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WOWEREIT: BERLIN NIMMT ABSCHIED VON TINO SCHWIERZINA

Pressemitteilung vom 12.01.2004

Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat heute auf der Trauerfeier für den Berliner Politiker Tino-Antoni Schwierzina in der St. Josef Kirche in Berlin-Weißensee laut Manuskript folgende Rede gehalten:

„Dem Ruf der Geschichte kann man sich nur schwer entziehen. Im Herbst 1989 war der Ruf der Geschichte deutlich zu vernehmen. Und es gab Männer und Frauen, die ihm beherzt folgten. Männer und Frauen, denen vorher nicht im Traum eingefallen wäre, welche Rolle ihnen die Geschichte einmal zuweisen würde.

Diese Menschen konnten sich für ihre Aufgabe nicht vorbereiten. Aber sie verfügten über verborgene Talente; Fähigkeiten, die in dem Moment, da die DDR wegbrach und mit ihr alte Gewissheiten und Lebensplanungen, ans Tageslicht kamen und hell erstrahlten.

Diese Männer und Frauen haben ihre Überzeugungen gelebt. Sie verfügten über Mut, über Engagement und vor allem über Zuversicht. Sie haben sich einer für sie neuen Verantwortung gestellt. Sie sind an ihrer Aufgabe gewachsen und haben Großes bewirkt.

Zu ihnen gehört Tino Schwierzina, der erste und einzige frei gewählte Oberbürgermeister von Ost-Berlin.

Tino Schwierzina schien eine Karriere in den staatlichen Handelsorganisationen der DDR beschert. Er war Jurist, ein kompetenter und fleißiger Fachmann, der sich durch Leistung und nicht durch eine Parteimitgliedschaft hervortat.

Aber im Herbst 1989, als in atemberaubendem Tempo Altes wegbrach und Neues entstand, hat er die Chancen der neuen Zeit gesehen.
Und Tino Schwierzina hat diese Chancen mit Macht beim Schopfe ergriffen.
Er hat den Ruf der Geschichte vernommen.
Er wusste, dass die Zeit gekommen war, da man nicht abseits stehen darf, sondern für seine Überzeugungen öffentlich eintreten muss.

Und dieselbe innere Klarheit und Selbstverständlichkeit, die ihn zu DDR-Zeiten von einer Parteinahme abhielt, bestärkte ihn 1989 in seinem Eintreten für sozialdemokratische Politik. Tino Schwierzina war Gründungsmitglied der Ost-Berliner SPD.

Mit Tino Schwierzina als Spitzenkandidat wurde die SPD bei den ersten freien Kommunalwahlen in der DDR (am 6. Mai 1990) stärkste Partei im Ostteil der Stadt. Und Tino Schwierzina wurde Oberbürgermeister des Ost-Berliner Magistrats.

In der Rückschau auf jene bewegte Zeit fragen wir uns: Was waren seine verborgenen Talente, von denen ich eben sprach? Was hat den Wirtschaftsjuristen, der in der Staatlichen Getränkeindustrie und in der Fischwirtschaft zuhause war und sich in den drängenden Versorgungsfragen bestens auskannte – was hat diesen Fachmann eines untergehenden Wirtschaftssystems für sein Amt als Oberbürgermeister prädestiniert? Vieles!
Was hat der Mensch Tino Schwierzina für dieses Amt mitgebracht? Alles!

Als erprobter DDR-Bürger und erfahrener Wirtschaftsmanager wusste er um die Bedeutung der kleinen Dinge. Ihm war klar, dass es darauf ankam, eine stabile Versorgungslage im Ostteil der Stadt herzustellen.

Und dem Menschen Tino Schwierzina – ich schließe hier ausdrücklich den politischen Menschen ein – dem Menschen Tino Schwierzina lagen in dieser historischen Stunde politische Glaubensbekenntnisse fern. Er war ein Mann des Pragmatismus und des Ausgleichs. Seine Menschlichkeit war das Gebot der Stunde. Es kam darauf an, die große Einigkeit in der Bevölkerung und unter den Parteien, die auch die ostdeutschen Wahlkämpfe überstanden hatte, zu erhalten.

