Coronavirus in Berlin

Zentrale Informationen der Berliner Verwaltung zum Coronavirus finden Sie unter:

berlin.de/corona

Justizsenatorin Karin Schubert: "Multikulturelle Kompetenz gehört zu einem modernen Vollzug"

Pressemitteilung vom 03.03.2006

Die Senatsverwaltung für Justiz teilt mit:

Es gilt das gesprochene Wort!

Grußwort der Senatorin für Justiz Karin Schubert zum 10jährigen Bestehen des Projekts „Muttersprachliche Betreuung ausländischer Frauen im Justizvollzug“ im Interkulturellen Frauenzentrum S.U.S.I.

„Die gleichberechtigte Teilhabe von ausländischen Inhaftierten an den vollzugspädagogischen und die Resozialisierung fördernden Angeboten in den Berliner Justizvollzugsanstalten ist mir persönlich ein wichtiges Anliegen. Deshalb freue ich mich besonders, heute anlässlich des 10jährigen Bestehens des Projekts ‚Muttersprachliche Betreuung ausländischer Frauen in Haft’ zu Ihnen zu sprechen.

In den Haftanstalten leben Gefangene aus den verschiedensten Kulturkreisen mit individuellen Problemen und häufig eingeschränkten sozialen Kompetenzen unter einem Dach. Im Zusammenwirken mit zahlreichen externen Institutionen und Organisationen ist der Justizvollzug bestrebt, ein angemessenes ‚Behandlungsklima’ zu schaffen. Das Ziel all dieser Anstrengungen ist, Gefangene zu unterstützen und sie auf ein sozialverantwortliches Leben ohne weitere Straftaten vorzubereiten.

Ausländische Inhaftierte haben häufig besondere Schwierigkeiten, die in der konkreten Arbeit vor Ort erkannt und angemessen berücksichtigt werden müssen.

An den vier Standorten der JVA für Frauen Berlin sind, bei einer Durchschnittsbelegung von 215 Inhaftierten, ca. 32 % der Inhaftierten nicht deutscher Herkunft. Diese Frauen kamen in der Vergangenheit aus bis zu 17 unterschiedlichen Ländern. Die Deliktstruktur ist, bis auf den Straftatbestand des Verstoßes gegen das Ausländergesetz, nahezu identisch mit der Deliktstruktur deutscher Inhaftierter. Lediglich bei der unerlaubten Einfuhr von Betäubungsmitteln gibt es einen nachvollziehbar höheren Anteil ausländischer Frauen.

Um Inhaftierte, gleich welcher Nationalität, auf ein Leben nach der Haft vorzubereiten, bedarf es einer umfassenden Analyse von individuellen und geschlechtsspezifischen Problemlagen, die gerade bei weiblichen Inhaftierten häufig Ausgangspunkt und Ursache des kriminellen Handelns sind. Hierfür ist einerseits ein sprachlicher Zugang zu den Inhaftierten unabdingbar. Andererseits werden – vor allem mit Blick auf die große Anzahl von Inhaftierten, die nach der Haftverbüßung in ihr Heimatland zurückkehren – Kenntnisse über die dortigen Lebensbedingungen als Anknüpfungspunkt für eine zielgerichtete Vollzugsplanung benötigt.

Dieser ganzheitliche Ansatz, der in der JVA für Frauen integraler Bestandteil der Behandlungskonzeption ist, ließe sich allein durch den punktuellen Einsatz von Sprachmittlerinnen nicht verwirklichen. Es ist der Anstalt gelungen, die nicht deutschsprachigen Inhaftierten auf einem ähnlich hohen Standard zu betreuen wie die deutschsprachigen Inhaftierten.

In der Regel sehen sich Menschen, die außerhalb ihres Heimatlandes leben, einer Vielzahl von spezifischen Problemen ausgesetzt, auf die sie häufig nicht umfassend vorbereitet sind. Sie müssen sprachliche, ethnische, kulturelle, soziale und viele andere Schwierigkeiten bewältigen. Dies trifft um so mehr zu, wenn sie sich in der Fremde in Haft befinden.

