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Die Chancen des demografischen Wandels in Berlin nutzen

Pressemitteilung vom 23.04.2007

Es gilt das gesprochene Wort!
Sperrfrist: 23. April 2007, 16.30 Uhr

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führt im Rahmen des „Stadtforums Berlin 2020“ am 23. April 2007 im Radialsystem V in der Holzmarktstraße 33 in 10243 Berlin unter anderem aus:

Der demografische Wandel ist zum Schreckgespenst geworden. Ich werde nicht den Versuch machen, es zu verscheuchen. Denn ich glaube nicht an Gespenster.

Der Wandel ist das Normale in der Politik, gerade in Berlin.

Politik heißt: keine Gespensterdebatten führen oder Angstkampagnen anzetteln nach dem Motto „Methusalem-Komplott“, „Vergreisung der Republik“ oder „Schrumpfende Gesellschaft“.

Sondern Politik heißt: im Hier und Jetzt den Wandel gestalten.

Wer Angst schürt, verfolgt erfahrungsgemäß ganz simpel eigene Interessen. Wie die Versicherungszentralen, die mit ernster Miene den Mangel an privater Vorsorge beklagen und dabei an nicht viel mehr denken als den Verkauf ihrer eigenen Policen.

Der demografische Wandel ist kein Katastrophenszenario, aber wenn wir nicht frühzeitig handeln, wird er eine Krise auslösen.

Politik heißt, die Lage ernst nehmen, mit kühlem Kopf und einer klaren Leitlinie Lösungen erarbeiten und für Mehrheiten kämpfen, um diese Lösungen durchzusetzen.

Denn eines ist klar: Wir müssen handeln!

Der demografische Wandel hat eine enorme Wucht, und er hat das Zeug, die Gesellschaft zu spalten; vorausschauende Politik kann den Wandel nutzen, um die Spaltung zu verhindern.

Der demografische Wandel kann Ältere ins Abseits drängen, vorausschauende Politik kann ihr Potenzial für den sozialen Zusammenhalt aktivieren.

Der demografische Wandel kann zu tiefgreifenden Verwerfungen in der Stadt führen – mit leerstehenden Schulen und Kitas in einem Stadtteil und langen Wartelisten im Nachbarbezirk, vorausschauende Politik sorgt für Ausgleich in der Stadt und unterstützt Ideen und Konzepte, um kreativ mit Leerstand und Nutzungsänderungen umzugehen.

Vorausschauende Politik baut Brücken zwischen den Generationen.

Im Kern geht es um die Frage, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen:

Wollen wir zulassen, dass Individualisierung zu Entsolidarisierung führt?

Oder verstehen wir die Veränderungen als Herausforderung, neue Formen der Solidarität und des Miteinanders, auch zwischen den Generationen, zu fördern?

Wollen wir den Zuzug junger Menschen nach Berlin dem Zufall überlassen?

Oder wollen wir alles daransetzen, dass Weltoffenheit, Integrationsanstrengungen und offene Arme zur Marke Berlins werden?

Wollen wir zulassen, dass Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung und Altersarmut in der Stadt zunehmen?

Oder gelingt es uns, den demografischen Wandel umzumünzen in ein Projekt des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der wirtschaftlichen Innovations- und Leistungskraft?

Und wollen wir die Tendenz zu Segregation und abgeschiedenen „städtischen Inseln“ einfach hinnehmen?

Oder wollen wir dazu beitragen, dass Räume in der Stadt geschaffen werden für unterschiedliche Lebensstile und Wohnformen aller Generationen?

Kurzum: Den demografischen Wandel zu gestalten, ist eine Frage vorausschauender Stadtpolitik und gleichzeitig auch eine moralische Frage. Von beidem möchte ich heute sprechen.

1. Berlin: Stadt im demografischen Wandel

Berlin ist nicht die Uckermark und auch nicht Neu Delhi. Weder schrumpft unsere Bevölkerung signifikant, noch erleben wir ein Wachstum wie in den Megacities der Welt.

Die Geburtenrate der Hauptstadt liegt über dem Durchschnitt der Länder und die Sterblichkeit liegt unter dem Durchschnitt.

Wir können mit einer etwa gleichbleibenden Bevölkerungszahl von über 3,3 Mio. Menschen rechnen. Das unterscheidet uns von anderen Städten.

Berlin ist die stabile Metropole im Osten Deutschlands.

Doch aus der sogenannten Alterspyramide ist längst ein Tannenbaum geworden. Und dieser ist dabei, sich umzudrehen.

