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WOWEREIT: "MARY ROBINSON HAT DEM FRIEDEN IN EINER ATMOSPHÄRE DER FEINDSELIGKEIT EINE CHANCE GEGEBEN"

Pressemitteilung vom 19.01.2004

Sperrfrist: 19.30 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

In einem Grußwort anlässlich der Verleihung der Otto-Hahn-Friedensmedaille 2003 an die frühere irische Präsidentin und UN-Kommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, am heutigen Montag führt der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, u. a. aus:

„Wir ehren heute eine außergewöhnliche Frau. Bei Mary Robinson verbinden sich Herkunft und Beruf zu einer Berufung. Mary Robinsons Herkunft und Beruf und Berufung lassen sich auf drei Begriffe bringen: Sie ist Irin, Juristin und Politikerin. Damit ist sie – rein statistisch gesehen – kein Einzelfall. Und schon gar nicht, was das Thema ‚Berufung‘ angeht. Jeder Politiker fühlt sich irgendwie zu seinem Amt ‚berufen‘ – wir sind eben ein nicht ganz uneitler Berufsstand. Bei Ihnen, verehrte Mary Robinson, ist das anders. Ich darf wohl behaupten, dass sich Ihre Berufung gerade darin zeigt, dass Ihnen das Amt vor allem Mittel zum Zweck ist. Und dieser Zweck – Ihre wahre Berufung – ist der wichtigste Zweck von Politik überhaupt: nämlich den Sinn für Recht und Gerechtigkeit zu schärfen, dem Recht zu seinem Recht und zu seiner Geltung zu verhelfen, um das Leben der Menschen zu verbessern.

Sie haben Ihr Ziel immer mit einer bewundernswerten Gradlinigkeit verfolgt. Zum Geschäft eines Politikers und einer Politikerin gehört die Fähigkeit zum Kompromiss; mitunter sind wir zum Konsens verdammt. Aber gerade an Ihnen, verehrte Frau Robinson, scheinen die Menschen das Gegenteil zu schätzen: nämlich Ihre Kompromisslosigkeit. Sie sind, wenn ich das so sagen darf, eine moderne Jeanne d’Arc. Dazu gehört, wie wir wissen, eine gehörige Portion Furchtlosigkeit, dazu gehört Zivilcourage und vor allem der Mut, die Verhältnisse infrage zu stellen und beharrlich an Veränderungen zu arbeiten, statt sich in ihnen einzurichten.

Ich darf an dieser Stelle bekennen: Ich liebe Irland. Es ist ein wunderbares Land und ich freue mich über jede Gelegenheit, diese grüne Insel zu bereisen und die Gastfreundschaft der Iren zu genießen. Zu den wunderbaren Seiten dieses Landes gehört auch eine Frau wie Mary Robinson. Durch ihr Wirken ist Irland liberaler, weltoffener und toleranter geworden. Und dieses Wirken zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Es begann schon mit einer außerordentlich mutigen Entscheidung im persönlichen Bereich – einer wahren Lebensentscheidung: Sie haben einen Mann geheiratet, den Sie als Katholikin nach den damals geltenden Konventionen nicht hätten heiraten dürfen – einen Protestanten. Dazu gehörte ein außerordentlicher Mut, vor allem aber Liebe, die stärker war als der gesellschaftliche Druck, der auf Ihnen und Ihrem Mann lastete.

Der Mut im persönlichen Bereich ist auch im beruflichen und politischen Wirken ein Markenzeichen von Mary Robinson. Vielleicht haben Sie damals im Zusammenhang mit Ihrer Hochzeit die Erfahrung gemacht, dass es sich zwischen den Stühlen am besten sitzt – und daraus ein Lebensmotto gemacht. Sie haben mit der Klarheit einer erfahrenen Juristin starre Glaubenssätze gegen das Recht der Menschen auf Freiheit und Selbstbestimmung abgewogen – und sich im Zweifel stets für Freiheit und Menschenwürde entschieden. Dazu gehört Ihr Einsatz für die Rechte der Frauen und der Homosexuellen in Irland. Und was uns besonders beeindruckt: Sie haben auch nach Ihrer Wahl zur Präsidentin Ihres Landes nicht nachgelassen in Ihrem mutigen Engagement gegen die Diskriminierung. Sie haben weitergemacht und weitergekämpft.

