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WOWEREIT: EHRUNG VERDIENTER BÜRGERINNEN UND BÜRGER BERLINS MIT DER STADTÄLTESTENWÜRDE

Pressemitteilung vom 07.07.2004

Es gilt das gesprochene Wort!

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, führt anlässlich der Verleihung Stadtältestenwürde am 7. Juli 2004 im Berliner Rathaus laut Redemanuskript unter anderem aus:

„Ich freue mich sehr, Sie zur heutigen Verleihung der Stadtältestenwürde an acht Frauen und Männer begrüßen zu dürfen. Acht Frauen und Männer, die sich Verdienste auf ganz unterschiedlichen Feldern erworben haben. Acht Frauen und Männer, die zugleich eines verbindet:

Sie haben sich um Berlin verdient gemacht; sie haben einen großen Teil ihres Lebens in den Dienst der Gesellschaft gestellt; sie sind Menschen, deren Rat Gewicht hat.

Und wenn wir heute acht verdiente Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt zu ‚Ältesten‘ ernennen, dann wollen wir damit auch sagen: Alt sein darf nicht heißen: Hier gehört jemand zum ‚alten Eisen‘.

Die Stadtältestenwürde ist eine Respektbezeugung für Menschen, die Lebenserfahrung und Weisheit einbringen. Für Menschen, die unserer Gesellschaft etwas gegeben haben. Die den Zusammenhalt in der Stadt gestärkt und gefördert haben. Für Vorbilder, die Orientierung geben.

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Ein solches Vorbild ist zweifellos Hans-Dieter Blaese. Als Zimmermeister und Bauingenieur hatte Hans-Dieter Blaese eigentlich einen ausfüllenden Beruf, der ihn voll und ganz forderte. Aber Hans-Dieter Blaese war immer an mehr interessiert. Es mag altmodisch klingen, aber auf ihn trifft es zu: Hans-Dieter Blaese war und ist dem Allgemeinwohl, dem Wohl seiner Stadt verpflichtet und das bedeutet für ihn vor allem, die Chancen der jungen Menschen zu verbessern.

23 Jahre lang stand Hans-Dieter Blaese als Präsident an der Spitze der Berliner Handwerkskammer, bevor er im Frühjahr 2003 sein Amt in jüngere Hände legte. Und ein prägendes Element seiner langen Amtszeit ist das beharrliche Engagement für die Ausbildung.

Hans-Dieter Blaese hat sich bleibende Verdienste erworben: Der Ausbau der Gewerbeförderungsanstalt zum Bildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer trägt seine Handschrift. Die Verschmelzung der Kammerorganisationen in beiden Teilen Berlins nach der Vereinigung zur einheitlichen Handwerkskammer Berlin wurde unter der umsichtigen Führung von Hans-Dieter Blaese vollzogen. Und auch die Errichtung des Bildungs- und Innovationszentrums der Handwerkskammer in Bernau-Waldfrieden zeigt: Hans-Dieter Blaese hat der Kammer Perspektiven gegeben, er hat gestaltet und er hat wichtige Akzente gesetzt, vor allem auf dem Feld der beruflichen Qualifizierung.

Das Wirken von Hans-Dieter Blaese reichte weit über Berlin hinaus. Er hat Berlin in den deutschen Handwerksorganisationen vertreten. Er hat mit Herzblut und viel persönlichem Einsatz an den vom Bundeskanzler geleiteten Wirtschaftskonferenzen teilgenommen und damit auch Berlin vertreten.

Ganz besonders danken möchte ich Hans-Dieter Blaese für sein langjähriges engagiertes Wirken in der Sonderkommission ‚Ausbildungsplatzsituation‘. Die Berliner Landespolitik hatte in Ihnen einen kompetenten, verlässlichen und konstruktiven Partner und die jungen Menschen einen Anwalt ihrer Interessen.

Hans-Dieter Blaese ist einer jener verantwortungsbewussten Unternehmer, die wissen: Wer heute nicht ausbildet, dem fehlt morgen der Nachwuchs. Oder anders ausgedrückt: der sägt an dem Ast, auf dem er selbst sitzt. Und Hans-Dieter Blaese ist eine Unternehmerpersönlichkeit, die weiß, dass unternehmerischer Erfolg immer auch vom Wohlergehen der Gesellschaft abhängt. Das war und ist die Überzeugung von Hans-Dieter Blaese. Im Laufe seines langjährigen Wirkens gelang es ihm immer wieder, auch andere davon zu überzeugen. Dafür danken wir Ihnen, lieber Herr Blaese, heute mit der Ernennung zum Stadtältesten von Berlin.