Für Berlin heißt das: Seit 2003 ist die Zahl der über 65-Jährigen größer als die der unter 18-Jährigen. Und nach allen vorliegenden Prognosen wird sich der Trend fortsetzen.

Besonders zunehmen wird die Zahl der Personen im hoch betagten Alter von 75 und mehr Jahren. 2020 wird diese Altersgruppe vermutlich aus über 120.000 Menschen mehr bestehen als noch zu Beginn dieses Jahrzehnts, und das ist eine Steigerung um rund 50 Prozent!

Aber Vorsicht: Berlin ist nicht und wird nicht eine „silver city“. Denn unsere Metropole ist attraktiv für junge Menschen aus der ganzen Welt.

Schauen wir also näher hin: Berlin hat seit 1991 knapp 250.000 junge Menschen zwischen 18 und 35 Jahren durch Zuzug nach Berlin gewonnen.

Zum Beispiel 2005: Da sind knapp 70.000 in dieser Altersgruppe zugezogen und im Saldo haben wir knapp 20.000 gewonnen.

Seit dem EU-Beitritt unserer mittel- und osteuropäischen Nachbarn erleben wir erhebliche Wanderungsbewegungen aus diesen Ländern nach Berlin.

Berlin ist eine internationale Stadt. Zugezogen sind vor allem junge Leute, die in dieser Stadt eine große Chance für sich sehen. Seit 1990 hat sich die Hälfte der Bevölkerung in Berlin ausgetauscht.

Demografischer Wandel: Das ist für Berlin also nicht Wachstum oder Schrumpfen, sondern eine Entwicklung mit vielen Richtungen und unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Demografischer Wandel in Berlin bedeutet nicht Stillstand, sondern große Dynamik. Marzahn verändert sich ebenso rasant wie Teile von Kreuzberg, aber in gänzlich unterschiedlicher Weise.

Der demografische Wandel ist in einer Großstadt wie Berlin auf eine andere Weise spürbar als in anderen Teilen der Republik. Und Berlin ist eine Hochburg neuer, innovativer Lösungen. Ich komme darauf noch zu sprechen.

2. Berlin: Stadt für alle Generationen

Was bedeuten diese Feststellungen für die Politik?

Vor allem eines: Es gibt nicht die eine simple Antwort auf den Wandel. Es gibt viele Teilantworten, aber es muss eine verbindliche Leitlinie geben.

Meine Leitlinie lautet: Ich will den demografischen Wandel in Berlin nicht zur Krise werden lassen, sondern seine positive Dynamik für die Stadtentwicklung nutzbar machen.

Ich möchte der sozialen Entmischung in der Stadt entgegenwirken und gezielt gemeinsame Räume für Jung und Alt schaffen.

Berlin sollte den Anspruch haben, eine Stadt für alle Generationen zu sein.

Eine Stadt, in der alle Generationen friedlich miteinander Tür an Tür wohnen, wo sie füreinander einstehen und die für Junge genauso attraktiv ist wie für Ältere.

3. Demografischer Wandel: Herausforderungen für die Politik

Ich begreife die Bearbeitung des demografischen Wandels als Projekt des sozialen Fortschritts, als eine Chance zur Steigerung unserer Leistungsfähigkeit, als Chance zur Mobilisierung neuer Kräfte von Jung und Alt.

Eine Politik für alle Generationen bedeutet, dass wir die Potenziale und Möglichkeiten der Älteren nicht aus dem Auge verlieren.

Wer aktiv ist, fordert sich, hält sich fit und gibt seinem Leben einen Sinn – und zwar in jedweder Altersgruppe.

Eine Politik für alle Generationen beginnt aber zweifellos bei den Kleinsten.

Sie muss darauf bedacht sein, dass kein Kind verloren geht, dass jedes Kind die bestmögliche Förderung erhält. Wir setzen seit PISA alles daran, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln.

Richtig: Das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Aber genauso ist es eine Frage vorausschauender Politik:

Wir können es uns einfach nicht leisten, riesige Begabungsreserven ungenutzt zu lassen. Und das heißt: früh ansetzen – am besten nicht erst mit drei Jahren. Mit einem guten Krippenangebot, mit Kitas als qualifizierter Bildungseinrichtung ohne Gebühren, mit frühzeitigen Sprachtests und entsprechender Förderung, mit der früheren Einschulung, der verlässlichen Halbtagsgrundschule, dem Ausbau von Ganztagsschulen und all den Maßnahmen, die einerseits die Freiräume der einzelnen Schule erweitern, sie für eine Kooperation im Kiez öffnen und andererseits die Qualität des Unterrichts verbessern.

