Coronavirus in Berlin

Zentrale Informationen der Berliner Verwaltung zum Coronavirus finden Sie unter:

berlin.de/corona

Wowereit-Rede aus Anlass des Besuchs des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert an der Gedenkstätte Gleis 17

Pressemitteilung vom 12.12.2006

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat am 12. Dezember 2006 aus Anlass der Kranzniederlegung mit dem Ministerpräsidenten des Staates Israel, Ehud Olmert, an der Gedenkstätte Gleis 17 am Bahnhof Grunewald eine Rede gehalten. Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin veröffentlicht den Wortlaut auf der Grundlage des Manuskripts.

Wowereit sagte u.a. „Heute ist Berlin eine weltoffene und tolerante Stadt in der Mitte Europas. Hier, an Gleis 17 des Bahnhofs Grunewald erinnern wir uns daran, dass dies nicht immer so war, dass in der Reichshauptstadt Berlin die Weichen für die Verbrechen des Nationalsozialismus gestellt wurden. Das Ende der Nazi-Herrschaft ist über 61 Jahre her. Unsere Verantwortung dafür, dass es nie wieder zu einer solchen Barbarei kommt – diese Verantwortung bleibt.

Hier, am Bahnhof Grunewald, wurden zwischen dem 18. Oktober 1941 und dem 27. März 1945 mehr als 50.000 Berliner Juden zuerst in die Ghettos, später dann direkt in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Was hier geschah, nannten die Nazis ‚Umsiedlung’. In Wahrheit war es Mord, Massenmord – systematisch geplant und planmäßig vollstreckt.

Was hier am Bahnhof Grunewald vor gut 60 Jahren geschah, erfüllt uns noch heute mit großer Scham, aber auch mit großer Trauer. Es waren Berliner Bürgerinnen und Bürger, die erst diskriminiert und ihrer menschlichen Würde beraubt, dann verfolgt und schließlich ermordet wurden – darunter viele Berliner Juden, die einmal hohes Ansehen genossen hatten, sich für Kunst, Kultur und Wissenschaft engagierten und große Förderer der Berliner Museen und Hochschulen waren. Sie alle wurden aus der Mitte der Gesellschaft gerissen, weil sie Juden waren. Nichts anderes zählte. Nicht, was sie in die Gesellschaft eingebracht hatten. Vor allem aber nicht: dass sie Menschen waren.

Wir haben im Laufe der Jahrzehnte gelernt, diesem Teil unserer Geschichte offen ins Auge zu sehen. Wir sind uns nicht nur des immensen Verlustes bewusst, den jeder einzelne Mensch bedeutet, der deportiert und ermordet wurde. Wir wissen auch um die konkrete Verantwortung, die uns Deutschen aus dieser Geschichte erwächst.

Es ist unsere Verantwortung, allen Formen von Diskriminierung, von Rechtsextremismus und Antisemitismus mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten, um eine demokratische und tolerante Gesellschaft zu gestalten, in der die Menschenrechte geachtet, Minderheiten respektiert und Vielfalt als Bereicherung geschätzt wird. Und es ist unsere Verantwortung gegenüber dem Staate Israel, dafür einzutreten, dass Israel in international anerkannten Grenzen und frei von Angst und Terror leben kann, wie es der Bundespräsident am 2. Februar 2005 vor der Knesset formulierte. Dies ist, so Horst Köhler, unumstößliche Maxime deutscher Politik. Und: „Die Verantwortung für die Shoa ist Teil der deutschen Identität.“

In Berlin ist das Bewusstsein für unsere historische Verantwortung besonders lebendig. Dieses Mahnmal gäbe es nicht ohne den Einsatz engagierter Berlinerinnen und Berliner. Und es gibt eine Vielzahl von privaten Initiativen, die sich in der ganzen Stadt für das Gedenken an den Völkermord und seine Opfer engagieren. Der Senat unterstützt diese Initiativen. Auf diese Weise sind im Laufe der Jahrzehnte eine Reihe eindrucksvoller Gedenkstätten wie das Haus der Wannseekonferenz, die Topografie des Terrors und das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas entstanden, die zum stillen Gedenken einladen und uns zugleich Gelegenheit geben, sich über die Verbrechen der Jahre 1933 bis 1945 zu informieren.

Gedenken bedeutet nicht nur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Gedenken gibt uns auch Kraft, um neue Wege zu gehen und eine bessere Zukunft zu gestalten. Wir wollen eine Zukunft in Frieden und Freiheit gemeinsam mit unseren Nachbarn und mit dem israelischen Volk. Und wir wollen eine Zukunft, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens friedlich in unserer Stadt zusammenleben. Dass Juden heute wieder sicher in Berlin leben und diese Stadt für viele zu ihrer Heimat geworden ist, empfinden wir als großes Glück und als eine Verpflichtung zugleich.

Exzellenz, meine Damen und Herren, auch gut 60 Jahre nach der Befreiung vom nationalsozialistischen Unrechtsregime lässt uns der massenhafte und organisierte Mord an den Juden, dieses unfassbare Menschheitsverbrechen nicht ruhen. Wir gedenken gemeinsam der Menschen, die von hier aus in die Todeslager deportiert wurden. Wir gedenken all der Frauen, Männer und Kinder, für die es kein Zurück mehr gab. Wir denken an die Millionen Juden, an die Sinti und Roma, an die Homosexuellen und an die vielen anderen Menschen, die ihr Leben in den Vernichtungslagern ließen.

Unser gemeinsamer, fester Vorsatz ist, eine solche Barbarei nie wieder zuzulassen.

Exzellenz, ich freue mich, dass Sie nach Berlin gekommen sind und mit uns gemeinsam an diesem Ort der Shoah gedenken.“

- – -

Rückfragen:
Chef vom Dienst
Telefon: 9026-2411
E-Mail: Presse-Information@SKZL.Verwalt-Berlin.de