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Flierl stellt Gedenkkonzept Berliner Mauer vor

Pressemitteilung vom 18.04.2005

Trotz zahlreicher Initiativen und vorhandener Orte, sich der Berliner Mauer im Stadtbild zu erinnern und ihrer Opfer zu gedenken, offenbart die öffentliche Debatte 15 Jahre nach dem Fall der Mauer Defizite in der Erinnerungskultur.
Vor diesem Hintergrund berief Kultursenator Dr. Thomas Flierl im Sommer 2004 eine Arbeitsgruppe aus Mitarbeitern der Senatsverwaltungen für Kultur, für Stadtentwicklung, der Senatskanzlei, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart, dem Verein Berliner Mauer und weiteren Partnern ein. Die Arbeitsgruppe konnte auf vorhandene Bestandsaufnahmen zurückgreifen, hörte weitere Experten an und hat erste Arbeitsergebnisse im März 2005 im Arbeitskreis II der Berlin-Brandenburgischen Gedenkstätten (SBZ/ DDR/ SED-Diktatur) vorgestellt.

Verfahren
Die Zwischenergebnisse dieses bisherigen Erarbeitungsprozesses werden heute auf einem öffentlichen Hearing der Stiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur im Abgeordnetenhaus vorgestellt und erörtert. Danach soll das Konzept erneut überarbeitet, im Senat und mit dem Bund abgestimmt und schließlich dem Berliner Abgeordnetenhaus vorgelegt werden. Bis zu diesem Zeitpunkt sollen auch Finanzierungsfragen geklärt sein, auf die das Konzept nicht im Detail eingeht. Für die Umsetzung der einzelnen Vorschläge wird ein Zeitraum von sechs Jahren, bis zum 50. Jahrestag des Mauerbaus, angesetzt

Konzept:
Die Konzeption für die Erinnerung an die Berliner Mauer konzentriert sich auf den Umgang mit den Spuren der deutschen Teilung im Berliner Stadtraum. Sie stellt somit auch ein Baustein für das zukünftige Gesamtkonzept zur Aufarbeitung der Gesellschaft der DDR und ihrer politischen Strukturen, darunter der Sicherheits- und Repressionsapparate der SED-Herrschaft, dar.
Das Konzept ist grundsätzlich offen gegenüber zukünftigen neuen Fragestellungen. Es zielt nicht auf eine abschließende Interpretation, sondern auf die Sicherung vorhandener Orte und Spuren, die Benennung und Überwindung von Informationsdefiziten an den jeweiligen Orten sowie auf die Stärkung ihres topografischen und Bedeutungszusammenhangs durch verbesserte Kommunikation.

Grundrichtungen:
Das Konzept verfolgt sechs Grundrichtungen:
Neben der Bewahrung authentischer Relikte der früheren Grenze in ihrem gesamten Verlauf soll ein größerer zusammenhängender Abschnitt der Grenzsicherungsanlage erfahrbar gemacht werden. Hierfür bietet sich aus städtebaulichen und gedenkstättenpolitischen Gründen ausschließlich der Bereich an der Bernauer Straße an. Im Zentrum stehen dabei das Ensemble aus Versöhnungskapelle, Denkmal und Dokumentationszentrum mit Aussichtsturm. Wie im öffentlichen Bereich insgesamt sollte dabei auf Rekonstruktionen verzichtet werden.

Das Gedenken an die Opfer der Berliner Mauer hat seinen zentralen Ort an der Gedenkstätte in der Bernauer Straße. Sofern Ort und Umstände nachgewiesen sind, ist der einzelnen Toten an der Berliner Mauer im jeweiligen räumlichen Kontext zu gedenken. Bis heute existieren weder gesicherte Angaben über die tatsächliche Anzahl der Todesopfer, noch sind die Namen vieler Opfer, ihre Biographien, die Motive ihrer Flucht und die Umstände, unter denen sie ums Leben kamen, die Art und Weise, wie mit ihnen und ihren Angehörigen nach ihrem Tode umgegangen wurde, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Dazu ist weitere wissenschaftliche Forschung dringend erforderlich. Auch hier ist nur das Dokumentationszentrum Berliner Mauer an der Bernauer Straße in vergrößerter und finanziell besser ausgestatteter Form als die hierfür geeignete Institution denkbar.

