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WOWEREIT-REDE AUS ANLASS DES 10. JAHRESTAGS DES ALLIIERTEN-ABZUGS

Pressemitteilung vom 09.09.2004

Sperrfrist: 19.30 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, spricht heute in der American Academy ein Grußwort zum 10. Jahrestag des Abzugs der Einheiten der westlichen Alliierten aus Berlin. Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin veröffentlicht den Text auf Grundlage des Redemanuskripts.

Der Regierende Bürgermeister: “In diesem Jahr jährt sich der Abzug der Alliierten Truppen aus Berlin zum zehnten Mal. Und wenn wir uns an die Zeit erinnern, als die französischen, britischen und amerikanischen Soldaten in unserer Stadt waren, dann tun wir das voll Dankbarkeit, aber auch mit ein bisschen Wehmut. Fast ein halbes Jahrhundert haben Amerikaner, Franzosen und Engländer Berlins Freiheit und Sicherheit garantiert. Viele anrührende, mitunter auch dramatische Bilder sind uns in Erinnerung geblieben.

Damals lag Berlin in Trümmern. Die Menschen waren zermürbt und ohne Hoffnung. Viele hatten alles verloren. Und immer mehr Flüchtlinge aus dem Osten strömten nach Berlin. Damals haben die Alliierten geholfen, wo sie konnten. Sie haben den Berlinerinnen und Berlinern neue Zuversicht und später auch Lebensfreude vermittelt. Oder denken wir an die Luftbrücke, als die ‘Rosinenbomber’ den abgeriegelten Westteil der Stadt aus der Luft versorgten. Das war die Geburtsstunde der Wertegemeinschaft, die uns bis heute mit unseren alliierten Freunden verbindet.

Nicht nur die Versorgung Berlins aus der Luft war eine logistische Meisterleistung. Was uns in der Rückschau besonders beeindruckt ist: Das war ein militärischer Einsatz, der mit friedlichen Mitteln ein humanitäres und politisches Ziel erreichte. Eben darin liegt das Vermächtnis der Alliierten in Berlin: Ihre militärische Präsenz sorgte für die Sicherheit und Unantastbarkeit dieser Stadt. Und zugleich war sie dem Aufbau der Zivilgesellschaft nach zwölf Jahren Nazi-Herrschaft verpflichtet. Die Anwesenheit der westlichen Siegermächte in Berlin hatte für die Menschen etwas durch und durch Befreiendes. Während im Ostteil schon bald Unfreiheit und Unterdrückung in neuem Gewand fortgeschrieben wurden.

Das war neu für die Berlinerinnen und Berliner: Nach den Jahren des aggressiven Säbelrasselns, des Kanonendonners und Bombenhagels hatte das Militär plötzlich eine Schutzfunktion. Die Alliierten waren dazu da, die Freiheit zu sichern und Krieg zu verhindern, nicht um Krieg zu führen. Und ich denke, das war eine Erfahrung, die alle Berlinerinnen und Berliner teilten. Auch im Ostteil der Stadt gab es große Sympathien mit den westlichen Alliierten. Denn ihre Präsenz war auch in den Augen vieler Ost-Berliner ein Garant für eine mögliche Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit. Ohne die jahrzehntelange Präsenz amerikanischer, französischer und britischer Truppen wären Freiheit und Demokratie im Westteil der Stadt nicht zu retten gewesen. Und ohne ein freies und demokratisches West-Berlin wäre die Wiedervereinigung beider Stadthälften in Frieden und Freiheit nicht denkbar gewesen.

Hervorheben möchte ich an dieser Stelle auch den Beitrag der sowjetischen Führung unter Michail Gorbatschow für den friedlichen Fall des Eisernen Vorhangs: Glasnost und Perestroika haben die Menschen im Ostteil Berlins bewegt und ermutigt, im Herbst 1989 für ihre Bürgerrechte auf die Straße zu gehen. Deshalb war mit der Wiedererlangung der Einheit die historische Mission der Alliierten in Berlin beendet. Gestern vor zehn Jahren, am 8. September 1994, fand auf dem Platz der Luftbrücke die zentrale Abschiedsveranstaltung der alliierten Streitkräfte statt. Mit dabei waren der damalige französische Staatspräsident Mitterrand, Englands Premier-Minister John Major, der amerikanische Außenminister Christopher und Bundeskanzler Kohl. Anschließend gab es eine Gedenkstunde im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Und zum Abschluss einen Großen Zapfenstreich auf dem Pariser Platz. Jeder, der dabei war, wird diesen Tag nie vergessen.

Heute, zehn Jahre später, sind wir in der American Academy zusammengekommen, um gemeinsam des Abschieds der Alliierten aus Berlin zu gedenken. Die America Academy ist einer der vielen Orte in Berlin, an dem die deutsch-amerikanische Freundschaft weiter gepflegt wird. Und sie ist zugleich mehr als das. Die American Academy wurde vor zehn Jahren auf Initiative des damaligen amerikanischen Botschafters Richard Holbrooke und des deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in Berlin gegründet. Hier sollte der deutsch-amerikanische Dialog weitergeführt werden. Und so ist es auch gekommen. Dieses Haus hat sich – auch Dank des Einsatzes der Familie Kellen und vieler anderer – zu einem intellektuellen Fixstern in Berlin entwickelt. Und ich bin froh feststellen zu können, dass dies nicht die einzige Einrichtung ist, in welcher der freundschaftliche Austausch zwischen Berlin und seinen einstigen Schutzmächten gepflegt wird. Es gibt zahllose Initiativen, vor allem im Bereich des Jugend- und Kulturaustauschs. Sie beweisen, dass die Freundschaft mit unseren ehemaligen Schutzmächten auf einem festen Fundament steht.

Es ist wichtig, das feststellen zu können, da sich übermorgen der 11. September zum dritten Mal jährt. Nach den Anschlägen gab es in dieser Stadt eine große Welle der Solidarität mit Amerika. Das ist eine Sympathie, die auch den offenen, kritischen Dialog einschließt. Mögen die Meinungen über den Krieg im Irak auch zwischen vielen Deutschen und Amerikanern auseinander gehen, so sind wir doch in einem wesentlichen Punkt einig: Gerade aus unserer historischen Erfahrung in Berlin konnten und können wir nachempfinden, was es bedeutet, sich auf eine Schutzmacht verlassen zu können, die sich für die Demokratie und die Menschenwürde einsetzt. Und wir können nur alle hoffen und wünschen, dass es gelingt, dies auch den Menschen im Irak glaubwürdig zu vermitteln.

Berlin ist dankbar für die tiefe Freundschaft zu Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Diese Freundschaft wird fortleben.”
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