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Stellungnahme der Jury zur Förderempfehlung

Pressemitteilung vom 11.06.2008

Die Jury hat sich über mehrere Monate hinweg ein detailliertes Bild von den 68 Anträgen auf Basisförderung zu machen gesucht. Zur weitergehenden Information oder auf eigenen Wunsch von Gruppen wurden Antragsteller zu Gesprächen bzw. Anhörungen vor den Beratungen der jeweiligen Konzepte eingeladen.

Als Resultat ihrer Beratungen (bei sieben ganztägigen Sitzungen) schlägt die Jury 32 Gruppen aus den Bereichen Tanz, Performance, Sprechtheater, Musiktheater, Puppen-/Figurentheater und Kinder-/Jugendtheater für eine Basisförderung 2009/10 und/oder Spielstättenförderung vor. Das sind sechs Gruppen mehr als 2007/08.

Die Jury hat sich bei ihrer Auswahl von zwei Grundgedanken leiten lassen. Zum einen soll eine Arbeitskonstanz bei all jenen Gruppen nachhaltig gefördert werden, deren Aktivitäten bisher unbestritten große künstlerische Relevanz und Ausstrahlung hatten und deren Konzepte dies auch für die Zukunft versprechen. Zum anderen möchte die Jury einen deutlichen Akzent auf innovative Ansätze legen und die Basisförderung stärker als bisher jungen Formationen zugänglich machen, denn sie versteht das Instrument der Basisförderung nicht nur als Bestandssicherung bewährter und etablierter Gruppen, sondern auch als Möglichkeit, verheißungsvollen Newcomern eine Arbeitsbasis zu ermöglichen.
Da nach Ansicht der Jury die interessantesten Entwicklungen derzeit im Tanz und Performance-Bereich stattfinden, setzt sie hier einen besonderen Schwerpunkt. In der Tanzszene nimmt die Tendenz zu immer breiter vernetzten internationalen Kooperationen und Koproduktionen vehement zu. Dies ist ein Beleg für die zunehmende Bedeutung der Berliner Tanzszene. Aus den Anträgen ist jedoch oft nur schwer ersichtlich, ob eine Gruppe ihren Sitz tatsächlich schwerpunktmäßig in Berlin hat und ihre Premieren hier stattfinden. Besonders problematisch erscheint in diesem Zusammenhang auch die in der Regel sehr geringe Anzahl an geplanten Berliner Aufführungen. Das kann an zu wenigen Spielstätten liegen, aber auch daran, dass zahlreiche Anträge Berlin primär als Finanzierungs- und weniger als Produktionsort verstehen. Die Jury empfiehlt daher für die Basisförderung vorrangig Gruppen, deren künstlerisches Zentrum eindeutig Berlin ist und die in der Stadt kontinuierlich präsent sind.

Tribuene

Die Tribuene am Ernst-Reuter-Platz ist vor drei Jahren von der damals zuständigen Evaluierungskommission aus der Konzeptförderung genommen worden. Dank einer Intervention der Politik wurde die Tribuene jedoch mit einem außerordentlichen Etat von 600.000,— € der Basisförderung 2007/08 zugeschlagen.

Gemessen an den Vorhaben der Mitkonkurrenten um eine Basisförderung vermochte die Jury sowohl aufgrund der Arbeit der abgelaufenen zwei Jahre als auch der Konzeption für die folgenden zwei Jahre keine positive Prognose zu stellen. Sie kann keine Veränderung der festgefahrenen Situation bzw. eine dafür geeignete künstlerische Vision erkennen.

Im Beurteilungszeitraum hat die Tribuene zunächst auf ein Konzept der „GegenWarte“ gesetzt, um sich dann infolge ökonomischen Drucks abrupt auf bewährtes Unterhaltungstheater rückzubesinnen. Der anschließende Neuanfang unter der künstlerischen Leitung von Anna Langhoff wurde noch in der Woche der ersten Premiere beendet. Der mit der Premiere des Theaterstücks „Tiergartenstraße 4“ (Klimke) konstatierte neuerliche „Neuanfang“ – der dritte in zwei Jahren – wird von der Jury nicht nachvollzogen. Hier scheint ein ums Überleben ringendes Theater sich allzu offensichtlich mit der Euthanasie eines „Aufregerthemas“ zu bedienen, das sich wegen seiner Brisanz einer kritischen Betrachtung entzieht. Ärgerlich ist, dass Text und theatrale Umsetzung inhaltlich und formal den 1950er Jahren verhaftet bleiben.

Das eingereichte Konzept und die mündlichen Ausführungen der Theaterleitung während der Anhörung haben der Jury keine überzeugende förderungswürdige Grundlage für die Entwicklung der Tribuene vermittelt. Der jüngste Erfolg des Musicals „Irma la Douce“ ändert nichts an dieser Einschätzung. Insgesamt erscheint die für 2009/10 vorgeschlagene Programmplanung um das biblische Motto „Dekalog“ weder hinreichend begründet noch programmatisch, ästhetisch und haushalterisch abgesichert. Das gewählte Grundthema der Auseinandersetzung mit den Zehn Geboten führt zu einer eher beliebigen Auflistung von Stücken. Unterhaltsame und ernste Stoffe werden in ähnlicher Weise gemischt wie schon seit Jahren. Es ist für die Jury nicht erkennbar, wie ein Konzept, das eher alte – nicht erfolgreiche – Wege perpetuiert, die inhaltliche Krise der Tribuene beenden und neue Publikumsschichten ansprechen könnte.
Gemessen an zahlreichen anderen der Jury vorliegenden Basisförderungsgesuchen scheint eine Weiterförderung der Tribuene daher nicht gerechtfertigt.