Eine Politik für alle Generationen bedeutet, alles daranzusetzen, damit alle jungen Menschen eine qualifizierte berufliche Ausbildung erhalten. Wir müssen den jungen Menschen etwas bieten, die unsere Schulen verlassen und die heutzutage quasi weltweit auf der Suche nach exzellenter beruflicher und akademischer Bildung und attraktiven Arbeitsbedingungen sind.

Denn was manche erst für die Zeit nach 2010 vorausgesagt haben, ist schon heute Realität: Unserem Land fehlen Fachkräfte, vor allem in den Hightech-Branchen.

Eine Studie der Ruhr Universität Bochum kommt zu dem Ergebnis, dass schon 60 Prozent der Hersteller von Medizintechnik, eine der Zukunftsbranchen Berlins, Schwierigkeiten haben, genügend gute Bewerber zu rekrutieren.

Ähnlich sieht es im Maschinenbau und im Bereich der Informationstechnik aus.

Entsprechend verändert sich auch in der Wirtschaft das Bewusstsein.

Eine Mehrheit der deutschen Manager rechnet damit, dass der Führungs- und Fachkräfte-Engpass eine der größten Bremsen fürs Unternehmenswachstum der nächsten Jahre sein wird. Das ist das Ergebnis einer Umfrage des Handelsblattes.

Die wirtschaftliche Leistungskraft unseres Landes wird deshalb in Zukunft nicht nur davon abhängen, ob es gelingt, Nachwuchs an jungen, gebildeten und motivierten Schulabgängern und Hochschulabsolventen zu gewinnen und die Erwerbsbeteiligung der Frauen weiter zu erhöhen.

Immer deutlicher wird, dass wir uns mit der Methode Frühverrentung weder wirtschafts- noch arbeitsmarktpolitisch einen Gefallen tun.

Quer durch die Republik befürchten die Personalchefs einen gigantischen Verlust an Erfahrungswissen im Unternehmen.

Deshalb plädiere ich eindringlich für flexiblere Regelungen beim Renteneintritt.

Wir streiten derzeit über die Rente mit 67. Aber warum denken wir nicht darüber nach, ob vielleicht eine Rente mit 70 dann möglich ist, wenn der Beschäftigte ab 60 zehn Jahre lang halbtags arbeitet?

So können wir weiter auf das Erfahrungswissen bauen und den Menschen signalisieren: Eure Kraft wird weiter gebraucht!

In manchen Unternehmen hat die Einstellungspraxis ja geradezu wahnhafte Züge angenommen: Am liebsten nehmen manche Unternehmen 25- bis 30-jährige Singles: flexibel und ungebunden, ohne vermeintlich „störende“ familiäre Einflüsse.

Die werden ein paar Jahre lang ausgepresst wie die Zitronen und spätestens mit 40 gehört man dann zum „alten Eisen“.

Rund 40 Prozent der Unternehmen in Deutschland beschäftigen keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über 50 Jahre – so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Ich habe ein anderes Verständnis von Unternehmenskultur. Es gibt eine Verantwortung, die über die nächste Bilanzpressekonferenz hinausreicht.

Ausbildung, Weiterbildung und Qualifizierung: In Zeiten lebenslangen Lernens dürfen das in den Unternehmen keine Fremdworte sein.

Gerade älter werdende Belegschaften erfordern gezielte Personalentwicklung, denn letztlich sind es die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die für die Wertschöpfung eines Unternehmens sorgen.

Wir müssen das Ziel erreichen, im Jahre 2010 bei den über 55-Jährigen die Beschäftigungsquote auf mehr als 50 Prozent zu steigern.

Ich meine, Berlins Wirtschaft sollte Vorreiter auf dem Weg in eine solche, humanere Unternehmenskultur sein! Mein Eindruck ist, dass die Berliner Kammern und Wirtschaftsverbände diesen Bewusstseinswandel fördern und die Unternehmen dabei mit Rat und Tat unterstützen, neue Wege zu gehen, die Personalentwicklung und betriebliche Gesundheitsvorsorge miteinander verknüpfen.

Ich begrüße das sehr und sowohl der Senat als auch die Bundesagentur für Arbeit unterstützen dies: mit einem hervorragenden Beratungsangebot für Weiterbildung und mit einer Reihe von gezielten Fördermöglichkeiten für ältere Arbeitnehmer.

