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Wowereit-Rede auf der Trauerfeier für Brigitte Mira

Pressemitteilung vom 15.03.2005

Sperrfrist 12 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hält heute auf der Trauerfeier für die Berliner Schauspielerin Brigitte Mira in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche laut Manuskript die folgende Rede.

Der Regierende Bürgermeister: “’Ja, es war ein wunderschönes Leben mit vielen herrlichen Rollen vom Schwank bis zur Tragödie’, so hat es Brigitte Mira selbst einmal in einer Rückschau auf ihren Lebensweg formuliert. Ja, es war ein Leben, welches ganz überwiegend aus Arbeit bestand, aus der Arbeit für das Theater, das Fernsehen, den Film, es war ein Leben für uns – ihr Publikum. Tief bewegt nehmen wir heute Abschied von Brigitte Mira.

Ihre Hoffnung war, ‘dass irgendwann der Vorhang fällt und ich hinter der Bühne graziös zusammensinke, so dass es auch noch ein hübsches Foto gibt.’ Sie ist nicht auf ihren Brettern, die die Welt bedeuten, gestorben, sie ist leise und still von uns gegangen. Das macht es für uns nicht leichter.

Brigitte Mira war bis ins hohe Alter hinein vital, fröhlich, voller Enthusiasmus und Lebensmut. Unvorstellbar, dass ihr Witz erloschen, ihre Stimme verstummt ist. Unser Mitgefühl gilt in der schweren Stunde des Abschiednehmens vor allem ihren Söhnen, ihrer Familie. Wir sind Ihnen eng verbunden und trauern mit Ihnen.

1910 in Hamburg geboren, begann Brigitte Miras Karriere Ende der zwanziger Jahre mit der Esmeralda in Smetanas ‘Die verkaufte Braut’ in Köln. Über viele Stationen, Graz, Kiel, Reichenberg, Hamburg kam sie 1941 mit falschen Papieren – ihr Vater war ein russisch-jüdischer Pianist – nach Berlin. Seither ist diese Stadt ihre künstlerische Heimat. Aber nicht nur ihre künstlerische. Berlin war die Heimat von Brigitte Mira. Sie war eine von uns und es war keine gespielte Rolle, Brigitte Mira war von ganzem Herzen Berlinerin. Sie hat viel und gern in dieser Stadt gearbeitet. Sie hat hier und von hier aus ein Millionenpublikum gewonnen.

Ein Beispiel für diese Kontinuität ist ein Bogen von 50 Jahren. 1947 wurde die Komische Oper mit der ‘Fledermaus’ in der Regie von Walter Felsenstein eröffnet. Im Februar 1948 übernahm Brigitte Mira die Rolle der Adele. In der Festvorstellung anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Komischen Oper am 23. Dezember 1997 – natürlich mit ‘Die Fledermaus’ – war sie einer der Überraschungsgäste und sang im 2. Akt das Couplet der Adele ‘Mein Herr Marquis’. Damals war sie 87 Jahre alt und kommentierte den eigenen Auftritt mit Mutterwitz und Selbstironie: ‘Naja, eine Adele war es nicht, wohl eher eine Bedele.’

So kannten wir sie, so liebten wir sie, das war typisch, das war die Mira. Aber sie war weit mehr. Sie konnte sehr ernst sein und sie spielte mit der Erfahrung eines reichen und nicht immer leichten Lebens tragende Rollen im Charakterfach, Rollen, die unter die Haut gingen. Als Putzfrau Emmi Kurowski in Fassbinders sozialkritischem Film ‘Angst essen Seele auf’ gelang ihr der Durchbruch im ernsten Fach. Sie erhält das Filmband in Gold, Auszeichnungen, Orden, u. a. 1996 den Verdienstorden des Landes Berlin.

Wenn ich zurückdenke, war ‘Angst essen Seele auf’ auch meine erste bewusste ‘Begegnung’ mit Brigitte Mira. Dieser Film hat mich, wie viele andere, sehr beeindruckt und besonders bewegt hat mich die Authentizität der Emmi. Ich bin dankbar, dass ich Jahre später viele Gelegenheiten hatte, Brigitte Mira persönlich kennen zu lernen. Verblüffend, ja geradezu umwerfend waren ihre Direktheit, ihre Einfachheit, ihre Ehrlichkeit. Sie nahm kein Blatt vor den Mund. Sie stand zu dem, was sie sagte, auch mit der eigenen Tat.

Brigitte Mira engagierte sich als Gründungsmitglied des Kuratoriums der Berliner Aidshilfe, sie verteilte als Mitinitiatorin lange Jahre bei der Kampagne der Berliner Aids-Hilfe ‘rote Schleifen’ für Berlin, sie stellte ihre Kunst auch noch im hohen Alter in den Dienst von Spendensammlungen. Auch daran denken wir zum Beispiel, wenn wir uns an ‘Drei alte Schachteln’ erinnern. Gemeinsam mit Evelyn Künneke und Helen Vita hat sie mit diesem Programm auch so manche Spende gesammelt.

Zur Menschlichkeit von Brigitte Mira gehörte genauso ihre Tierliebe. Die Berliner sind tierlieb und sie war es auch. Und sie war aktiv, als Mitglied des Tierschutzvereins für Berlin hat sie so manches Autogramm bei Tagen der offenen Tür im ehemaligen Tierheim Lankwitz ‘teuer verkauft’.

Es fällt schwer, im Rückblick auf ein über 70-jähriges Berufsleben als Künstlerin, alle Leistungen zu benennen. Ungezählte Operetten, Theaterstücke, Filme, das Wirken bei den Insulanern, die Mutter im Jedermann und, und, und … Sie gönnte sich keine Ruhe, ohne Arbeit konnte sie nicht sein. Einmal zu ihrem Arbeitseifer, ihrer Unermüdlichkeit befragt, sagte sie: ‘Das Zirkuspferd kann’s nicht lassen, will’s auch nicht. Diese Energie brauche ich für mein Leben wie Sauerstoff.’ Die Arbeit war ihr Sauerstoff, fast bis zum Schluss. Sie gehörte zu den ganz Großen, sie war im wahrsten Sinne des Wortes eine Volksschauspielerin.

Brigitte Mira, die das Pathos nicht geliebt hat, ist mit diesem Begriff, der so vieles umspannt, so vieles ausdrückt, sicher einverstanden. Neben der Künstlerin verlieren viele eine liebe Freundin. Einen Menschen, den man einfach lieb haben musste. Ich werde ihre Küsschen und zärtlichen Gesten nicht vergessen. Berlin – und nicht nur Berlin – trauert um Brigitte Mira. Sie war eine kleine Frau, eine große Schauspielerin, sie bleibt uns unvergessen. Wir verneigen uns vor ihr. Adieu Biggi.” – - – - -

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