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Es gibt viele Menschen in Berlin, die sich mit Elan für ihre Mitmenschen einsetzen. Und es gibt Menschen, deren ganzes Leben im Zeichen der Nächstenliebe steht, die in ihrem Einsatz für andere auch gegen Widerstände angehen und die davon nie viel Aufhebens machen. Zu jener eher raren Spezies zählt Pastor Werner Braune.

22 Jahre stand Pastor Braune der Stephanus-Stiftung vor, die bis zum Fall der Mauer zu den größten diakonischen Einrichtungen der DDR zählte. Alte Menschen und Kinder, Behinderte und all jene, die Unterstützung brauchten, hatten dort in Pastor Braune einen warmherzigen Ansprechpartner, der ihnen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite stand.

Unter Pastor Braune entwickelte sich die Stephanus-Stiftung mehr denn je zu einem Ort der Mitmenschlichkeit, der christlichen Fürsorge und Zuwendung. Zugleich gelang es ihm, die Stiftung zu einer wichtigen Begegnungsstätte für kirchliche und diakonische Gruppen aus Ost und West zu machen.

Der SED-Führung konnte das nicht gefallen. Die Treffen zwischen Menschen aus der DDR und der Bundesrepublik stießen ebenso auf ihre Missbilligung wie auch Pastor Braunes couragierter Einsatz für systemkritische Bürgerinnen und Bürger.

Aber Pastor Braune hat sich nie beirren lassen. Er hielt allen Auseinandersetzungen mit staatlichen Stellen stand und führte seine Arbeit engagiert und unermüdlich fort.

Dabei waren Pastor Braune die verantwortungsvollen Aufgaben im Rahmen der Stephanus-Stiftung nie genug: Darüber hinaus setzte er sich für den Ausbau der Diakonie in der DDR ein und wirkte schließlich tatkräftig an der Bildung des gesamtdeutschen Diakonischen Werkes mit. Es ist auch sein Verdienst, dass die Zusammenführung sozialer kirchlicher Einrichtungen in beiden Teilen Berlins so reibungslos gelingen konnte.

Es gäbe noch weit mehr über Pastor Braune zu berichten: Auch während seiner Arbeit in zahlreichen weiteren Gremien galt sein Ohr und seine Hilfe stets sozial benachteiligten Menschen.

Dafür danken wir Ihnen, verehrter Pastor Braune, von ganzem Herzen. In Anerkennung Ihrer Verdienste ernennen wir Sie zum Stadtältesten von Berlin.

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Es ist an dieser Stelle fast unmöglich, das vielfältige Wirken von Alfred Gleitze angemessen zu würdigen. So viele Ämter und Funktionen waren es, die er im Laufe seines Berufslebens erfolgreich bekleidete. Und auch heute noch, wo andere im wohlverdienten Ruhestand etwas kürzer treten, dürfen zahlreiche Vereine und Initiativen auf die tatkräftige Unterstützung von Alfred Gleitze zählen.

Bei vielen alteingesessenen Schöneberger Bürgerinnen und Bürgern erscheint ein Lächeln auf den Lippen, wenn man sie nach Alfred Gleitze fragt. Man kennt und schätzt ihn im Bezirk und weit über seine Grenzen hinaus. Man kennt ihn als engagierten Politiker, der sich mit großem Elan für die Interessen der Schöneberger eingesetzt hat. Und man kennt ihn als umtriebigen Bürger, der mit anfasst, wenn irgendwo Hilfe gebraucht wird.

Als Bezirksverordneter und Bezirksverordnetenvorsteher, Bezirksstadtrat und Bezirksbürgermeister hat Alfred Gleitze viele Jahrzehnte lang die Kommunalpolitik in Schöneberg geprägt. Dabei ging es ihm stets darum, die Bürgerinnen und Bürger in politische Prozesse einzubeziehen und Politik so für alle persönlich erlebbar zu machen. Unermüdlich war er im Bezirk unterwegs und setzte sich für positive Veränderungen ein.