Es wird eine unserer großen Zukunftsaufgaben sein, die Leistungskraft Älterer zu bewahren und sie in die Lage zu versetzen, ihre Erfahrungen, ihr Wissen und auch ihre Lebensweisheit einzubringen und damit den Wandel aktiv mit zu gestalten.

Demografischer Wandel heißt: Es ist Zeit für neue, unkonventionelle Wege.

Ich behaupte nicht, fertige Lösungen in der Schublade zu haben, aber mein Appell ist: Suchen wir ohne Denkverbote und Scheuklappen nach dem Neuen.

Schaffen wir zum Beispiel Orte der Begegnung zwischen den Generationen.

Bringen wir Kita und Altenheim unter ein Dach und nutzen wir dafür ein paar der vielen Schulen, die wegen zu geringer Schülerzahl geschlossen wurden.

Oder: Nehmen wir den Unruhezustand der neuen „jungen Alten“ zum Anlass, ihre Kraft für das bürgerschaftliche Engagement zu gewinnen. Denn die neue Rentnergeneration will altern, wie sie bislang gelebt hat: selbstbestimmt, unkonventionell und ein bisschen wild.

Und was kann unserer Stadt besseres passieren, als dass sich viele von ihnen engagieren. Betätigungsfelder gibt es in Hülle und Fülle. Und die Bereitschaft ist auch da, das zeigt der Freiwilligensurvey.

Als Senat werden wir weiter an der Verbesserung der Rahmenbedingungen arbeiten, gerade auch für diejenigen, die am Ende ihres Berufslebens nach einer sinnvollen Betätigung nach Eintritt in den Ruhestand suchen.

Eine andere Möglichkeit, neue Kräfte zu mobilisieren, sind die sogenannten Freiwilligendienste.

Schon heute übersteigt die Bewerberzahl deutlich die Zahl der Plätze. Ich behaupte: Hier schlummert noch ein riesiges Potenzial, und es ist an der Zeit, die Freiwilligendienste in verschiedene Richtungen auszubauen.

Viele Einsatzmöglichkeiten haben einen generationenübergreifenden Ansatz und fördern das Miteinander von Jung und Alt.

Sie sind für viele junge Menschen eine Chance, wichtige Lebenserfahrungen zu sammeln und sich nützlich zu machen.

Freiwilligendienste könnten sehr viel mehr als bisher die Integration fördern, wenn zum Beispiel Migrantenorganisationen als Träger auf Jugendliche in ihren Communities zugehen könnten, um sie für einen solchen Dienst zu gewinnen.

Das würde die Dienste interkulturell öffnen und helfen, neue Zielgruppen für das freiwillige Engagement zu gewinnen.

Wir werden zu dieser Frage demnächst eine Bundesratsinitiative starten.

Wer einen solchen Dienst für die Gemeinschaft leisten will, soll dies auch tun können.

Ein Schwerpunkt der Senatspolitik, mit dem es uns gelingen kann, neue Kräfte zu mobilisieren, ist die Stärkung der kulturellen Bildung.

Wer den Film “Rhythm is it” gesehen hat, wer Projekte wie „Tusch – Theater in den Schulen“ oder „Tanzzeit“ kennt, ahnt die enorme Wirkung und das große Potenzial einer Offensive für die kulturelle Bildung in Berlin.

Kulturelle Bildung kann in der Einwanderungsstadt Berlin dazu beitragen, Jugendlichen neue Perspektiven zu eröffnen, sie kann integrativ wirken und Brücken schlagen zwischen Jung und Alt.

Ich setze mich für ein spezifisches Berliner Patenschaftsmodell ein, das neben anderen auch vom Rat für die Künste getragen wird.

Ich bin überzeugt: Mit einer großen gemeinsamen Anstrengung können wir erreichen, dass jede Schule, Kinder- oder Jugendeinrichtung eine Kultureinrichtung als ihren Paten findet.

Und ich bin sicher: Wir werden Unterstützerinnen und Unterstützer aus allen Teilen der Stadt finden, die ihren Beitrag dazu leisten, dass dieses Modell funktioniert und jungen Menschen den Zugang zur Kultur durch eine neue Form der Begegnung und des aktiven Zusammenwirkens eröffnet.

Den kulturellen Reichtum in der Stadt sichtbar machen und gleichzeitig Chancen auch für diejenigen zu schaffen, die an den Rändern der Stadt leben, das ist die Aufgabe von Bildung und Kultur.