Die dezentrale Struktur der Erinnerungslandschaft, die sich in den vergangenen 15 Jahren entwickelt hat, weil nur noch Reste der Mauer vorhanden waren und sich die um sie gebildeten Initiativen an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten verdichtet haben, muss respektiert werden. Die zahlreichen Einzelinitiativen von Organisationen und Vereinen sind überwiegend Ausdruck bürgerschaftlichen Engagements und sollten entsprechend gewürdigt und gestärkt werden.

Der Wunsch des Deutschen Bundestages, im Bereich von Brandenburger Tor und Parlament �an die Berliner Mauer zu erinnern, ihrer Opfer zu gedenken und der Freude über die Überwindung der deutschen Teilung� Ausdruck zu geben, ist zu respektieren. Dies sollte jedoch nicht zu einer Konkurrenz zur zentralen Gedenkstätte und zum Dokumentationszentrum Berliner Mauer an der Bernauer Straße führen. In der Nähe von Brandenburger Tor und Deutschem Bundestag sollte es nicht nur um die Berliner Mauer, sondern um die deutsche Teilung und deren Überwindung insgesamt gehen.

Die Berliner Mauer ist nicht nur ein Berliner und nicht nur ein deutscher Erinnerungsort. Ihre Errichtung steht als Symbol für die Spaltung Europas und die Teilung der Welt, ihr Fall für deren Überwindung. Berlin fehlt ein Ort, der die Konfrontation der Weltmächte im Zentrum der Stadt dokumentiert. Das sollte der Checkpoint Charlie sein – als Ort der Dokumentation, der den Grenzübergang an der Friedrichstraße und die Mauer in Berlin in ihren weltpolitischen Bezügen darstellt.

Die verschiedenen Erinnerungsorte stehen für jeweils spezifische, einander ergänzende Themen. Sie verweisen damit jeweils aufeinander und konstituieren einen übergreifenden Kontext, ohne ihre besondere Perspektive zu verlieren. Diese inhaltliche Schwerpunktsetzung soll durch ein Kommunikationskonzept flankiert werden, das vom Flyer über elektronische Angebote und Audioguides bis zu einer integrierten Einbindung des öffentlichen Nahverkehrs, vor allem der U- und S-Bahnhöfe, reicht.

Handlungsfelder und Orte
Im weiteren beschreibt das Konzept zwölf Handlungsfelder und Orte, für die entsprechende Empfehlungen gegeben werden:
- Der Schnitt durch die Stadt: Nordbahngelände/Bernauer Straße/Mauerpark
- Die Grenze am Wasser: Invalidenpark/ Turm Kieler Eck
- Das Parlament der Bäume: Schiffbauerdamm
- Die deutsche Frage ist offen, solange das Brandenburger Tor geschlossen ist: Reichtag/Brandenburger Tor:
- Wiedergewonnene Dichte: Potsdamer Platz:
- Historische Schichtungen: Niederkirchnerstraße
- Konfrontation der Weltmächte: Checkpoint Charlie
- Mauerkunst Ost: East Side Gallery
- So nah und doch so fern: Bahnhof Friedrichstraße/Tränenpalast
- Trennen und Verbinden: Bahnhöfe und Geisterbahnhöfe
- Grenztopographie: Markierung/Mauerweg/Geschichtspfad
- Kommunikation: Wegweisung/Audioguide/Internetportal

Das Konzept ist im Internet unter www.senwisskult.berlin.de nachzulesen.

Berlin, am 18. April 2005

Rückfragen:
Torsten Wöhlert
Telefon: 90228203
E-Mail: Torsten.Woehlert@senwfk.verwalt-berlin.de