Das hat sich bis heute kaum verändert. Nach wie vor nimmt Alfred Gleitze regen Anteil am politischen Geschehen und reißt mit seiner Begeisterung andere mit. So gelingt es ihm immer wieder, junge Menschen für Politik zu interessieren und bei ihnen ein Verantwortungsbewusstsein für das Gemeinwohl zu wecken.

Und das nicht etwa, indem er nur große Reden hält. Ehrenamtlich und mit viel Elan setzt sich Alfred Gleitze für die unterschiedlichsten Belange ein. Man merkt ihm in seinen zahllosen Aktivitäten einfach an, wie sehr ihm unsere Stadt und die Interessen ihrer Bürgerinnen und Bürger am Herzen liegen.

Berlin sagt Ihnen, lieber Herr Gleitze, Dank. Senat und Abgeordnetenhaus von Berlin ernennen Sie zum Stadtältesten von Berlin.

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Berlin ist berühmt für seine vielfältige Museumslandschaft. Was wir dabei manchmal übersehen: Faszinierende Museen mit internationaler Strahlkraft entstehen nicht von selbst. Dafür bedarf es enthusiastischer Menschen, die sich für den Auf- und Ausbau eines solchen Hauses einsetzen. Es bedarf Menschen wie Professor Günther Gottmann.

Wir haben es maßgeblich seinem Engagement zu verdanken, dass sich Berlin heute wieder über ein namhaftes Technikmuseum freuen darf.

Als Gründungsdirektor baute er 1980 gemeinsam mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das Deutsche Technikmuseum Berlin auf – damals hieß es noch Museum für Verkehr und Technik: Der Gebäudekomplex auf dem historischen Bahngelände am Gleisdreieck wurde sensibel restauriert und drei Jahre später konnte das Museum seine Pforten für die Besucher öffnen.

Für Berlin war das ein großartiges Geschenk. Das neue Technikmuseum knüpfte an die lange Tradition bedeutender technischer Museen und Sammlungen an, die bis zum II. Weltkrieg in unserer Stadt beheimatet waren.

Es ist vor allem das Verdienst des langjährigen Direktors Professor Günther Gottmann, dass dieses Haus heute zu den bedeutendsten Technikmuseen weltweit gehört. Stets engagierte er sich mit großem Elan und viel Kreativität für ‚sein‘ Museum. So entwickelte er moderne Ausstellungskonzepte, die das Technikmuseum auch für Kinder attraktiv machten. Er bemühte sich erfolgreich um einzigartige Exponate. Und als die Besucherströme immer größer wurden und das Museum aus allen Nähten zu platzen drohte, setzte er sich nachhaltig für eine Erweiterung des Museums ein.

Mit Erfolg: Im vergangenen Jahr konnten wir den Erweiterungsbau mit der neuen Schifffahrtausstellung eröffnen, die seither scharenweise begeisterte Besucher angezogen hat. Und bald wird noch eine große Luftfahrtausstellung hinzukommen.

Verehrter Herr Professor Gottmann, Sie haben Berlin eine neue Perle in seiner Museumslandschaft geschenkt. Das Deutsche Technikmuseum ist zu einem Anziehungs-punkt für die Berlinerinnen und Berliner sowie für Touristen aus aller Welt geworden.

Für Ihr außerordentliches Engagement danke ich Ihnen und ernenne Sie zum Stadtältesten von Berlin. – Und lassen Sie mich noch eines hinzufügen: Der heutige Tag ist für Sie, lieber Herr Professor Gottmann, nicht nur wegen dieser Ehrung ein besonderer Tag, sondern auch, weil Sie heute mit Ihrer Frau die silberne Hochzeit feiern. Dazu gratulieren wir Ihnen herzlich und wünschen Ihnen heute noch einen sehr schönen Tag gemeinsam mit Ihrer Frau im Kreise Ihrer Freunde. Wie ich höre, werden Sie heute Abend noch kräftig feiern… – Viel Spaß dabei!

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Ich freue mich nun, einen weiteren Berliner würdigen zu dürfen, der sich Verdienste um unsere Stadt erworben hat: Sigurd Hauff.

