Wowereit-Rede zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Berlin

Pressemitteilung vom 02.05.2005

Sperrfrist 17.30 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hält heute auf der Gedenkveranstaltung des Berliner Senats zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Berlin im Berliner Rathaus die folgende Rede. Das Presse- und Informationsamt veröffentlicht den Wortlaut auf Grundlage des Manuskripts.

Wowereit: “Heute vor 60 Jahren, am 2. Mai 1945, endete in Berlin der 2. Weltkrieg. In den frühen Morgenstunden unterzeichnete der Kampfkommandant von Berlin, General Helmuth Weidling, im Haus am Schulenburgring 2 in Tempelhof die Kapitulation seiner Truppen. Damit war die Schlacht um Berlin beendet, die am 16. April mit dem Sturm auf die Seelower Höhen begonnen hatte. Die Zahl der getöteten, verwundeten oder vermissten sowjetische Soldaten geht in die Hunderttausende. Wie viele deutsche Soldaten getötet wurden, ist nicht bekannt, aber es waren einige Hunderttausend, die in Gefangenschaft gerieten. Und es waren Tausende Berlinerinnen und Berliner, die bei der Schlacht um Berlin ihr Leben verloren. Die Stadt war eine Trümmerwüste.

Der aus der Emigration zurückgekehrte Schriftsteller Arnold Zweig schrieb 1948 in seinem Essay ‘Fahrt durch die Ruinenstadt’: ‘Wer offenen Auges und Herzens durch die Ruinenstadt des inneren Berlin fährt, kann sich einer Erkenntnis nicht entziehen: dies sind die Rückschläge des totalen Krieges. Von hier aus wurde er losgelassen, hunderttausend Kehlen brüllten im Sportpalast ihr Ja zu ihm – und hunderttausend Häuser liegen deshalb hier in Trümmern.’ Was Arnold Zweig drei Jahre nach Kriegsende notierte, ist heute so richtig wie damals. Leid und Zerstörung in Berlin waren eine unmittelbare Folge des von Nazi-Deutschlands entfesselten Krieges. In deutschem Namen fand Unfassbares statt. Und die Folgen davon kamen als Leid, Tod und Zerstörung auf die Deutschen und auch auf Berlin zurück.

Noch war die Lage in Berlin sehr unsicher – auch und gerade an diesem 2. Mai. Während das Ende der Kampfhandlungen über Rundfunk und Lautsprecher-Wagen verbreitet wurde, befahl das Oberkommando der Wehrmacht: Die verbliebenen deutschen Soldaten hätten sich wie Hitler zu opfern, um ‘Volk und Europa vor der Vernichtung durch den Bolschewismus zu erretten’. Und noch immer flammte hier und da der nationalsozialistische Terror auf. Es sollten noch fünf Tage vergehen, bis sich die deutschen Generäle zur bedingungslosen Kapitulation aller deutschen Streitkräfte durchringen konnten und die Waffen in ganz Deutschland schwiegen. Der Krieg in Berlin war am 2. Mai zu Ende, die Waffen schwiegen, die Nazi-Führung war tot oder auf der Flucht. Das Regime hatte keine Macht mehr. Die bedingungslose Kapitulation war die logische Folge.

Mit diesem 2. Mai 1945 endeten Krieg, Verfolgung und Unterdrückung in Berlin. Die Menschen mussten keine Angst mehr haben vor Bomben und Granat-Feuer. Und sie mussten auch keine Angst mehr haben vor marodierenden SS-Truppen, die zuletzt sogar Kinder ermordet hatten, die keinen sinnlosen Krieg mehr führen, sondern einfach überleben wollten. Ein Tag der Befreiung war der 2. Mai auch für Berliner Juden, die der Deportation in die Vernichtungslager entgehen konnten, weil sie untergetaucht waren oder ihnen der nicht-jüdische Ehepartner Schutz bot. Sie hatten in ständiger Angst vor Denunziation, Verhaftung und Deportation leben müssen. Und auch die Luftangriffe der kommenden Befreier hatten sie mehr fürchten müssen als die Deutschen. Juden blieb der Zugang zu Luftschutzkellern verwehrt. Sie waren den Bomben und Granaten schutzlos ausgeliefert.

