Coronavirus in Berlin

Zentrale Informationen der Berliner Verwaltung zum Coronavirus finden Sie unter:

berlin.de/corona

Inhaltsspalte

Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, zum 50. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 2011

Pressemitteilung vom 13.08.2011

Es gilt das gesprochene Wort! Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führte auf der Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 2011 in der Gedenkstätte Bernauer Straße u. a. aus:

„Wir erinnern uns heute an den traurigsten Tag in der jüngeren Geschichte Berlins. Wie kein anderer Ort ist die Bernauer Straße zum Symbol für die Tragödie der Teilung unserer Stadt geworden.

Nichts war nach dem 13. August 1961 wie es vor diesem Schicksalstag gewesen war. Der Bau der Mauer traf uns Berlinerinnen und Berliner ins Mark. Fassungslos mussten wir mit ansehen, wie der SED-Staat die Teilung unserer Stadt zementierte. Wir waren geschockt und verzweifelt. Viele Menschen versuchten in letzter Sekunde noch, in den Westen zu gelangen. Die Bilder erschüttern uns heute noch. Sie erzählen vom Freiheitsdrang der Berliner. Sie dokumentieren die Unmenschlichkeit und das Unrecht der Mauer.

Und ich sage ganz persönlich: Mich spornt diese bittere Erfahrung an, nicht nachzulassen im Kampf gegen totalitäres Denken und Handeln – in welchem Gewand und mit welcher ideologischen Verbrämung auch immer.

Über 100 Menschen starben zwischen 1961 und 1989 an den 155 Kilometer langen Grenzanlagen rund um West-Berlin, weil sie versuchten, in die Freiheit zu gelangen. Aber dieser Traum von der Freiheit endete jäh im Kugelhagel der DDR-Grenzer.

Am 13. August 1961 sperrte die DDR-Führung ihr Volk ein und nahm so Zehntausenden ihre persönliche Lebensperspektive. Das SED-Regime gewann dadurch zwar Zeit, aber bereits damals war es die Bankrotterklärung eines Systems, dem die Menschen wegliefen.

Heute, 50 Jahre nach dem Bau der Mauer, gedenken wir der Opfer des DDR-Grenzregimes, aber auch all derer, denen – in Bautzen, Hohenschönhausen oder an einem der anderen Orte des Schreckens – Unrecht angetan wurde, weil sie frei sein wollten. Wir erinnern uns an den Durchhaltewillen so vieler Berlinerinnen und Berliner, die trotz aller Widrigkeiten an die Zukunft unserer Stadt geglaubt und alles dafür gegeben haben. Wir denken auch an die vielen menschlichen Erleichterungen, die Willy Brandt und seine Nachfolger als Regierende Bürgermeister und als Kanzler erreicht haben. Wir erinnern heute an die vielen Menschen weltweit, die Berlin in schwerer Zeit beigestanden haben. Erinnert sei an John F. Kennedy, der uns mit seinem Satz: ‚Ich bin ein Berliner.’ Mut machte.

Unsere Dankbarkeit gilt heute ganz besonders den Aktiven der Bürgerrechtsbewegung der DDR, denen die Evangelische Kirche den so wichtigen Freiheitsraum geboten und Mut gemacht hat. Die Friedliche Revolution und der Sieg der europäischen Freiheitsbewegungen in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei über die kommunistischen Diktaturen: Sie haben den Weg zur Überwindung der Teilung geebnet. Und dass es ein friedlicher Wandel wurde, haben wir vor allem einem zu verdanken: Michail Gorbatschow, unserem Ehrenbürger.

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, konnten wir Berliner unser Glück nicht fassen. Wir lagen uns in den Armen und feierten das Ende einer traurigen Epoche des Eingeschlossenseins und der Enge. Und mit uns feierte die ganze Welt.

Knapp 22 Jahre ist das her. Berlin hat sich seither in rasantem Tempo gewandelt und gilt heute als eine der spannendsten Metropolen der Welt. Darauf können wir stolz sein. Es gibt allerdings auch Menschen in Ostdeutschland, die dieser Wandel aus der Bahn geworfen hat. Sie verdienen unsere Solidarität und ihre Lebensleistungen unseren Respekt.

Keinerlei Verständnis verdienen jedoch diejenigen, die Teilung und Mauer nostalgisch verklären. Die Mauer war Teil eines diktatorischen Systems, eines Unrechtsstaats. Und es ist erschreckend, dass auch heute noch einige meinen, die SED habe gute Gründe für die Abriegelung gehabt. Nein! Für Unrecht, für die Verletzung der Menschenrechte, für Tote durch Mauer und Stacheldraht gibt es keine guten Gründe und keine Rechtfertigung.

Die Mauer ist Geschichte. Aber wir dürfen sie nicht vergessen. Wer sich damit auseinandersetzt, wird sensibel gegenüber Unrecht und totalitären Ideologien. Wir sind in der Bernauer Straße an einem Brennpunkt des Geschehens vom 13. August 1961. An diesem authentischen Ort erinnern wir an die Geschichte der Berliner Mauer. Und wir erweitern heute diese Gedenkstätte um einen wichtigen Abschnitt. Mit weit über 500.000 Besuchern jährlich ist dies der meist besuchte Gedenkort zum SED-Unrecht. Und doch belegen Umfragen immer wieder: Es gibt eine zunehmende Gedankenlosigkeit und auch Unkenntnis in Bezug auf Teilung und Mauerbau.

Heute, 50 Jahre nach dem Mauerbau, ist es an der Zeit, dass diese wichtige Epoche unserer jüngeren Geschichte breiteren Raum im Schulunterricht einnimmt, dass Eltern mit ihren Kindern über ihre Erinnerungen sprechen und dass wir das Gespräch mit Zeitzeugen suchen, die mitten unter uns leben.

Eine Berliner Tageszeitung schrieb am 14. August 1961, einen Tag nach dem Bau der Mauer: ‚Diesen Tag vergessen die Berliner nicht.’ Heute, am 50. Jahrestag des Mauerbaus, füge ich hinzu: Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, die Erinnerung wachzuhalten und an die nächste Generation weiterzugeben, Freiheit und Demokratie zu pflegen und alles zu tun, damit solches Unrecht nie wieder geschieht.“

- – -