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Frauensenator Harald Wolf zum Internationalen Frauentag: „Nicht Religion oder Kultur führen zu Gewalt gegen Frauen sondern Machtansprüche von Männern – Menschenrechte gelten überall“

Pressemitteilung vom 08.03.2005

Die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen teilt mit:

Sperrfrist 8. März, 18:00 – Es gilt das gesprochene Wort

Berlins Bürgermeister und Frauensenator Harald Wolf hat heute die Soziologin Prof. Dr. Barbara Kavemann mit dem Berliner Frauenpreis 2005 ausgezeichnet. In seiner Rede anlässlich der Preisverleihung sagte er unter anderem:

„Gewalt von Männern gegen Frauen kennt viele Formen, und so sind wird aufgerufen, wach zu bleiben für Entwicklungen, die sich vielleicht erst auf den zweiten Blick in ihrer ganzen Dimension erschließen. Gewalt gegen Frauen ist Ausdruck patriarchaler Strukturen, die tief in unserer Gesellschaft und tief in den Köpfen von Männern, aber auch von Frauen, verankert sind. Es ist das Verdienst von Frauen wie Frau Kavemann und von vielen anderen in Notrufen, Frauenhäusern und Beratungsstellen, das Thema enttabuisiert und der Privatsphäre entrissen zu haben.

Gewalt gegen Frauen ist heute ein öffentliches Thema. Es gibt mittlerweile eine Menge Initiativen und Maßnahmen auf administrativer, gesetzgeberischer und zivilgesellschaftlicher Ebene, die betroffenen Frauen Schutz und Beratung anbieten und die zur gesellschaftlichen Ächtung patriarchaler Gewalt beitragen. Das ist ein Erfolg der Feministinnen. Hilfeangebote sind selbstverständlicher geworden, Institutionen wie die Polizei und die Justiz kündigen den patriarchalen Konsens der Schuldzuweisung an die betroffenen Frauen zunehmend auf.

Es gibt Gewaltverhältnisse, die sich durch spezifische Dynamiken in einigen Sektoren unserer Einwanderergesellschaft entwickeln konnten. Tradierte bäuerliche Formen des Machtgefüges zwischen Männern und Frauen wie etwa patriarchale Familien und Dorfverbände treffen zusammen mit sozialer Randständigkeit und Ausschlusserfahrungen in der deutschen Gesellschaft.

Es hat seit Beginn der Arbeitsmigration keine gesellschaftliche Debatte gegeben, wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die eingewanderten Minderheiten zusammen leben können. Integration ist aber ein zweiseitiger Prozess. Er kann nur gelingen, wenn sich beide Seiten in ihrer Verschiedenheit als gleichberechtigt anerkenne und sich gegenseitig Respekt zollen.

Erst dann ist es möglich, sich auf gemeinsame Normen des Zusammenlebens zu beziehen und dafür auch zu streiten. Dazu gehört Artikel eins des Grundgesetzes: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar.’ Dazu gehört die universelle Geltung der Menschenrechte. Dazu gehören die Gleichberechtigung von Männern und Frauen und das Selbstbestimmungsrecht der Frauen.

Gewalt und Ausgrenzung dagegen kann Gegengewalt und Rückzug auf die eigene Bevölkerungsgruppe erzeugen: Bei vielen Migrantinnen und Migranten müssen wir genau das konstatieren. Rassismus und Rechtsextremismus verletzen genauso wie islamistisch begründeter Fundamentalismus die Grundsätze der Demokratie und des Zusammenlebens der Menschen in dieser Stadt. Wir brauchen also die gesellschaftliche Debatte über die gemeinsamen Normen unseres Zusammenlebens: ein solches Herangehen unterscheidet sich deutlich von Debatten um deutsche Leitkultur.

Es sind auch nicht Religion oder Kultur, sondern die Machtansprüche von Männern und männlich dominierten Familien- und Sozialstrukturen, die zu Gewalttaten gegen Frauen führen. Dass religiöse und kulturelle Interpretationen zu deren Rechtfertigung herangezogen werden, ist erst ein zweiter Schritt.

So berechtigt die Empörung über die jüngsten Gewalttaten und Morde an Frauen mit Migrationshintergrund ist – sie wird unglaubwürdig, wenn dabei die Gewalt in alteingesessenen deutschen Kreisen verschwiegen wird.“

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Christoph Lang
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