Für die im Untergrund lebenden Juden war der 2. Mai das Ende der Verfolgung. Und damit einer Leidenszeit, die ihresgleichen sucht. Von den etwa 160.000 Juden, die vor 1933 in Berlin lebten, hatten nur rund 6000 den Holocaust in Berlin überlebt. Nur 6000, eine Zahl, die die Dimension dieses Völkermords zeigt, aber auch den unwiederbringlichen Verlust, den Berlin durch den Mord an seinen jüdischen Mitbürgern bis heute zu tragen hat. Endgültig befreit waren auch die vielen Zwangsarbeiter, die in Berliner Rüstungsbetrieben unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften mussten. Das waren im Laufe des 2. Weltkriegs mehr als 400.000 Menschen aus über 20 Nationen.

Wir haben heute Zeitzeugen dieser Tage eingeladen, die das Ende des Krieges oder Teile des Krieges in Berlin erlebten. Sie haben Erinnerungen unterschiedlicher Art gemacht und stehen so für viele Facetten des Kriegsendes. Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Ich bin mir sicher, dass Sie – auch wenn manche damals nicht so denken konnten – von heute aus diese Tage als Befreiung ansehen. Richard von Weizsäcker hat diesen Konsens vor zwanzig Jahren in seiner berühmten Rede für alle Deutsche formuliert. Dieser Konsens gilt. Und er wird, wenn nötig, verteidigt werden müssen.

Am 2. Mai war die Befreiung Berlins noch eine Befreiung unter Vorbehalt. Erst am 8. Mai gab sich das Hitler-Regime endgültig geschlagen. In Berlin stand der tägliche Existenzkampf auf der Tagesordnung. Wie sollte die Stadt versorgt werden? Hier hat – und das darf hier nicht verschwiegen werden – der Kommandant der sowjetischen Besatzungsmacht, Bersarin, seine Verdienste. Noch bevor Berlin endgültig besiegt war, hatte er Anweisungen für die Versorgung der Bevölkerung und die Herstellung geordneter Verhältnisse gegeben.

Es gehört zur historischen Wahrheit, dass wir an diesem Tag auch der Verdienste der Roten Armee gedenken. Die Sowjetunion hatte im Kampf gegen Hitler den größten Blutzoll zu entrichten. Ihren Soldaten drohte ein grausames Schicksal, wenn sie in deutsche Hände fielen. Auf Gnade und Menschlichkeit hofften sie vergebens. Bei ihrem Vormarsch auf Berlin sahen sie, was die Deutschen angerichtet hatten. Verbrannte Dörfer und Städte, bestialisch ermordete Männer, Frauen und Kinder.

Das ist eine Erklärung für die Übergriffe auf die deutsche Zivilbevölkerung – Frauen wurden geschändet, Familien um ihre letzte Habe gebracht. Eine Rechtfertigung ist das nicht. Für Verbrechen gibt es keine Rechtfertigung, egal wer sie begeht. Krieg ist immer ungerecht und unmenschlich, und Opfer sind auf jeder Seite Opfer. Man muss um alle Opfer wissen, aber man kann sie nicht gegeneinander aufrechnen.

Aber wenn wir an die Opfer der deutschen Zivilbevölkerung erinnern, dann müssen wir daran erinnern, dass es die Deutschen waren, die der Welt den Krieg erklärten, um sie nach ihren rassistischen, menschenverachtenden Vorstellungen neu zu ordnen.

Wir können uns glücklich schätzen, dass die Alliierten der Nazi-Barbarei entschlossen die Stirn geboten haben. Der Sieg über Hitler-Deutschland war ein Sieg der Freiheit und der Menschlichkeit. Unser Land erhielt die Chance zu einem Neuanfang. Für die Bundesrepublik und West-Berlin war es ein Neuanfang in Frieden und Freiheit. Das war ein Geschenk für Deutschland und für Berlin. Und wir haben alles getan, um diese Chance zu nutzen. Für die Bundesrepublik begann eine lange Zeit der Prosperität, des Friedens und des Wohlstands. Wir sind den Amerikanern, Briten und Franzosen dankbar, dass sie uns diesen Neuanfang ermöglichten. Nicht Rache, sondern Recht, nicht Unterwerfung, sondern neue Freiheit wurde dem Westen des Landes gewährt.

