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WOWEREIT VERABSCHIEDETE BERLINER HANDWERKS-FÜHRUNG

Pressemitteilung vom 29.04.2003

Sperrfrist 14.30 Uhr.
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat anlässlich der Verabschiedung des Handwerkskammerpräsidenten Hans-Dieter Blaese und des Hauptgeschäftsführers Bernd Babel am 29. April 2003 in der Heilig-Kreuz-Kirche eine Abschiedsrede gehalten.

In dieser Rede sagte Wowereit u.a.: “Ich bin gekommen, um dem scheidenden Präsidenten und dem Hauptgeschäftsführer Dank zu sagen. Dank vor allem für drei Dinge: Sie waren engagierte und überzeugende Anwälte und Sachwalter des Berliner Handwerks. Sie haben es als eine Ihrer vorrangigen Aufgaben angesehen und sich unermüdlich dafür eingesetzt, jungen Menschen einen Weg in Ausbildung und Beruf zu weisen. Und Sie haben in zahlreichen Gremien mitgewirkt, als Ratgeber und kritische Begleiter der Politik, und Sie haben dabei dem Wirtschaftsstandort Berlin wichtige Impulse gegeben.

Fast ein Vierteljahrhundert standen Sie, verehrter Herr Blaese, an der Spitze der Berliner Handwerkskammer. Seit 1980 haben Sie dem Berliner Handwerk Gesicht und Stimme verliehen. Das Berliner Handwerk konnte sich stets auf Sie verlassen, denn aus all Ihrem Wirken spürte man, woher Sie kommen, dass Sie selbst ein Mann des Handwerks sind – von der Pieke auf und mit Leidenschaft für den eigenen Beruf und das eigene Unternehmen.

Ihre Sorge und Ihr voller Einsatz galten stets den Interessen der Berliner Handwerker und ihrer Betriebe. Für die Politik waren Sie kein einfacher, aber immer ein fairer Partner. Auch wenn die Kritik am Senat zuweilen heftig ausfiel. Die Heftigkeit Ihrer Kritik hat allerdings Gründe, das wissen wir alle und es sind gute Gründe. Denn das Handwerk leidet seit Jahren unter drei zentralen Problemen unseres Landes: der schwachen Konjunktur, der geringen Verbrauchernachfrage und der hohen Arbeitslosigkeit. Hinzu kommt, dass die öffentlichen Investitionen in den vergangenen Jahren stark verringert wurden und das ganz besonders in Berlin.

Hinzu kommt in Berlin, dass mit der Deindustrialisierung auch die Aufträge für die Zulieferer verschwanden. Der Hauptstadtumzug brachte nicht die erhoffte Entlastung, weil die Arbeiten zum größten Teil über Subunternehmen von Handwerkern aus dem Ausland erledigt wurden. Und die Krise der Bauwirtschaft – von der zwei Drittel der Betriebe abhängen – hat die Krise des Handwerks noch weiter verschärft. Die Schwarzarbeit ist zu einer Existenzbedrohung für viele Betriebe geworden.

Was ist zu tun, um allmählich aus dem Tal herauszukommen? Was muss geschehen, damit es zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lage im Handwerk kommen kann? Ich glaube, niemand hat dafür Patentrezepte. Und niemand sollte erwarten, dass sich das Blatt von einem Tag auf den anderen wenden ließe. Aber es gibt eine Reihe von Maßnahmen, die notwendig sind und die Kunst der Politik wird es sein, das Notwendige machbar zu machen.

Eine absolute Notwendigkeit liegt in der Veränderung der Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln in Deutschland. Der Faktor Arbeit muss spürbar entlastet werden. Wir brauchen eine Dämpfung der Steuer- und Abgabenbelastung, wo sie faktisch Arbeitsplätze gefährdet und die Schaffung neuer Jobs behindert. Und wir müssen die öffentlichen Haushalte mittelfristig wieder in die Lage versetzen zu investieren. Das ist der Kern dessen, was in den nächsten Jahren auf der Tagesordnung steht. Keine politische Kraft wird sich diesen existenziellen Fragen entziehen können.

Die gegenwärtig diskutierten Reformen gehen in diese Richtung. Sie sollen eine Senkung der Lohnzusatzkosten bewirken. Und ich hoffe, dass nach der Phase der Diskussionen bald die Phase der Entscheidung und der kraftvollen Umsetzung folgt. Die Reformen versprechen zwar keine sofortige Therapie, aber die Heilung könnte beginnen. Und darauf kommt es jetzt an. Mein Wunsch ist es, dass die geplanten Veränderungen auf der Bundesebene möglichst bald auch im Berliner Handwerk spürbar werden. Zugleich ist völlig klar: Das Land Berlin wird auf mittlere Frist seine Investitionen und damit das Volumen an Aufträgen für das Berliner Handwerk nicht erhöhen können.