Gleichzeitig wissen wir: Es wird in Zukunft einen enormen Wettbewerb um junge Familien geben. Den gewinnt nur, wer die besten Schul- und Ausbildungsmöglichkeiten bietet und wer die kulturelle und wissenschaftliche Strahlkraft der Stadt als Capital of Talents weiter erhöht.

Trotz aller Finanzprobleme werden wir an unserem Schwerpunkt Bildung, Wissenschaft und Kultur festhalten.

Wir unterstützen unsere Universitäten im Exzellenzwettbewerb und verbessern die Ausbildung an den Hochschulen.

Und wir wollen unsere kulturelle Strahlkraft als Zentrum der zeitgenössischen Kunst verstärken, indem wir mit einer Berliner Kunsthalle einen Ausstellungsort für die vielen jungen Künstlerinnen und Künstler schaffen, die in Berlin leben und arbeiten.

Berlin ist eine Stadt im Wandel und besitzt schon heute weltweit das Image einer kreativen Stadt, in der man mit Ideen und Enthusiasmus eine Menge bewegen kann.

Wollen wir auch in Zukunft die Talente aus aller Welt für Berlin gewinnen, dann müssen wir alles tun, um die Freiräume für innovative und kreative Köpfe zu sichern.

4. Ein ressortübergreifendes Gesamtkonzept für den demografischen Wandel

Der demografische Wandel hat also viele Facetten. Und er ist in seinen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft in höchstem Maße ambivalent.

Demografischer Wandel kann ein Mangel an Fachkräften und gleichzeitig Arbeitslosigkeit, angespannte soziale Sicherungssysteme sowie Standortschwäche bedeuten.

Deshalb müssen wir heute handeln.

Die ältere Generation spielt einen zunehmend aktiven Part in der Wirtschaft.

Haushalte, deren Haupteinkommensbezieher zwischen 65 und 80 Jahre alt sind, weisen die höchste Konsumquote auf.

Sie haben andere Konsumgewohnheiten und Serviceansprüche als jüngere Menschen.

Das Statistische Bundesamt hat überdurchschnittliche Konsumausgaben besonders in den Bereichen „Reisen“, „Gesundheit“ und „Wohnen“ festgestellt.

Hinzu kommt ein erheblicher Bedarf an haushaltsnahen und personenbezogenen Dienstleistungen.

Manche Ökonomen haben diesen wachsenden Sektor der Wirtschaft „silver economy“ getauft.

Es wird eine der wichtigsten wirtschaftspolitischen Aufgaben der nächsten Zeit sein, die Förderung auf diese neu entstehenden und wachsenden Nachfragebereiche auszurichten.

Am „Runden Tisch Tourismus“ werde ich daher das Thema auf die Tagesordnung setzen und gemeinsam mit den Berliner Tourismuswerbern und dem Gastgewerbe über die zielgerichtete Ansprache reisefreudiger Senioren beraten.

In puncto Gesundheit ist Berlin bereits heute hervorragend aufgestellt: Wir sind die Gesundheitsregion Nummer 1 in Deutschland, und wir wollen unsere Stellung gezielt ausbauen.

Dazu dient unser Masterplan für die Entwicklung der Gesundheitsregion, der nun vom Netzwerk für Gesundheitswirtschaft Berlin-Brandenburg systematisch umgesetzt wird.

Als Senat werden wir alle Bemühungen zur Stärkung dieses Sektors nachhaltig unterstützen, weil hier für die Stadt enorme wirtschaftliche Potenziale liegen.

Das gilt auch für den Markt der Pflege- und sozialen Dienstleistungen. Deshalb muss auf der strategischen Ebene der Masterplan um den Bereich „Pflege“ erweitert werden. Darauf komme ich noch zurück.

5. Berlin nimmt ältere Menschen in die Mitte der Gesellschaft

Bei allen technischen und finanziellen Möglichkeiten, die wir heute haben, bleibt eine große Frage: Wie schaffen wir es, ältere Menschen wieder in unsere Mitte zu holen?

Wie so häufig haben die Gebrüder Grimm dieses große und doch einfache Thema in ein wunderbares Märchen gekleidet – „Der alte Großvater und sein Enkel“:

„Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm nass. Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. ‚Was machst du da ?’ fragte der Vater. ‚Ich mache ein Tröglein’, antwortete das Kind, ‚daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.’ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten allsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.“ – So weit Grimms Märchen „Der alte Großvater und sein Enkel“.

Wie die meisten Märchen hat auch dieses eine höchst aktuelle Botschaft: Ein Mensch kann noch so pflegebedürftig sein, er gehört in unsere Mitte!