Im Osten und in Berlin waren die Verhältnisse schwieriger. Schnell standen die Zeichen auf Kalter Krieg. Unser Land wurde geteilt und Berlin auch. Der Eiserne Vorhang verlief mitten durch unsere Stadt. Für die Menschen in Mittel- und Osteuropa, die schon unter der Nazi-Herrschaft gelitten hatten, war das der Beginn einer neuen Tragödie.

Die Freiheit West-Berlins wurde von den Westmächten garantiert. Ihr absoluter Willen, keinen Millimeter Freiheit preiszugeben, war ein Garant dafür, dass Frieden und Freiheit am Ende in ganz Europa triumphierten.

Für die Menschen in Polen und Ungarn, der Tschechoslowakei und der DDR erfüllte sich das Vermächtnis des 8. Mai 1945 erst mehr als 40 Jahre später. Die Befreiung Europas von der Nazi-Herrschaft hatte die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit in ganz Europa geweckt. Und diese Sehnsucht war am Ende stärker als die Macht der Diktatoren. Deswegen gehört auch der 9. November 1989 zum Gedenken an den 8. Mai. Erst da hatte die Freiheit in ganz Europa gesiegt, erst da war der Krieg vollständig überwunden.

Deshalb ist es so wichtig, dass wir das Gedenken an den 8. Mai, den Tag der Kapitulation und der Befreiung, lebendig halten. Nur wenn wir uns zu unserer Geschichte bekennen, wenn wir offen und schonungslos an die in deutschem Namen begangenen Verbrechen erinnern, können wir in Frieden und Freiheit mit uns selbst und mit unseren Nachbarn leben. Deshalb müssen wir wachsam sein, wenn die Nazi-Barbarei, verharmlost, relativiert und schöngefärbt wird. Wir müssen wehrhaft sein, wenn braune Horden auf die Straße gehen, wenn Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit um sich greifen. Dies ist uns eine besondere Verpflichtung, gerade in dem Jahr, da sich das Ende des 2. Weltkrieges zum 60. Mal jährt.

Deshalb begehen wir am 7. und 8. Mai vor dem Brandenburger Tor den ‘Tag für die Demokratie’. Dazu aufgerufen hat ein breites, bundesweites Bündnis aus Parteien, Kirchen und Organisationen. Alle Demokratinnen und Demokraten erinnern an diesem Tag an das Leid der Kriegsjahre und an die Opfer der Gewaltherrschaft. Und zugleich wollen wir bewusst machen, wie wichtig und zukunftsweisend Freiheit, Demokratie und Menschenrechte für uns sind. Deshalb mein Aufruf auch an Sie: Kommen Sie am 7. und 8. Mai zum ‘Tag für die Demokratie’ vors Brandenburger Tor.

Wir müssen alles tun, damit das Gedenken an die junge Generation weitergegeben wird. Nur wenn die jungen Menschen in Europa einander zuhören, wenn sie sich ihrer eigenen Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen vorbehaltlos stellen und wenn sie sich öffnen für die Geschichte ihrer Nachbarn, haben wir eine Chance, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt. Gerade wir Deutschen haben da Nachholbedarf. Wir wissen inzwischen viel darüber, was in deutschem Namen angerichtet wurde, aber noch zu wenig, wie sehr die Menschen in Mittel- und Osteuropa gelitten haben – erst unter den Deutschen, dann unter dem Kommunismus.

Wir gedenken der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft.
 Wir gedenken der verfolgten und ermordeten Juden, der Sinti und Roma, der Homosexuellen und Andersdenkenden.
 Wir gedenken der Menschen, die als Zivilisten oder Soldaten unschuldig ums Leben gekommen sind.
Es ist unsere Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass ein solches Unrecht und eine solche Barbarei nicht wieder geschehen können. Wir müssen erinnern und dürfen nicht vergessen.

Wir denken an das große Geschenk von Freiheit und Demokratie, die wir heute so selbstverständlich als Grundlage unseres Lebens betrachten. Wir leben in der längsten Periode des Friedens, die es seit Jahrhunderten in unserem Land gegeben hat. Dafür sind wir dankbar, darauf sind wir stolz, weil wir die Demokratie zu einer verlässlichen Basis unseres Zusammenlebens gemacht haben. Wir werden sie erhalten und, wenn es darauf ankommt, auch verteidigen. Demokratie entsteht jeden Tag neu, lassen Sie uns daran gemeinsam weiter arbeiten. Vielen Dank!”

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