Schon in jungen Jahren hat sich der gebürtige Schwabe Sigurd Hauff politisch engagiert. Immer ging es ihm ganz konkret und praktisch um die Verbesserung der Lebensbedingungen für die Menschen. Und so wurde aus dem Deutsch- und Englisch-Lehrer, der in den 60er Jahren am Aufbau der ersten Gesamtschule in Neukölln mitwirkte, ein engagierter und hoch geschätzter Kommunalpolitiker. Von 1971 bis 1981 vertrat er Kreuzberg im Berliner Abgeordnetenhaus und von 1981 bis 1995 wirkte Sigurd Hauff in Spandau, zunächst als Volksbildungsstadtrat und schließlich als Bezirksbürgermeister.

Sigurd Hauff war kein Verwalter, sondern ein weit blickender Gestalter. Viele Projekte hat er angeschoben und realisiert, so zum Beispiel die Restaurierung und Etablierung des Gotischen Hauses in der Breiten Straße. Er holte immer wieder Aussteller europäischer Kultur und Geschichte nach Spandau. Er setzte sich für die Wiedereröffnung und Erweiterung des Stadtgeschichtlichen Archivs und des Stadtgeschichtlichen Museums ein, für das Kulturhaus in der Mauerstraße, für den Arbeitskreis Spandauer Künstler mit seinem Atelier im ehemaligen Grenzkontrollgebäude an der Heerstraße und so weiter und so fort.

Sigurd Hauffs Blick reichte immer über die Bezirksgrenzen Spandaus und der Stadt hinaus. Intensiv pflegte er stets die internationalen Kontakte und ein besonderes Augenmerk galt dabei der britischen Schutzmacht. Ihm ging es dabei vor allem um ein freundschaftliches Verhältnis zwischen der Bevölkerung und den britischen Streitkräften.

Mit Weitblick und großem Einsatz hat Sigurd Hauff aber auch früh an den Kontakten zu unseren östlichen Nachbarn gearbeitet. Mittel- und Osteuropa sind ihm ans Herz gewachsen. Er berät Partner in St. Petersburg, in Weißrussland und in Georgien beim Aufbau demokratischer Verwaltungsstrukturen. Und in Sigurd Hauff haben wir einen tat-kräftigen Förderer der Städtepartnerschaft Berlins mit der tschechischen Hauptstadt Prag.

Sigurd Hauff ist auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bürgermeisters ein gefragter Mann und auf vielen Feldern engagiert. Auf so vielen Gebieten, dass er seiner Frau ein Versprechen geben musste: Für jedes neue Amt gibst du ein anderes auf.

Sigurd Hauff hat sich große Verdienste um Spandau, um Berlin und um die internationalen Kontakte unserer Stadt erworben. Ich freue mich sehr, lieber Sigurd Hauff, Sie in Anerkennung Ihrer Verdienste zum Stadtältesten von Berlin ernennen zu dürfen.

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Lebenserfahrung und Weisheit – das sind Begriffe, mit denen man sorgsam umgehen sollte. Beides verkörpert eine Frau, die 1981 ein Amt antrat, das es bis dahin nicht gegeben hatte: das der Ausländerbeauftragten. Die erste Inhaberin dieses Amtes war Frau Professor Barbara John. Eine Wegbereiterin auf dem Feld der Integration.

Safter Cinar hat einmal gesagt: Ohne Frau John hätte Berlin ein paar Probleme mehr gehabt. Ich möchte es umgekehrt sagen: Barbara John hat uns, den Berlinerinnen und Berlinern die Chancen aufgezeigt, die in einem friedlichen, verständnis- und respektvollen Umgang zwischen Migranten und bereits länger ansässigen Berlinern liegen. Ich sage bewusst: länger ansässigen Berlinern, weil natürlich Zuwanderung eine Konstante in der Berliner Geschichte ist und nur ganz wenige von sich behaupten können, ihre familiären Wurzeln ausschließlich hier in Berlin zu haben.

Frau John hat früh erkannt, dass Zuwanderung etwas Dauerhaftes ist. Sie hat dazu beigetragen, dass Realitäten anerkannt und gestaltet werden statt sie zu leugnen – wie das leider in der Debatte um Einwanderung jahrzehntelang geschah. Frau John hat Vertrauen geschaffen und das friedliche Zusammenleben gefördert. Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Berlin auf dem Weg hin zu einer internationalen Stadt ist, die lernt, Vielfalt nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu begreifen.