Bei meinen Besuchen in den Haftanstalten ist es mir auch ein Anliegen, mit den Gefangenen zu sprechen. Aus diesen Gesprächen weiß ich, dass sich ausländische Inhaftierte oft unverstanden, einsam, benachteiligt und in besonderer Weise bestraft fühlen. Ihre emotionale Verfassung ist zudem durch die meist nur beschränkt möglichen Kontakte zu den Familien im Heimatland und die Sorge um deren Wohlergehen belastet.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Justizvollzugs versuchen diese Schwierigkeiten ausländischer Gefangener durch differenzierte, auf ethnisch-kulturelle Besonderheiten und spezielle Integrationsbelange hin ausgerichtete Maßnahmen zu minimieren. Um dies leisten zu können, haben wir seit Jahren mit einer Vielzahl von Fortbildungsangeboten, Projekten und Aktionen die multikulturelle Kompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Justizvollzug gestärkt. Dies gehört zu einem modernen, einem zeitgemäßen Vollzug.

Aber der Vollzug kann nicht alles leisten und ist auf das Zusammenwirken mit engagierten, außerhalb der Mauern angesiedelten Institutionen, Vereinen und Freien Trägern angewiesen.

So ist vor über 10 Jahren die Kooperation zwischen dem Interkulturellen Frauenzentrum S.U.S.I. und der JVA für Frauen Berlin entstanden, die in vielerlei Hinsicht vorbildhaft ist.

Nach den Schilderungen der Anstalt haben die Mitarbeiterinnen des Projekts vor allem in den ersten Jahren ihrer Tätigkeit mit einer Vielzahl von Angeboten und Hilfestellungen dazu beigetragen, die Beurteilungsgrundlage für Entscheidungen zur individuellen Vollzugsplanung der ausländischen Gefangenen zu erweitern.

Im Rahmen der Einzelfallhilfe haben die Mitarbeiterinnen des Interkulturellen Frauenzentrums unzählige Frauen auf dem Weg durch und nach der Haft begleitet. Sie haben in Konfliktsituationen vermittelt und bei akuten Krisen menschliche und auch fachliche Hilfestellung geboten. Sie waren eine zuverlässige Kontaktbrücke zu den Familien im Heimatland und haben punktuell berufliche Qualifizierungsmaßnahmen angeboten.

Eine besondere Bedeutung hatten für die Inhaftierten auch die von Ihnen organisierten und finanzierten kulturellen Veranstaltungen. Hier konnten Inhaftierte ihre eigene, aber auch fremde Kulturen mit erfahren und zumindest bildlich gesprochen, den ansonsten eher tristen Anstaltsmauern ‚entfliehen’. Die positiven Auswirkungen derartiger Veranstaltungen auf die Anstaltsatmosphäre haben lange angehalten und sind auch den Vollzugsbediensteten bis heute in gleichermaßen bunter wie guter Erinnerung.

Leider, und da ist Ihr Projekt nicht das einzige Beispiel, hat die Kürzung von Fördermitteln, trotz ungebrochenen Engagements, zwangsläufig Auswirkungen auf die Angebotspalette. So mussten auch bei Ihnen nach und nach Spezialleistungen eingestellt werden, damit zumindest eine Grundversorgung der Inhaftierten sichergestellt blieb. Trotzdem wird Ihre Arbeit und Ihr Engagement für die Inhaftierten der Justizvollzugsanstalt für Frauen von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dieser Anstalt sehr geschätzt.

Dem kann ich mich nur anschließen und Sie ermuntern nicht aufzugeben. Mit viel Phantasie und Hartnäckigkeit sollten Sie immer wieder neue Finanzquellen erschließen und Unterstützung für die ‚Muttersprachliche Betreuung ausländischer Frauen in Haft’ zu gewinnen. Die vielen positiven Vollzugsverläufe, an denen Sie mitgewirkt haben, und der Dank zahlreicher Inhaftierter sollten Sie ermutigen.“

Rückfragen:
Dr. Juliane Baer-Henney
Telefon: 030/9013-3633
E-Mail: pressestelle@senjust.verwalt-berlin.de