Coronavirus in Berlin

Zentrale Informationen der Berliner Verwaltung zum Coronavirus finden Sie unter:

berlin.de/corona

Wowereit-Rede auf der Trauerfeier für Heinz Berggruen

Pressemitteilung vom 02.03.2007

Sperrfrist: Heute, 13 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat am 2. März 2007 auf der Trauerfeier für den Berliner Ehrenbürger Heinz Berggruen laut Manuskript die folgende Rede gehalten.

Wowereit: „Die deutsche Hauptstadt trauert – und mit ihr unser ganzes Land. Der Ehrenbürger von Berlin, Heinz Berggruen, ist tot. Seit vergangenem Sonntag wissen wir, dass er am 23. Februar in Paris verstorben ist, und noch immer können wir diesen Verlust, und was er bedeutet, nicht begreifen. Der Hauptweg und die Nebenwege dieses großen Menschenfreundes und dieses ebenso großen Freundes der Kunst haben sich vollendet. Wir blicken voll Respekt und Dankbarkeit auf sein erfülltes Leben.

Jetzt, da wir von Heinz Berggruen Abschied nehmen müssen, teilen wir den Schmerz seiner Familie. Ihnen, liebe Frau Berggruen, seiner Tochter und seinen Söhnen und allen Angehörigen gilt unsere tiefe Anteilnahme. Sie dürfen versichert sein, dass wir alle hier und viele Menschen in Berlin, in Deutschland und in der Welt fest an Ihrer Seite stehen.

Endgültig ist Heinz Berggruen in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Er wird begraben in dieser, seiner Stadt, in der er 1914 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie geboren wurde. In der Stadt, aus der er 1936 vertrieben wurde und in die er sechs Jahrzehnte später zurückkehren sollte. In der Stadt, die ihn zu ihrem Ehrenbürger machte.

Immer wieder hat Heinz Berggruen betont, dass er in Berlin glückliche Kindheits- und Jugendjahre verlebt hat. Hier besuchte er das Goethe-Gymnasium in Wilmersdorf und studierte Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte an der heutigen Humboldt-Universität. Der Grundstein für seinen Berufswunsch, Journalist zu werden, wurde in Berlin gelegt und Feuilletons aus der Hauptstadt für die ‚Frankfurter Zeitung’ gehören zu seinen ersten Werken. Das Schreiben hat ihn ein Leben lang nicht losgelassen. Noch im Jahr 2004 las er im Berliner Rathaus aus dem Band ‚Kleine Abschiede’. Es war ein Abend, der von seiner Liebe zu dieser Stadt und ihren Menschen kündete.

In ‚Abschied von einer Stadt’, einem Text, den er 1937 geschrieben hat, schildert er verfremdet seinen Abschied von Berlin und lässt den Reisenden sagen: ‚Es ist ja hoffentlich keine Trennung für die Ewigkeit.’ Dieser Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Als Mitglied der amerikanischen Armee kehrte er im Zweiten Weltkrieg nach Europa und Deutschland zurück und wurde kurzzeitig Mitherausgeber der Kunstzeitschrift ‚Heute’, in der er mit Erich Kästner zusammenarbeitete. Jenem Autor, den er schon in seiner Jugend gelesen hat. Aus jener Zeit sind uns Glossen und Miniaturen erhalten, die damals entstanden, um zur ‚Umerziehung’ der Deutschen beizutragen. Unter dem Titel ‚Angekreidet’ wurden sie 1947 als Buch veröffentlicht und erlebten 1998 als ‚Abendstunden in Demokratie’ eine Renaissance.

1946 wechselte er nach Paris, arbeitete für die Unesco, gründete eine eigene Galerie. Mit dieser schlug er eine neue Seite in seinem Leben auf. Heinz Berggruen wurde zum profunden Kenner der klassischen Moderne. Er wurde Kunsthändler, Mäzen und Sammler. Er war befreundet mit Pablo Picasso und Henry Matisse, kannte Paul Eluard und Joan Miró, er begegnete Max Ernst, Hans Arp und André Breton. Er wurde zum renommiertesten Händler ihrer Werke und wie er später einmal selbst sagte, zugleich zu seinem besten Kunden. Heinz Berggruen hat im Laufe der Jahrzehnte eine der bedeutendsten Sammlungen der Kunst der Moderne zusammengetragen. Mit dieser kam er 1996 nach Berlin und im Stülerbau fand die ‚Wohngemeinschaft Berggruen und seine Bilder’ ein bleibendes Domizil.

Es war eine außerordentliche Geste der Versöhnung, ein Zeichen großer Noblesse und Ausdruck seiner engen Verbundenheit mit unserer Stadt, dass er nach sechs Jahrzehnten hierher zurückkehrte. Mit dem ‚Vertriebenen’ kehrte zugleich auch einst vertriebene Kunst nach Berlin zurück. Seither hat sich Heinz Berggruen immer wieder auch öffentlich mit dieser Stadt identifiziert. ‚Berlin muss leuchten’, hat er gesagt, und er hat vor allem unermesslich viel dafür getan. Nicht nur mit dem Museum Berggruen und der Ausstellung ‚Picasso und seine Zeit’.

Er gehörte zu jenen, die seinen Freund Helmut Newton überzeugten, sein Werk gleichfalls dauerhaft in Berlin zu präsentieren. Er mischte sich mit Kompetenz, Sachkunde und Weitsicht in die Kulturpolitik unserer Stadt ein, warb seinerzeit vehement für die umstrittene Flick-Ausstellung und forderte immer wieder: ‚… tolerant und aufgeschlossen in die Zukunft zu schauen.’ Jetzt müssen wir ohne ihn in die Zukunft schauen, aber wir versprechen, dies aufgeschlossen und tolerant zu tun. Seine Großzügigkeit, seine Liebe zur Kunst, seine Menschlichkeit werden uns Verpflichtung sein.

Vielen Menschen wird Heinz Berggruen in steter Erinnerung bleiben. Jenen, die seine Bilder besuchen und sich vielleicht daran erinnern, wie er im Stülerbau zu ihnen trat, um ein Bild zu erläutern. Jenen, die er mit seinen Schriften erreichte. Jenen, die seinen steten Einsatz für die Kunst hoch schätzten. Auch ich erinnere mich vieler anregender, lehrreicher, kurzweiliger Begegnungen mit ihm und weiß es zu schätzen, dass er mir in vielen unserer Gespräche ein weiser Ratgeber war.

Vor wenigen Wochen ist Heinz Berggruen 93 Jahre alt geworden. Das Außergewöhnliche an diesem Geburtstag war nicht nur das hohe Alter, es war auch die Art, wie er ihn beging. Verkehrte Welt, könnte man meinen, der Jubilar machte ein Geschenk. Er schenkte dem Museum Berggruen ‚Die Große Stehende Frau III’ von Alberto Giacometti. Mit dieser Geste blieb er sich treu. Bis zu seinem Tod – wie wir heute wissen.

Berlin verneigt sich in Verehrung und Dankbarkeit vor einem großen Sohn. Lieber Heinz Berggruen, Sie haben uns die Hand zur Versöhnung gereicht, wir haben sie dankbar ergriffen.“

- – - -

Rückfragen:
Chef vom Dienst
Telefon: 9026-2411
E-Mail: presse-information@skzl.verwalt-berlin.de