Rede von Innensenator Dr. Ehrhart Körting bei einer Feierstunde im KZ-Außenlager Lichterfelde

Pressemitteilung vom 08.05.2006

Die Senatsverwaltung für Inneres teilt mit:

Innensenator Dr. Ehrhart Körting hat heute anlässlich der Feierstunde für die Toten des Sachsenhausener KZ-Außenlagers Lichterfelde nachfolgende Rede gehalten:

„Ich danke der Initiative „KZ-Außenlager Lichterfelde“ für die Einladung zur heutigen Feierstunde und die damit verbundene Gelegenheit, einige Worte an Sie richten zu dürfen.

61 Jahre nach der Befreiung von der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus sind wir hier in Berlin-Lichterfelde zum gemeinsamen Gedenken zusammengekommen. Das Außenlager Lichterfelde des Konzentrationslagers Sachsenhausen war eines von vielen Elementen in der gigantischen Maschinerie eines menschenverachtenden Terrorregimes. Das Lager diente der Bereitstellung von KZ-Häftlingen für Bauvorhaben der SS im Raum Berlin und der Unterstützung so genannter „kriegswichtiger Betriebe“. Es ging also um Zwangsarbeit, um Misshandlungen und Demütigungen, um Essenentzug und Prügelstrafe. Häftlinge wurden hier ermordet, zur Abschreckung möglicher Fluchtgedanken.

Wir wollen heute die Opfer ehren, die hier gelebt und gelitten haben. Gedenktage wie der heutige sollen dem Nachdenken und der Orientierung für die Zukunft dienen. Gedenken – das heißt für mich aber auch, den Brückenschlag in unsere Zeit zu vollziehen.

Die Ereignisse sind Vergangenheit, eben Geschichte, vieles scheint manchmal unvorstellbar. Im gemeinsamen Erinnern jedoch erhält die Unvorstellbarkeit Substanz und weist uns den Weg des Handelns.

Um Geschichte lebendig zu erhalten und aus ihr lernen zu können, müssen wir die Möglichkeiten ergreifen, die sich jedem von uns in seinem Alltag bieten. Die Botschaft, die die Nachgeborenen nach dem Besuch einer Gedenkstätte mitnehmen, ist dabei längst nicht mehr nur auf die Angst gerichtet, in Deutschland könnten sich diese Verbrechen wiederholen.

Die Ermunterung zu Zivilcourage und Solidarität und die Mahnung zur Wachsamkeit, schon bei ersten Anzeichen von Willkür nicht wegzuschauen, richten sich heute an alle Bürgerinnen und Bürger.

Der Verantwortung der Erinnerung, die aus unserer Geschichte erwächst, werden wir uns auch in Zukunft stellen.

Die unsäglichen Aufmärsche und Treffen von Rechtsextremen und deren provokantes Auftreten beschämen uns, auch wenn sie gesetzeskonform sein mögen und sogar den Schutz unserer Verfassung genießen. Wichtig in der strategischen Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus ist zuerst einmal der gesellschaftliche Konsens der Demokraten. Konsequentes Durchgreifen von Polizei und Justiz gegen verfassungsfeindliche Straftaten sind notwendig – ein Allheilmittel ist es nicht.

Rechtsextremistisches Denken kann man nicht verbieten, eine demokratische Kultur nicht verordnen. Deshalb muss es auch eine intensive Aufklärung der Menschen geben, vor allem der jungen Menschen. Die rechte Szene versucht, auf Kinder und Jugendliche Einfluss zu nehmen. Damit wird sie aber scheitern, wenn junge Menschen in der Lage sind, die Propaganda dieser Leute zu entlarven.
Dazu müssen die Jugendlichen beispielsweise die Entstehung der NS-Willkürherrschaft, die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Strategien der heutigen rechtsextremistischen Szene kennen.

Wir wollen junge Menschen so informieren, dass sie plakative Aussagen bewerten und diese im Verhältnis zu unseren Grundwerten in Beziehung setzen können.
Die Sicherheitsbehörden können weder rechtsextremistische Einstellungen verändern noch die Ursachen rechtsextremistisch motivierter Handlungen beseitigen, aber die demokratischen Institutionen müssen wachsam und wehrhaft sein. Ziel unserer Behörden ist es, rechtsextremistische, fremdenfeindliche und antisemitische Straftaten konsequent zu beobachten und zu verfolgen.

Im Erinnern wenden wir uns heute den Opfern zu und vergegenwärtigen uns deren Leid. Es ist nicht gleichgültig, ob eine Gesellschaft zu dieser Sensibilität fähig ist. Denn Sensibilität für das Schicksal anderer ist die Voraussetzung für Humanität.

Unsere Demokratie beweist, dass aus der lebendigen Erinnerung an den Schrecken eine Tradition des friedlichen und humanen Denkens und Handelns erwachsen kann.

Sie, die Mitglieder der Initiative „KZ-Außenlager Lichterfelde“, tragen durch Ihre vielfältigen Aktivitäten ganz wesentlich dazu bei. Sie knüpfen das Band zwischen den Erinnerungen und Mahnungen der Zeitzeugen und dem Verlangen einer in weiten Teilen sehr wohl aufgeschlossenen Jugend nach Wissen und Erkenntnis.

Für Ihre wichtige und wertvolle Arbeit danke ich Ihnen ganz persönlich und wünsche Ihnen alles Gute auf Ihrem Weg.“

Rückfragen:
Dr. Henrike Morgenstern
Telefon: (030) 9027-2730
E-Mail: pressestelle@seninn.verwalt-berlin.de