Frau Professor John ist ihrer Leidenschaft treu geblieben, zum friedlichen Zusammenleben in Berlin beizutragen. Viele Migrantinnen und Migranten betrachten sie als eine Vertrauensperson. Sie schätzen sie als Brückenbauerin zwischen der Mehrheits-gesellschaft und den Migranten, als Partnerin, ja als Anwältin und als Freundin. Auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt der Ausländerbeauftragten engagiert sie sich für die Integration und sie kümmert sich dabei mit ganz besonderem Einsatz um das wichtige Thema Spracherwerb. Aus ihrer langjährigen Erfahrung als Ausländerbeauftragte weiß Barbara John, dass das Beherrschen der deutschen Sprache der Schlüssel zum Erfolg in dieser Gesellschaft ist und dass der Spracherwerb schon im frühen Kindesalter einsetzen muss. Da werden die Grundlagen für die Chancen im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt gelegt.

Ich möchte Ihnen, liebe Frau Professor John, sehr herzlich für diese wichtige Arbeit zum Wohle Berlins danken. Und ich freue mich, Sie heute in Anerkennung Ihrer vielfältigen Verdienste zur Stadtältesten von Berlin ernennen zu dürfen.

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Es gab vor einigen Jahren in der Berliner Landespolitik einmal ein geflügeltes Wort: Von einer ,bedeutenden Stadt im Norden‘ war da die Rede. Die wurde in vielen Bereichen als Vorbild genannt. Und als Kronzeugin diente regelmäßig Dr. Lore Maria Peschel-Gutzeit.

Diese ‚bedeutende Stadt im Norden‘ regelmäßig als Vorbild zu nennen, mag wie billiger Hamburg-Lobbyismus klingen. Bei Lore Maria Peschel-Gutzeit war es genau das Gegenteil: Sie war von 1994 bis 1997 Berliner Senatorin für Justiz; ihr ging es um das Wohl Berlins. Sie wollte ihre positiven Erfahrungen aus Hamburg für Berlin nutzbar machen. Und sie hat immer wieder dazu beigetragen, den Blick zu weiten, über den Tellerrand der Stadt hinauszuschauen und von den Erfahrungen anderer zu lernen. Das hat Berlin gut getan. Lore Maria Peschel-Gutzeit hat uns damit viele Anstöße zum Nachdenken, aber auch zum politischen Handeln gegeben.

Drei Themen bewegten und bewegen Lore Maria Peschel-Gutzeit in besonderer Weise. In der rechtspolitischen Diskussion trat sie mit vielen Vorstößen zur Gleichstellung und zum Abbau von frauendiskriminierenden Normen hervor. So hat sie sich mit viel Sachverstand, großem persönlichem Engagement und letztlich auch mit Erfolg für zahlreiche Rechts-reformen eingesetzt. Und ein Gesetz trägt in Juristenkreisen sogar ihren Namen: Als ‚Lex Peschel‘ wurde das Gesetz bekannt, demzufolge Beamtinnen und Richterinnen Teilzeit und Familienurlaub gewährt wird.

Das zweite Thema, dem sich Lore Maria Peschel-Gutzeit mit starker innerer Überzeugung und mit viel Eifer widmete, ist die innere Einheit unseres Landes. Das war ihre Maxime bei der erfolgreichen Rechtsangleichung und bei der Zusammenführung der Justiz in Berlin. Noch wichtiger ist aber: Sie – die Hamburgerin – begegnete den Berlinerinnen und Berlinern beider Teile der Stadt mit großem Respekt und mit ehrlichem Interesse. Sie ist auf sie zugegangen, hat versucht zusammenzuführen und hat sich dabei rasch großes Vertrauen erworben.

Ein drittes Thema zieht sich wie ein roter Faden durch das Wirken von Lore Maria Peschel-Gutzeit: die Gerechtigkeit gegenüber nachfolgenden Generationen. Ihr Vorschlag, das Wahlrecht mit der Geburt beginnen zu lassen und es bis zur Volljährigkeit von den Eltern ausüben zu lassen, hat Aufsehen erregt und zum Nachdenken angeregt. Vor allem hat es aber all jene ermutigt und gestärkt, die sich für eine kinder- und familienfreundlichere Gesellschaft einsetzen. Und die brauchen wir dringend!

