen König, Friedrich II. oder den ‚Alten Fritz’ handelt. 47% der Befragten konnten dagegen spontan nichts mit Friedrich II. verbinden. ‚An den Geschichtskenntnissen lässt sich also noch manches verbessern’, sagte damals Richard von Weizsäcker zu den Antworten der Dreizehnjährigen. Und wir sehen: Manche bürgermeisterliche Einschätzung verliert auch nach 30 Jahren nicht ihre Gültigkeit.

In diesem Sinne heiße ich Sie im Namen des Senats sehr herzlich willkommen zu diesem Festakt, mit dem Berlin und Brandenburg gemeinsam den 300. Geburtstag von Friedrich II. feiern, der auf vielfältige Weise Maßstäbe über seine Zeit hinaus gesetzt und unserer ganzen Region seinen Stempel aufgedrückt hat. Der heutige Festakt fügt sich ein in eine Vielzahl von Veranstaltungen in Berlin und Brandenburg. Dass ihn beide Länder in enger Kooperation veranstalten, ist nach dem ‚Fontane-‚ und dem ‚Preußen-Jahr’ ein weiteres gutes Beispiel dafür, dass wir uns gemeinsam der Geschichte stellen und dabei erfolgreich zusammenarbeiten. Danke, lieber Kollege Platzeck, für die gute Zusammenarbeit und danke allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Einrichtungen, die dieses Gedenkjahr mit Leben erfüllen!

Friedrich II. ist ganz gewiss eine der prägendsten Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts – ein Mythos, der auch nach seinem Tod viele Menschen bewegt, längst nicht nur Preußen-Nostalgiker. Fast ein halbes Jahrhundert lang war Friedrich II. preußischer König. Sich mit ihm zu beschäftigen, lohnt sich auch heute noch.

Wenn also Demoskopen am Ende dieses Gedenkjahres wieder fragen würden: ‚Wer war der Alte Fritz?’: Was könnte, was sollte dabei herauskommen?

Als Berliner denkt man daran, wie sehr das Zentrum unserer Stadt Friedrichs Handschrift trägt. Ganz besonders das Ensemble rund um den heutigen Bebelplatz – das Forum Fridericianum. Friedrich war ein großer Freund der Künste. Er selbst brachte es auf 50.000 Verse und viele andere Werke. Er war ein ‚dichtender König’, der sich gerne mit geistreichen Persönlichkeiten seiner Zeit umgab. Und an die Oper, die er durch seinen Baumeister Knobelsdorff Unter den Linden errichten ließ, holte er italienische und französische Künstler und stieß damit die Fenster der bis dahin doch eher kleinen preußischen Welt weit auf.

Dass wir heute, 300 Jahre nach seiner Geburt, mit dem Humboldtforum am Standort seines Stadtschlosses einen Ort der Begegnung mit den außereuropäischen Kulturen schaffen wollen – das hätte dem weltläufigen Monarchen ganz gewiss gefallen. An dem Ensemble rund um den heutigen Bebelplatz setzte Friedrich einen hoch politischen Akzent: An diesem zentralen Platz erlaubte der König des protestantischen Preußen die Errichtung einer neuen katholischen Kirche. Die Hedwigskirche ist bis heute das Symbol für die religiöse Toleranz Friedrichs II. – ich zitiere: „Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen.” Welch ein Satz! Gesagt hat ihn Friedrich II. im Jahr 1740 als Antwort auf die Anfrage der Generaldirektion, ob Katholiken in Preußen das Bürgerrecht verliehen werden dürfe.

Friedrich bestieg, so würde man heute sagen, als Hoffnungsträger den Thron. Er war den Menschen zugewandt und lehnte die prunkvolle Inszenierung ab, die seine gekrönten Zeitgenossen in ganz Europa an den Tag legten. Kurz nach seinem Amtsantritt schrieb er an seinen Freund Voltaire: ‚Ab jetzt ist es das Volk, das ich liebe, der einzige Gott, dem ich diene (…).’

Am Ende dieses Gedenkjahres könnte also auch das Wissen um Friedrichs Ethos als ‚Erster Diener’ seines Staates liegen.