Das kann man beklagen. Ändern wird man es nicht können, wenn das Land nicht noch weiter in die Schuldenfalle rutschen soll. Und das kann niemand ernsthaft wünschen. Die Folge wäre: Nicht nur heute würden die galoppierenden Zinszahlungen unsere Handlungsfähigkeit beschränken, auch unsere Kinder hätten keine Chance mehr, auf einen handlungsfähigen Staat zu setzen.

Mehr Aufträge können wir als Senat in der momentanen Haushaltslage nicht erteilen. Aber wir können zu einer Verbesserung der Rahmenbedingungen beitragen. Wir haben mit der Vereinfachung und Bündelung unserer Wirtschaftsförderungsaktivitäten begonnen (Stichwort: One Stop Agency) und wir werden insbesondere das Handwerk von Bürokratie entlasten, indem wir Genehmigungen erleichtern und den Betrieben Behördengänge ersparen.

Verehrter Herr Blaese, Sie haben in dem knappen Vierteljahrhundert Ihrer Amtszeit beharrlich, konsequent und mit viel Herzblut die Geschicke der Handwerkskammer gelenkt. Sie waren ein glaubwürdiger Anwalt der Berliner Handwerkerschaft, der immer sachbezogen, wenn es notwendig war, aber auch in der Sache hart auftreten konnte. Wer mit Ihnen zu tun hatte, weiß Ihre Geradlinigkeit zu schätzen.

Eine wichtige Stütze war für Sie über die vielen Jahre Ihrer Präsidentschaft Ihr langjähriger Hauptgeschäftsführer Bernd Babel, dessen Abschied ebenfalls heute ansteht. Bernd Babel hat sich über die Jahrzehnte seines Wirkens in der Handwerkskammer den Ruf eines exzellenten Kenners des Berliner Handwerks erworben. Mitarbeiter schätzen an ihm seine überaus menschliche Art und eine Gabe, die gerade im hektischen Berufsalltag so wichtig ist – zuzuhören und den kompetenten Rat der Kollegen in die Entscheidungen mit einzubeziehen.

Ich danke Ihnen beiden, verehrte Herren Blaese und Babel, im Namen des Senats für Ihren unermüdlichen Einsatz.

Mit jedem Arbeitsplatz, den Sie retten halfen, haben Sie einem Menschen und meistens auch seiner ganzen Familie geholfen. Und mit jedem Jugendlichen, der durch Ihr Werben in den Betrieben eine Lehrstelle gefunden hat, haben Sie einem jungen Menschen eine Perspektive für sein Leben eröffnet.

Das ist eine Gewissheit, die Ihnen trotz all der aktuellen Probleme im Berliner Handwerk bleibt und an die sich jeder Einzelne, der Ihre Hilfe und Unterstützung erfuhr, dankbar erinnern wird.

Sie übergeben jetzt den Staffelstab an Ihre beiden Nachfolger. Die Handwerkskammer hat gestern Herrn Stephan Schwarz zu ihrem neuen Präsidenten gewählt und damit ein deutliches Zeichen für einen Generationenwechsel gesetzt. Und Herr Thomas Dohmen tritt als Hauptgeschäftsführer die Nachfolge von Herrn Babel an.

Wir alle wissen, dass ein junges Alter noch keine Garantie für ein frisches, kreatives und mutiges Herangehen ist. Aber mit Herrn Schwarz tritt ein Mann aus dem Gebäudereinigerhandwerk an, der es versteht, sein Unternehmen umsichtig und innovativ zu führen und der sozialen Ausgleich und Dialog mit den Mitarbeitern nicht als Hindernis, sondern als Voraussetzung für ein erfolgreiches Miteinander im Betrieb ansieht.

Ich wünsche Ihnen beiden, die Sie die Führungsverantwortung für die Handwerkskammer übernehmen, viel Erfolg bei der Wahrnehmung dieser neuen Aufgabe. Sie übernehmen die Führung der Berliner Handwerkskammer in einer schwierigen Zeit, aber ich bin sicher: Sie werden in dieser Herausforderung eine Chance sehen und die Aufgaben mit der Unterstützung Ihrer Mitgliedschaft entschlossen angehen.

Ihnen, Herr Blaese, wünsche ich viel Erfolg für Ihren Betrieb, zugleich aber auch persönliches Wohlergehen und etwas mehr Zeit für Ihre Familie, für die Kinder und Enkel.

Und Ihnen, Herr Babel, wünsche ich einen guten Start in den verdienten Ruhestand, gute Gesundheit und viele Ideen für die Zeit nach dem Beruf, vor allem aber viel Freude an deren Realisierung.”

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