Bei aller Konsequenz mit den ehemaligen Machthabern: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Magistratskanzlei – und etliche von ihnen arbeiten noch heute in meinem Haus – erinnern sich dankbar an die Fairness und Redlichkeit, mit der sie behandelt und in die neuen Verhältnisse integriert wurden.

Denn er verfolgte das gemeinsame Ziel aller Berlinerinnen und Berliner mit großer Konsequenz: Die Wiedervereinigung beider Stadthälften. Aber ihm war auch wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger Ost-Berlins mit erhobenem Haupt, als gleichberechtigte Partner den Weg in die Einheit gingen.

Und auch das hat den Menschen und Politiker Tino Schwierzina ausgezeichnet: Ihm ging jede Eitelkeit ab. Er wusste stets um die zeitliche Befristung seines Amtes. Er hat dies nicht nur klaglos hingenommen, sondern mit großer Energie, viel Phantasie und der ihm eigenen, leisen Beharrlichkeit auf die Abschaffung seines Amtes hingearbeitet.

Es gibt eine schöne Anekdote über Tino Schwierzina, die zeigt, welche Kraft er dem Begriff ‚Bürgernähe‘ abzugewinnen vermochte: Als ihm der Wachdienst des Roten Rathauses einmal den Zugang zu seinem Amtssitz verwehrte, weil er seinen Dienstausweis vergessen hatte, da beschloss Tino Schwierzina spontan, einen Tag der Offenen Tür im Roten Rathaus einzuführen. Der Erfolg war überwältigend, Zehntausende Menschen drängten sich an diesem Tag auf den Gängen des Rathauses. Diese Anekdote belegt nicht nur, wie gewitzt sich Tino Schwierzina für eine demokratische politische Kultur eingesetzt hat. Sie zeigt auch, wie unnachahmlich sich bei ihm der Sinn fürs Praktische mit einem ausgeprägten politischen Instinkt verband.

Er wusste mit dem (West-) Berliner Senat und Walter Momper an der Spitze einen starken Verbündeten an seiner Seite. Es war die Zeit des ‚Magi-Senats‘. Ohne die vertrauensvolle und freundschaftliche Zusammenarbeit dieser beiden Männer hätte die Wiedervereinigung Berlins nicht so reibungslos gelingen können.

Wir alle hier kennen das riesige Arbeitspensum, das damals zu bewältigen war. Wir alle wissen, so was schafft man nicht allein. Hinter Tino Schwierzina stand seine Familie, allen voran seine Frau. Ohne dich, liebe Brigitte Schwierzina, hätte dein Mann nicht das für Berlin leisten können, was er geleistet hat. Wir alle wissen, Tino Schwierzina war schwer herzkrank. Er war es schon lange, bevor er in die Politik eintrat. Dir, liebe Brigitte, möchte ich danken, dass du als Ärztin über seine Gesundheit gewacht hast. Aber auch dafür, dass du ihn, obwohl um seinen Gesundheitszustand wissend, immer auf seinem Weg unterstützt hast.

Im Juni 1990 erklärte Tino Schwierzina: ‚Wir bereiten unsere Stadt auf die Zukunft vor, die Berlin als eine blühende Metropole im Zentrum Europas und als Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands sehen wird.‘

Das ist bis heute eine große Vision. Mit ihrer Verwirklichung sind wir ein großes Stück vorangekommen. Berlin ist zur Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschlands und zu einer blühenden Metropole im Zentrum Europas geworden, die viele Menschen aus der ganzen Welt anzieht.

Tino Schwierzina hat für diese Vision gelebt und gearbeitet. Erst als Oberbürgermeister Ost-Berlins, später als Vize-Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses und als Vorsitzender des Petitionsausschusses. Und er hat auch als Stadtältester sein Bestes gegeben.

Sein Optimismus und seine Lebensfreude hätten noch für viele Jahre gereicht. Sein Körper, den er nie schonte, versagte ihm die Gefolgschaft.

Wir bedanken uns bei Tino-Antoni Schwierzina.
Wir verneigen uns vor diesem großen Berliner. – - – - -

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