Eine seiner ersten Amtshandlungen zeigte seine Volksnähe: Er entschied, das spekulativ gehortete Getreide in den königlichen Domänen zu günstigen Preisen an arme Leute zu verkaufen. Bahnbrechend war auch sein erster Kabinettsbefehl, durch den Friedrich die Folter weitgehend abschaffte. Unter seiner Ägide war Preußen das erste europäische Königreich, in dem es zumindest eine eingeschränkte Pressefreiheit gab. Schließlich bereitete Friedrich den Weg für eine professionelle Verwaltung und ein faires Rechtssystem, auch für sozial Benachteiligte.

Gedenkjahre zur Erinnerung an einzelne Persönlichkeiten tragen immer ein Risiko in sich: das der weiteren Heroisierung und eines unkritischen Starkults. Friedrichs Denkmal steht Unter den Linden. Dort – im Angesicht seines städtebaulichen Erbes – gehört es auch hin. Denn er hat sich große Verdienste um Berlin erworben. Aber, offen und ehrlich der Geschichte ins Auge zu sehen, heißt auch, die dunklen Seiten ihrer prägenden Persönlichkeiten auszuleuchten. Friedrich hielt viel auf seine religiöse Toleranz. Aber sie reichte im politischen Handeln nur so weit, wie sie dem Herrschaftsinteresse entsprach. Die Katholiken durften zwar Kirchen bauen, aber sie blieben von öffentlichen Spitzenämtern ausgeschlossen. Und die Juden wurden weiterhin aus den Gilden und Zünften ausgegrenzt. Friedrich selbst begegnete ihnen mit massiven Vorurteilen.

Friedrich war ein Mann voller Tatendrang und Gestaltungswillen. Er wollte die politische Landkarte verändern, was ihm gelang. Aber der Preis war hoch, sehr hoch. Viele tausend Menschen verloren ihr Leben in Schlachten, die Friedrich vom Zaun gebrochen hat. Auch das könnte also am Ende dieses Jahres stehen: ein nüchterner Blick auf die unendlich vielen Kriege, die auf diesem Kontinent auch im 18. Jahrhundert geführt wurden. Und ein bisschen Stolz auf unser Europa heute, das weit mehr ist als der Euro und eine Abfolge von Krisen. Stolz auf Europa als Erfolgsmodell eines friedlichen Zusammenlebens nach den Verheerungen früherer Kriege – auch der Kriege, die von Friedrich II. angezettelt wurden.

Für Berlin markiert die Erinnerung an Friedrich II. auch den Beginn eines Gedenkjahres, in dem wir an 775 Jahre Berliner Stadtgeschichte erinnern. Ein Schwerpunktthema wird die Migration sein. Sie hat das Werden und Wachsen Berlins über die Jahrhunderte geprägt. Die Geschichte unserer Stadt hat uns gelehrt, den Wert der Vielfalt, des gegenseitigen Respekts und der Toleranz zu erkennen. Sie hat uns im 20. Jahrhundert gelehrt, dass die Zerstörung von Vielfalt, Freiheit und Demokratie in die Katastrophe der Shoa und des Krieges führte.

‚Wer war der Alte Fritz?’ Diese Frage wird auch das Gedenkjahr nicht abschließend beantworten. Dazu war Friedrich II. eine viel zu komplizierte und widersprüchliche Persönlichkeit. Fest steht: Friedrich II. hat wie kein anderer das 18. Jahrhundert geprägt. Er hat als Mann der Aufklärung Maßstäbe gesetzt. Ja, er war ein Großer in unserer Geschichte, der Großes geleistet hat. Es lohnt sich auch heute noch, sich mit Friedrich II. auseinanderzusetzen.

Dazu laden viele Veranstaltungen in Berlin und Brandenburg ein. Und ich bin sicher, lieber Herr Dr. von Weizsäcker, dass sie nicht nur helfen werden, die Geschichtskenntnisse der dreizehnjährigen Jugendlichen in unserer Region zu verbessern, sondern auch die vieler Erwachsener.“