Orphtheater

Das Orphtheater in der Schoko-Fabrik ist eines der ältesten Off-Theater im Osten Berlins. Wiederholt einzelprojektgefördert, gehört es langjährig auch zu den Empfängern von Basisförderung. Vorgänger-Jurys hatten das Basisförderungsvolumen kontinuierlich gekürzt, weil das Orphtheater in seiner künstlerischen Entwicklung stagnierte. Die aktuelle Prüfung der Jury 2007/08 kommt zu folgender Einschätzung:

Von der Jury in den letzten Jahren besuchte Veranstaltungen führen zu dem Schluss, dass das Orphtheater sich seit einiger Zeit als nicht mehr in der Lage erweist, für sich beanspruchte Konzepte des körperbetonten Bewegungstheaters erfolgreich innovativ umzusetzen. Innerhalb der Berliner Szene setzt das Orphtheater keine unverwechselbaren Akzente mehr. Das diesmal eingereichte Konzept erweist sich inhaltlich als sehr unkonkret; die geplanten Projekte sind mehrheitlich weder thematisch noch ästhetisch ausgeführt. Die Umsetzung des angekündigten Spielzeitmottos 2009/10 „Sterben und Wiederauferstehen“ ist im Einzelnen nicht konkret nachvollziehbar. Vielmehr sieht die Jury in den vorgelegten Vorhaben einen überwiegend privatistischen Zugriff auf gesellschaftliche Phänomene – wie z.B. die eigene Krise – und einen sowohl mündlich als auch schriftlich erklärten Unwillen, sich in einen öffentlichen Diskurs darüber zu begeben. Die von den am Vorschlag des Orphtheaters beteiligten Regisseuren formulierten „Konzepte“ sind in ihrer Mehrheit nicht mehr als vage Absichtserklärungen. Mangels einer überzeugenden programmatischen Vorlage ist kein zwingender Grund dafür ersichtlich, weiterhin Basisförderung zu gewähren.

Hans Wurst Nachfahren

Die Jury betrachtete Hans Wurst Nachfahren im Gesamtzusammenhang der Berliner Puppen- und Figurentheaterlandschaft und kam dabei zu folgenden Ergebnissen:
Hans Wurst Nachfahren sind bezüglich des inhaltlichen und des Spielplanprofils mit Gruppen wie dem Weiten Theater und dem Theater o.N. vergleichbar und haben diesbezüglich in der Stadt keine herausragende Sonderstellung mehr. Auch das Angebot eines Abendspielplans für Erwachsene ist mittlerweile bei fast allen basisgeförderten Gruppen die Regel.
In künstlerisch-ästhetischer Hinsicht ist der Stil der Gruppe äußerst traditionsverhaftet. Neuere Tendenzen der Mischung verschiedener Formen oder das Spiel mit Objekten, wie sie bei vielen anderen Puppen- und Figurentheatern seit langem Standard sind, finden sich in den Stücken von Hans Wurst Nachfahren kaum. Gleiches gilt für den Umgang mit den gewählten Stoffen. Märchen werden auf sehr eindimensionalem Niveau umgesetzt, eine Anbindung an die heutige Lebenswelt der Kinder ist selten gegeben. Texte und Dramaturgie sind meist wenig überraschend. Auch wenn man berücksichtigt, dass eine Forderung nach Innovation für Kindertheater nur bedingt gelten kann, stellt sich Hans Wurst in der aktuellen Puppen- und Figurentheaterlandschaft Berlins im Vergleich als unoriginell und experimentierunlustig dar.
Die eingereichten Projektvorhaben für die nächsten zwei Jahre deuten nicht darauf hin, dass sich dies ändern wird.
Andererseits ist das Theater gut bei seinem Zielpublikum verankert und hat eine hohe Platzausnutzung. In Abwägung aller Argumente plädiert die Jury daher auf eine schrittweise Gleichstellung mit den vergleichbaren Puppen- und Figurentheatern.
Im Gegensatz zu allen anderen basisgeförderten Puppentheatern mit eigener Spielstätte erhalten Hans Wurst Nachfahren eine zusätzliche indirekte Senatsförderung in Höhe von jährlich rd. 39.000 €, da die Mietkosten der Spielstätte von der Grundstücksverwaltung finanziert werden. Damit bleibt die Gruppe auch bei einer reduzierten Basisförderung das mit Abstand am höchsten geförderte Puppen- und Figurentheater.

Ute Büsing, Dr. Gisela Nauck, Barbara Wahlster, Philippe Bischof, Gerd Hartmann, Dr. Dirk Scheper

Rückfragen:
Dr. Torsten Wöhlert
Telefon: 90 228 203
E-Mail: torsten.woehlert@kultur.berlin.de