Und es ist ja auch glücklicherweise so, dass in Berlin knapp die Hälfte der Pflegebedürftigen zu Hause von Angehörigen gepflegt werden. In der Regel sind es die Frauen, die diese enorme Leistung für unsere Gesellschaft erbringen.

Pflegebedürftigkeit darf kein Grund für Ausgrenzung sein; sie ist sehr wohl aber ein Grund für mehr menschliche Zuwendung.

Mir macht die schon heute absehbare Entwicklung zu wachsender Altersarmut und steigender sozialer Vereinsamung große Sorgen.

Diese Krisentendenzen stehen noch zu sehr am Rande der Auseinandersetzung, und wir müssen heute gegensteuern: Themen wie die ganzheitliche Versorgung, eine gute Pflege und die soziale Teilhabe gehören in das Zentrum der Diskussion in Berlin und darüber hinaus.

Richtig: Die Gesellschaft wandelt sich, sie wird individueller, mit der Folge, dass immer mehr Menschen im Alter kein funktionierendes soziales Netz namens Familie mehr haben, das sie auffängt.

In Berlin sind knapp die Hälfe der Haushalte Singlehaushalte.

Eine Pflegelandschaft, die nur auf Angehörige und die Familie ausgerichtet ist, wird also in einer sich wandelnden Stadtgesellschaft nicht ausreichen.

Nun kann man sagen: Schicksal. Man kann aber auch sagen: Suchen wir nach Wegen und schaffen wir Bedingungen, um neue Netze zu stärken!

Mein zentrales Anliegen ist, dass ältere Menschen nicht ins Abseits geschoben werden. Im Mittelpunkt steht dabei das Wohnen.

Dies ist ein sehr sensibles Thema für Menschen im Alter.

Wie oft hört man von alten Menschen, dass sie nach dem – halb freiwilligen, halb erzwungenen – Auszug aus dem vertrauten Lebensumfeld wie entwurzelt wirken.

So lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen zu können, ist der Schlüssel zu einem würdevollen und selbstbestimmten Älterwerden.

Dies zu ermöglichen, muss daher im Zentrum jeder politischen Initiative stehen.

Es gibt keine Blaupause für die ideale Wohnform, aber Berlin hat sich zu einer Art Kreativwerkstatt für das Wohnen im Alter entwickelt. Jede Menge höchst unterschiedlicher guter Beispiele verdienen Nachahmung.

Was sind das für Modelle?

Ich denke an unsere Wohnungsbauunternehmen DeGeWo und „Stadt und Land“ mit ihrem Projekt „Sophia“: Soziale Personenbetreuung – Hilfen im Alltag“, bei dem Wohnen und Dienstleistungen kostengünstig gekoppelt werden, um so ein komfortables Leben zu Hause zu ermöglichen.

Ich denke an Einrichtungen, die sich interkulturell öffnen und damit vielen Berlinern mit Migrationshintergrund ein neues Zuhause bieten.

Schon heute sind mehr als 70.000 Berliner Migranten älter als 55, rund 28.000 schon älter als 65 Jahre. Bis 2020 wird sich die Zahl der über 65-Jährigen verdoppeln auf rund 60.000.

Ich denke an das Projekt „Autofrei Wohnen in Berlin“, auf deren Initiative in Kreuzberg ein Mehrgenerationenhaus entsteht, in dem junge Familien ebenso wie ältere Menschen unter einem Dach in zentraler Lage leben sollen.

Ich denke an die unterschiedlichsten Modelle betreuten Wohnens, auch an das Village-Haus, wo pflegebedürftige Lesben und Schwule leben und betreut werden sollen und ihre Lebenssituation in einem vertrauten Umfeld verbessert wird.

Viele der Initiativen und Anbieter haben sich in der „Berliner Initiative Wohnen im Alter“ zusammengeschlossen, die vom Senat koordiniert wird.

Die Immobilienwirtschaft ist ebenso vertreten wie Akteure aus dem Sozial- und Pflegebereich und aus der Berliner Wirtschaft.

Wir haben das Projekt gerade über 2007 hinaus verlängert und neue Partner mit einbezogen. Es bietet eine wachsende und offene Plattform für den Erfahrungsaustausch zum Thema Wohnen im Alter.

Eine der großen Fragen in den nächsten Jahren wird sein, wie es uns gelingt, den enormen Finanzbedarf zur altersgerechten Gebäudeumgestaltung zu decken.

