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Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, zum zehnten Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001

Pressemitteilung vom 09.09.2011

Sperrfrist 11. September 14.30 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führte auf der Gedenkveranstaltung zum zehnten Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001 am 11. September 2011 im Berliner Rathaus laut Redemanuskript u. a. aus:

„Vor genau zehn Jahren, am 11. September 2001 um 8 Uhr 46 Ortszeit, schlug eine Boeing 767 der American Airlines im Nordturm des World Trade Centers in New York ein. Es war der Auftakt zu einer dramatischen Serie von Terroranschlägen in Amerika. Bitte erheben Sie sich zu einer Schweigeminute für die Opfer der Terroranschläge vom 11. September.

( SCHWEIGEMINUTE )

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Welt erschüttert. Den Menschen in der ganzen Welt hat sich dieser Tag in die Erinnerung eingebrannt. Niemand wird je den Moment vergessen, als ihn die Nachricht über die Anschläge erreichte.

Am 11. September 2001 hielt auch Berlin den Atem an. Das Leben kam zum Stillstand. Viele, vor allem junge Leute versammelten sich auf den Straßen, suchten aneinander Halt und bekundeten ihre Solidarität mit dem amerikanischen Volk.

Wir alle konnten zunächst kaum glauben, was wir hörten und sahen. Und ich erinnere mich noch gut an die tiefe Betroffenheit und Trauer, als am Abend der evangelische Landesbischof Huber und der katholische Erzbischof von Berlin Kardinal Sterzinsky eine bewegende ökumenische Trauerfeier im Berliner Dom abhielten. Der Dom war überfüllt. Hunderte Menschen, die nicht mehr Einlass fanden, hatten sich auf dem Vorplatz versammelt. Auch in zahlreichen anderen Gotteshäusern der Stadt wurde der Anschläge gedacht. Aber es war nicht nur Ohnmacht und Trauer, was wir alle empfanden. Schon an diesem Tag kam etwas anderes hinzu: ein tiefes Gefühl der Solidarität – der Solidarität mit den Opfern der Anschläge, aber auch mit dem amerikanischen Volk insgesamt.

Amerika war angegriffen worden. Und die Bilder der brennenden Twin Towers und des beschädigten Pentagon bedeuteten letztlich auch: Wir alle waren angegriffen worden. Es war eine Attacke auf die offene Demokratie, auf unsere Freiheit und auf unsere Werte. So empfanden besonders die Berlinerinnen und Berliner. Denn in dieser Stadt sind Werte wie Freiheit und Solidarität stark ausgeprägt. Es waren die Amerikaner, die der geteilten Stadt diese Werte vorgelebt hatten. Nirgendwo sonst ist die deutsch-amerikanische Freundschaft so tief verwurzelt wie in Berlin.

Viele sehen seitdem in dem 11. September das Datum, an dem Terroristen, die sich auf einen radikalen Islamismus berufen, dem Westen den Krieg erklärten. Die Folgen beschäftigen uns bis heute. Auch die Debatten darüber, was die richtige Antwort darauf sein kann. Mitunter waren und sind es kontroverse Debatten. Ich denke an die Kriege im Irak und in Afghanistan: Kriege, die zahlreiche Opfer gekostet haben.

War der 11. September wirklich die große weltgeschichtliche Zäsur, wie manche schnell behauptet haben? Mitunter war auch die Gefahr da, in der Reaktion auf den Terror genau das zu tun, was die Terroristen wollten: die Unterschiede der Kulturen schier unüberwindbar erscheinen zu lassen. Allemal aber war es eine Bewährungsprobe für unsere demokratische Wertegemeinschaft. Unter dem Eindruck der Anschläge ist unser westliches Bündnis eng zusammen gerückt. Das Wort des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder von der ‚uneingeschränkten Solidarität’ mit Amerika drückte die Stimmung in den Wochen nach den Attentaten aus.

Aber es gab bald auch Meinungsverschiedenheiten innerhalb des westlichen Bündnisses. Viele Menschen in Europa sahen insbesondere den Irak-Krieg mit großer Skepsis. Und die Grundfrage, ob die Weltgemeinschaft nun gemeinsam und – wenn auch mühsam – über die Vereinten Nationen agieren sollte, oder aber ob besser einzelne Länder mit militärischem Vorgehen Zeichen setzen sollten, hat die Debatten lange geprägt.