Sie waren als Präsidentin nicht nur die erste Dienerin Ihres Landes, sondern zugleich auch dessen erste Bürgerrechtlerin. Aufsehen erregte auch hier zu Lande Ihre Parteinahme für ein 14-jähriges Mädchen, das vergewaltigt wurde und dem von einem Gericht verboten wurde, abzutreiben. So was tat man/frau nicht als Präsidentin. Das war ein gezielter Tabubruch – und nicht ihr einziger. Sie haben sich im Juni 1993 mit dem Sinn-Fein-Präsidenten Gary Adams getroffen und allen Nordiren „die Hand der Freundschaft“ gereicht. Sie haben im Juni 1996 als erstes irisches Staatsoberhaupt Großbritannien einen offiziellen Besuch abgestattet. Beides waren zu ihrer Zeit höchst umstrittene Gesten.

Was zählt, ist Ihr Mut, dem Frieden in einer Atmosphäre der Feindseligkeit eine Chance zu geben. Und wir Deutschen können mit unserer spezifischen Geschichte als ehemals geteiltes Land nur erahnen, was es heißt und wie viel Mut und Entschlossenheit man aufbringen muss, um den ersten Schritt zu setzen, um Entspannung zu erreichen und eine allmähliche Annäherung zwischen den ideologisch verfeindeten Kräften auf der irischen Insel möglich zu machen. Ich wünsche den Menschen auf dieser von mir so geliebten Insel, dass sich die Friedenshoffnungen erfüllen und dass Gewalt und Feindseligkeiten bald endgültig der Vergangenheit angehören.

Manchmal muss man eben gezielt mit Tabus brechen, um etwas zu bewegen. Das hat die Mehrheit der Iren erkannt und Ihnen, Frau Robinson, dankbar die Treue gehalten. Sie sind für Ihre mutige Politik nicht – wie die heilige Johanna – auf dem Scheiterhaufen gelandet, sondern von einer Welle der Zustimmung getragen worden. Sie waren die richtige Frau zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und das gilt auch für Ihr Amt als Hohe Kommissarin der UNO für Menschenrechte. Sie haben – zum Unwillen der jeweiligen Machthaber – persönlich Flagge gezeigt, wo Gefahr im Verzug war. Sie waren in China, Tschetschenien, Ruanda, Sierra Leone, Kolumbien und Kambodscha. Die Liste muss unvollständig bleiben. Ihr Engagement als UN-Kommissarin für Menschenrechte wird die Laudatorin des heutigen Abends, Frau Nickels, im Anschluss gewiss ausführlich würdigen.

Wichtig aber erscheint mir, dass Sie die Frage der Menschenrechte stets vor einer politischen Instrumentalisierung geschützt haben. Mit der gleichen Deutlichkeit, mit der Sie Menschrechtsverletzungen in der Dritten Welt angeprangert haben, redeten Sie auch den westlichen Industriestaaten ins Gewissen, wenn Sie dies für nötig hielten. Das Recht und die Freiheit des einzelnen Menschen war und ist die Richtschnur Ihres Handelns – unabhängig davon, ob es opportun war oder nicht. Ihrem Einsatz ist es maßgeblich mit zu verdanken, dass die Völkergemeinschaft beim Thema Menschenrechte zunehmend sensibilisiert wurde.

Ich gratuliere Ihnen zur Otto-Hahn-Friedensmedaille 2003 und wünsche Ihnen und uns, dass Sie nicht nachlassen in Ihrem unermüdlichen Einsatz für Menschenrechte.“

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