Auch hier kann man eine große Kreativität erkennen. Ich werde im Senat in Kürze anregen, hierfür über die Investitionsbank Berlin einige Fördermodelle anzuschieben, um barrierearme Umbauten in vertrauter Umgebung finanzierbar zu machen.

Eine aktuelle Studie von Empirica sagt, dass bis 2020 rund 110.000 ältere Menschen über 50 größere Modernisierungen an ihren Wohnungen und Häusern vornehmen und jeweils über 10.000 Euro investieren werden. Das schafft Jobs im Handwerk und in der Baubranche.

Ich möchte dazu beitragen, dass Berlin seine Rolle als Referenzstadt für neue Wohnmodelle ausbaut.

Berlin ist die Hauptstadt der Pflegenetzwerke. Wir verfügen über ein hervorragendes Pflegeangebot und hoch engagierte und professionell arbeitende Pflegekräfte, die einen schweren Dienst tun. Dafür verdienen sie Dank und Anerkennung.

Mit dem Angebot in der Langzeitpflege von rund 30.000 Plätzen in 272 Berliner Alten- und Pflegeheimen deckt die Stadt schon heute den absehbaren Bedarf für das Jahr 2010.

Und wir arbeiten ständig an Qualitätsverbesserungen.

Dazu haben wir einen „Runden Tisch Pflegequalität” eingerichtet, der Ideen dafür entwickelt und zur Erhöhung der Transparenz des recht unübersichtlichen Pflegemarktes beiträgt.

Der nun neu konstituierte Landespflegeausschuss will zudem einen freiwilligen Qualitätsbericht vorlegen.

Wir werden niemals gänzlich auf die stationäre Pflege verzichten können. Das wäre unzumutbar.

Aber ich lasse mich von meiner ganz persönlichen Vorstellung leiten, dass wir irgendwann keine Altenheime mehr brauchen, weil die Linie „ambulant vor stationär“ verwirklicht ist, und wir alle Älteren in unsere Mitte genommen haben.

Wir brauchen dazu eine Stärkung des persönlichen Umfeldes und der sozialen Netze, die Pflegebedürftigen Halt geben.

Wir brauchen eine Stärkung von unterschiedlichen Formen des bürgerschaftlichen Engagements im Bereich der Pflege: Schon heute gibt es viele engagierte Hospizgruppen in Pflegeheimen, die eine menschenwürdige Sterbebegleitung ermöglichen.

Es gibt Menschen, die entlasten pflegende Angehörige. Andere unterstützen sich gegenseitig in altersgemischten oder anderen Wohngruppen.

All dies sind lobenswerte Formen des Engagements, die Zuwendung und menschliche Wärme für Pflegebedürftige bedeuten und letztlich auch die Budgets entlasten.

Diese vielfältigen flankierenden Angebote gewährleisten vor allem eines: Dass die Pflegebedürftigen so viel wie möglich am gesellschaftlichen Leben unserer Stadt teilhaben können.

Der Staat kann die persönliche menschliche Zuwendung nicht ersetzen, aber er kann die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass mehr Menschen ihre Hilfsbereitschaft auch einlösen können.

Ein wichtiges Signal ist die Initiative zum neuen Gemeinnützigkeitsrecht. Berlin unterstützt den Vorstoß des Bundesfinanzministers, Menschen, die ehrenamtlich andere Menschen pflegen, steuerlich zu entlasten.

In diesem Sinne stelle ich mir auch eine Reform der Pflegeversicherung vor.

Es geht um die Frage: Wie lassen sich die Rahmenbedingungen so gestalten, dass es uns gesamtgesellschaftlich gelingt, neue Ressourcen zur Betreuung pflegebedürftiger Menschen zu mobilisieren?

Der Senat wird im Zuge der Diskussion um die Pflegeversicherung gemeinsam mit anderen Ländern klare Positionen beziehen.

Es geht um die Verbesserung der Situation von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen, es geht um innovative und transparente Strukturen und es geht um eine solidarische Finanzierung des Pflegerisikos.

Erstens muss es bei der Reform gelingen, dass Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz und Demenz endlich bedarfsgerechte Leistungen der Pflegeversicherung bekommen, damit sie und ihre Angehörigen die ihnen gebührende Unterstützung in dieser enorm schweren Lebenslage erhalten.

Zweitens: Die gesetzlich verankerten Prinzipien „Rehabilitation vor Pflege“ und „Teilhabe auch bei Pflege“ müssen in allen Bereichen umgesetzt werden.