Wenn wir heute Lore Maria Peschel-Gutzeit zur Stadtältesten von Berlin ernennen, dann vor allem aus einem Grund: Sie ist eine Frau, die einen der großen Pluspunkte Berlins verkörpert – Berlin als ein Schmelztiegel von Menschen aus allen Teilen Deutschlands, als eine Stadt, die von den unterschiedlichsten Erfahrungen profitiert, die viele fasziniert und in die Menschen kommen, die etwas bewegen wollen. Lore Maria Peschel-Gutzeit hat viel bewegt. Sie hat ihre Herkunft nie vergessen, sondern Brücken gebaut zwischen Berlin und ihrer langjährigen Wirkungsstätte in Hamburg.

Ich freue mich, liebe Lore Maria Peschel-Gutzeit, Sie heute in Anerkennung Ihrer Verdienste zur Stadtältesten von Berlin ernennen zu dürfen.

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Unabhängig zu denken und zu handeln erfordert manchmal Mut. In der DDR erforderte es viel Mut. Dr. Wolfgang Ullmann brachte diesen Mut auf. Auch gegen Widerstände hielt er an seinen Überzeugungen fest, ließ sich das Wort nicht verbieten und legte sich immer wieder mit der SED-Führung an.

Als sich unter dem Dach der evangelischen Kirche die Opposition formierte, gehörte der Theologe Dr. Wolfgang Ullmann schnell zu ihren führenden Köpfen. Seine Lehrtätigkeit als Dozent für Kirchengeschichte am Sprachenkonvikt in Ost-Berlin nutzte er auch, um seine Studenten offen über seine Sicht auf die politischen Verhältnisse zu informieren. Und er hielt auch nicht still, als die zweifelhaften Ergebnisse der DDR-Kommunalwahlen vom Mai 1989 präsentiert wurden: Dr. Wolfgang Ullmann setzte sich mutig für eine Aufklärung der Wahlfälschungen ein.

Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse. Im Wende-Herbst von 1989 wird Dr. Wolfgang Ullmann zu einem der wichtigsten Protagonisten der friedlichen Revolution: Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Bürgerbewegung ‚Demokratie Jetzt‘. Er geht in die Gethsemane-Kirche und spricht den Menschen Mut zu, als die Situation dort zu eskalieren droht. Und er gehört schließlich zu den Mitinitiatoren des Zentralen Runden Tisches in Berlin, der die ersten freien Wahlen vorbereitet und die demokratischen Umwälzungen in der DDR begleitet hat. Ein besonderes Anliegen, für das sich Dr. Wolfgang Ullmann am Runden Tisch und dann auch als Minister in der DDR-Übergangsregierung einsetzt, ist die vollständige Auflösung der Staatssicherheit.

Wir haben es couragierten Persönlichkeiten wie Dr. Wolfgang Ullmann zu verdanken, dass die Teilung unserer Stadt überwunden werden konnte. Die friedliche Revolution in der DDR ist nicht denkbar ohne Frauen und Männer vom Schlage Wolfgang Ullmanns, die sich von den Verhältnissen nicht beirren ließen, über Jahrzehnte hinweg an der Vision einer demokratischen und freien Gesellschaft festhielten und damit den Weg bereiteten für die Umwälzungen des Herbstes 1989.

Gelegentlich hört man das Wort von den ‚ehemaligen Bürgerrechtlern der DDR‘. Bei Dr. Wolfgang Ullmann gibt es kein ‚ehemalig‘. Er ist ein Bürger, der selbstverständlich seine Rechte wahrnimmt und sich einmischt – unabhängig vom politischen System, ob als Mitglied des Bundestages, später als Europaparlamentarier oder eben als Bürger ohne Amt und Mandat. Dr. Wolfgang Ullmann hat eine Stimme, auf die man hört. Seine Geradlinigkeit und Aufrichtigkeit verdienen unsere Anerkennung und unseren Respekt.

Berlin sagt Ihnen, verehrter Herr Dr. Ullmann, Dank. In Anerkennung Ihrer Verdienste ernennen wir Sie zum Stadtältesten von Berlin.“

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