Weitaus größer als alle Differenzen waren und sind die Gemeinsamkeiten: Ich meine das Bekenntnis zu Freiheit und Demokratie, zu Weltoffenheit und Toleranz gegenüber anderen Kulturen. Die Antwort konnte doch nur sein, nun erst recht diese Werte hochzuhalten, sie zu leben. Darin liegt – neben von den neuen Sicherheitsfragen, die sich seitdem stellen – die größte Herausforderung. Ich sage auch heute: Die Antwort muss sein, dass freiheitsliebende Menschen zusammenrücken, egal welche Konfession sie haben und egal aus welchem Land sie stammen. Dass wir gemeinsam zeigen: Wir zucken nicht zurück, wenn es um unsere Werte geht.

Ich meine: Wir haben diese Herausforderung in den zurückliegenden zehn Jahren angenommen. Wir haben uns an manche zusätzliche Sicherungsvorkehrung im Alltag gewöhnen müssen, zum Beispiel im Flugverkehr. Es hat Militäreinsätze im Interesse größerer internationaler Sicherheit gegeben, in denen junge Soldatinnen und Soldaten im Auftrag unserer liberalen Demokratien ihr Leben eingesetzt haben – auch solche, an denen Deutschland sich beteiligt hat. Wir gedenken der Opfer dieser Einsätze in Respekt und Trauer. Aber wir stellen uns auch bis heute immer wieder Fragen. Wie können wir wirkungsvoll agieren gegen die Aggression von Terroristen, ohne andererseits überzureagieren, indem wir wichtige Freiheitsrechte einschränken? Und vor allem: Wie wollen wir in einer solchen Welt künftig das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen friedlich gestalten? Das ist eine Frage, die besonders für Metropolen wie Berlin von größter Bedeutung ist.

Anti-Islamische Populisten und Rechtsextreme haben immer wieder versucht, das Thema für ihre Zwecke auszuschlachten – auch sie sind Feinde von Freiheit und Demokratie.

Ich will besonders hervorheben: Das Zusammenrücken hat stattgefunden. Ganz konkret im Alltag, auch in Berlin. Daran haben unsere muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger einen großen Anteil. Dass sich gerade die überwältigende Mehrheit der Berliner Muslime klar von Islamismus und Terrorismus distanziert hat, ist ein aktiver Beitrag für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserer Stadt. Dafür gebührt ihnen Dank und Anerkennung. Wie auch den christlichen Kirchen und der Jüdischen Gemeinde, die besonders nach den Terroranschlägen vom 11. September den Dialog mit dem Islam gesucht haben.

Dass Freiheit und Demokratie auch in der arabischen Welt ihren Siegeszug antreten, ist ein Traum, den viele von uns seit langem teilten. Wir erleben jetzt, wie er in Erfüllung geht. Noch ist unklar, wohin diese neuen Freiheitsbewegungen steuern. Aber die Frage steht im Raum: Wären diese Werte in der arabischen Welt so verführerisch, wenn der Westen dem Kalkül der Terroristen gefolgt wäre und einen Krieg der Kulturen losgetreten hätte? Die Antwort lautet: Nein.

Aus dem Abstand von zehn Jahren lässt sich sagen: Die Stärke der Demokraten liegt im Notfall sicher auch darin, dass sie sich gemeinsam wehren gegen Angriffe, wenn es sein muss auch mit militärischen Mitteln. Die Stärke der Demokraten im Alltag aber liegt darin, die eigenen Werte erfolgreich zu leben. Das ist eine Leistung, die uns mit Zuversicht erfüllen sollte – gerade mit Blick auf künftige Herausforderungen.

Wir werden nie vergessen, was am 11. September 2001 geschah. Tausende unschuldige Amerikanerinnen und Amerikaner sind gestorben. Aber wir in Berlin, in ganz Europa und in Amerika haben den Mut zu einer offenen Gesellschaft nicht verloren. Sondern wir haben gemeinsam auf unsere Werte vertraut.

Berlin verneigt sich vor den Opfern der Terroranschläge vom 11. September 2001.”

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