Wir wollen die Berliner Pflegelandschaft zu einer bedarfsgerechten Infrastruktur ambulanter und mobiler Rehabilitation weiterentwickeln.

Gerade aufgrund der Erfahrungen in Berlin plädiere ich dafür, dass Ältere, die in alternativen Wohnformen, zum Beispiel Wohngemeinschaften, leben, ihre Leistungsansprüche zusammenlegen und bedarfsgerecht ausgeben können.

Der größte Streitpunkt aber ist die Finanzierung dieser Leistungen. Denn wer kann sich heute noch Heimkosten von 2500 Euro und mehr leisten?

Die Pflegeversicherung muss solidarisch finanziert werden.

Unser Ziel ist, dass die private Pflegeversicherung einen finanziellen Beitrag leistet und damit die Pflegeversicherung langfristig auf eine solide Basis stellt.

Notwendig sind aber auch neue Ansätze: Wir müssen über Modelle nachdenken, wie die starren Pflegestufen 1-3 überwunden werden können und die Pflegebedürftigen das ihnen zustehende Geld individuell einsetzen können.

Pflegebudgets können eine Lösung sein, Effizienz und Konsumentensouveränität zu stärken.

6. Schlussfolgerungen für die Berliner Politik

Der demografische Wandel ist neben der Digitalisierung und der Globalisierung ein zusätzlicher Faktor, der den Strukturwandel in unserem Land und in ganz Europa antreibt.

Manche Städte glauben immer noch, es schade ihrem Image, wenn sie darüber redeten.

Das ist sehr kurzfristig gedacht. Denn wenn der demografische Wandel nicht zur Krise werden soll, müssen wir jetzt handeln.

Berlin geht den demografischen Wandel als junge Stadt an.

Wir verfügen über eine Menge wissenschaftlicher Expertise, über Know-how und praktische Erfahrungen.

Beste Chancen also, nach vorne zu schauen, die Kräfte zu bündeln und den Bevölkerungswandel für eine positive Stadtentwicklung zu nutzen.

Der Senat wird die Gestaltung des demografischen Wandels in den Mittelpunkt seiner Politik rücken.

Die Komplexität des Themas erfordert eine gründliche Vorarbeit.

Wir werden auf dieser Basis nächstes Jahr ein Gesamtkonzept zur Gestaltung des demografischen Wandels in Berlin vorlegen.

Als Querschnittsthema werden wir das Konzept ressortübergreifend anlegen.

Und wir werden unsere Erfahrungen einbringen in die Debatte über das europäische Herangehen an den demografischen Wandel.

Seien wir uns der Herausforderung bewusst, aber tun wir nicht so, als ob der Untergang des Abendlandes bevorstünde.

Denn immerhin ist das, was wir derzeit als „demografischen Wandel“ bezeichnen, auch die Erfüllung eines Menschheitstraumes: nämlich gefährliche Krankheiten besiegen und länger leben zu können.

Wir haben allen Grund, offen über den demografischen Wandel zu sprechen, und nicht verschämt oder zurückhaltend.

Es wäre doch wunderbar, wenn es gelänge, bei den vielen älteren Berlinerinnen und Berlinern ein Lebensgefühl zu fördern, das Keith Richards von den „Rolling Stones“ treffend beschrieben hat: „Zu altern ist eine faszinierende Angelegenheit, je älter man wird, desto älter will man werden.“

So ein Gefühl kann uns alle beflügeln, den demografischen Wandel zum Wohle der Stadt zu gestalten.

Denn nicht nur das Altern ist faszinierend, sondern auch der Gewinn, den Berlin erzielen kann, wenn es sich der Herausforderung stellt.

Ich bin sicher – Berlin wird gewinnen, wenn es uns gelingt, die riesige Bildungsreserve zu heben, die unter den jungen Migranten heranwächst.

Berlin wird gewinnen, wenn aktive Senioren ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung einbringen können: in einer flexibel verlängerten Berufstätigkeit und in einem erfüllten Ruhestand.

Berlin wird gewinnen, wenn wir Junge und Alte zusammenbringen und wenn wir die Potenziale aller Generationen für die Lösung der Zukunftsaufgaben nutzen.

Berlin wird gewinnen, wenn wir die Grundlage schaffen für eine menschliche Pflege und ein würdevolles Altern.

Der demografische Wandel ist eine Herausforderung an die Innovationsfähigkeit und an die Kraft der Solidarität in unserer Stadt.

Berlin wird bunt und grau.

Berlin wird gewinnen.

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