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Wowereit-Rede zur Begrüßung der Friedensnobelpreisträger-Konferenz im Berliner Rathaus

Pressemitteilung vom 10.11.2009

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat anlässlich des Empfangs für die Friedensnobelpreisträger am 10. November 2009 im Berliner Rathaus die folgend veröffentlichte Rede gehalten. Das Presse- und Informationsamt verbreitet den Wortlaut auf der Grundlage des Manuskripts.

Klaus Wowereit: “Es ist eine große Ehre für die wiedervereinigte Stadt Berlin, Gastgeber Ihrer Konferenz zu sein. Mit Ihrer Person und mit Ihrem Wirken sind Sie Bannerträger eines friedlichen Zusammenlebens der Menschheit. Und Sie stehen dafür, dass wir uns weltweit als Gleiche respektieren – ohne Ansehen der Herkunft, der Hautfarbe, der Religion und der Lebensweise.

Ihr ‘jüngster Kollege’, der Friedensnobelpreisträger dieses Jahres, Barack Obama, sagte vor einem Jahr: ‘Berlin ist die Stadt, die den Traum der Freiheit am besten kennt.’ Wir alle spüren: Berlin kennt nicht nur den Traum der Freiheit, sondern Berlin lebt und liebt die Freiheit. Und Berlin inspiriert zu einem Leben in Freiheit. Die Menschen kommen nach Berlin, weil die Stadt offen für Neues ist, weil in ihr kulturelle Energiequellen sprudeln, weil sie Gestaltungsräume bietet, weil sie von Vielfalt und Toleranz, von Internationalität und Weltoffenheit geprägt ist.

Wir alle sind noch ergriffen von der Feier des gestrigen Tages – von unserem großen, emotionalen Fest der Freiheit und dem starken Signal, das wir gemeinsam aus Berlin in die Welt gesandt haben. Was vor 20 Jahren möglich war und in Berlin geschah – dass Menschen mit Mut und zivilem Engagement die Welt verändern: Das ist auch heute möglich. Jeder einzelne von Ihnen ist dafür vom Nobel-Komitee ausgezeichnet worden.

Berlin ist der Ort, der mit dem Fall der Mauer zum Symbol des tiefgreifenden Wandels unserer Welt geworden ist. Berlin ist zum Symbol der Freiheit geworden. Nun geht es darum, dass wir Freiheit in einem umfassenden Sinne verstehen: als die Chance für alle Menschen auf dieser Welt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ein Leben ohne Gewalt, ein Leben in Sicherheit, ein Leben in einer intakten und gerechten Gesellschaft, ein gesundes Leben in würdevollen Lebensverhältnissen.

Die Mauern der Gegenwart sind hoch und dick: Die Mauern zwischen arm und reich. Die Mauern, die uns von einer Lösung des Klimaproblems trennen. Und die Mauern, die uns von einer Welt ohne Gewalt trennen, in der die Menschenrechte nicht nur auf dem Papier stehen, sondern für alle gelten.
Der verstorbene Friedensnobelpreisträger Willy Brandt schrieb in seinem Abschied an die Sozialistische Internationale: ‘Auch nach der Epochenwende 1989 und 1990 konnte die Welt nicht nur ‚gut’ werden. Unsere Zeit allerdings steckt, wie kaum eine andere zuvor, voller Möglichkeiten – zum Guten und zum Bösen.’ Und voller Lebensweisheit fügte Willy Brandt hinzu: ‘Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.’

Willy Brandt hatte einen nüchternen Blick. Er wusste um die Größe der Aufgabe. Aber er hat sich dadurch nicht entmutigen lassen, sondern Mut zum großen Wurf bewiesen, um ‘Gutes’ zu bewirken. Einen solchen Mut brauchen wir auch heute, um die Mauern unserer Zeit einzureißen, um in einer Zeit voller Möglichkeiten die Möglichkeiten des Guten zu nutzen. Das erfordert Mut, ziviles Engagement und die Mobilisierung weltweiter Solidarität. Und es bedarf glaubwürdiger Vorbilder, die voranschreiten und Orientierung geben. Wir alle, das haben wir gestern wieder gespürt, sind von der Sehnsucht nach einer Welt ohne Mauern getrieben, von einer Welt, in der uns Menschen ein friedliches Zusammenleben gelingt.

Verehrte Damen und Herren, liebe Friedensnobelpreisträger, ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie den Nobelpreis nicht nur als Anerkennung Ihrer Verdienste um den Frieden verstehen, sondern als Ansporn, auch in der Gegenwart und Zukunft an Verbesserungen zu arbeiten.

Mein großer Wunsch an Sie ist, dass Sie Ihre ganze moralische Autorität in die Waagschale werfen, um – im Sinne Willy Brandts – Antworten auf die großen Fragen unserer Zeit zu finden. Dass Sie Netzwerke der Veränderung über den ganzen Globus hinweg knüpfen. Und dass Sie Wege weisen, wie es uns mit vereinten Kräften gelingen kann, die Mauern zu Fall zu bringen, die unsere Welt bedrohen und die Entwicklung blockieren.

In diesem Sinne danke ich Ihnen aufrichtig für Ihr Engagement. Ich bin sicher: Die wiedervereinigte und freie Stadt Berlin wird Sie inspirieren. Möge dies ein fruchtbares Treffen werden und viele Ergebnisse hervorbringen, die uns auf dem Weg zu einer Welt ohne Mauern weiterbringen. Auch für die Zukunft stehen Ihnen die Türen des Roten Rathauses jederzeit weit offen. Noch einmal: Herzlich willkommen!”

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