WOLF: ERINNERUNG AN DEN WIDERSTAND WACH HALTEN

Pressemitteilung vom 18.07.2003

Sperrfrist: 19. Juli 2003, 18.00 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Bürgermeister von Berlin und Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen, Harald Wolf, führt in Vertretung des Regierenden Bürgermeisters anlässlich des Senatsempfangs zum Gedenken an den 20. Juli 1944 am 19. Juli 2003 im Louise-Schroeder-Saal des Berliner Rathauses laut Redemanuskript unter anderem aus:

„Ich heiße Sie im Namen des Regierenden Bürgermeisters und des Senats von Berlin sehr herzlich willkommen hier im Roten Rathaus.

Morgen begehen wir den 59. Jahrestag des 20. Juli 1944. Im Mittelpunkt des Tages steht das Gedenken an jene mutigen Frauen und Männer, die Widerstand leisteten gegen das menschenverachtende System des Nationalsozialismus. Wir haben Sie hierher ins Rote Rathaus eingeladen, weil wir um die große moralische und politische Bedeutung des Widerstandes vor rund 60 Jahren wissen und uns zugleich darüber im Klaren sind, dass aktiver Widerstand immer mit immensen persönlichen Opfern und menschlichem Leid verbunden ist. Und weil uns bewusst ist, dass Sie, die Hinterbliebenen und Weggefährten, es sind, die in aller erster Linie diese Last zu tragen haben.

Auch heute, 59 Jahre später, wollen und dürfen wir den 20. Juli 1944 nicht dem Vergessen anheim fallen lassen.

Die Frauen und Männer des 20. Juli haben weit mehr als einen gescheiterten Umsturzversuch vollbracht. Sie haben schon damals gezeigt, dass es im Schatten der Diktatur ein anderes, ein besseres Deutschland gab. Und sie erinnern uns bis heute daran, dass Geschichte auch von einer kleineren Gruppe von Menschen beeinflusst werden kann:
Unvorstellbar, welches Leid zu verhindern gewesen wäre, wenn die Verschwörer des 20. Juli Erfolg gehabt hätten. Joachim Fest hat in seinem Buch ‚Staatsstreich‘ zusammengetragen, wie viele Menschen zwischen dem 21. Juli 1944 und Kriegsende zu Tode gekommen sind und wie viele Städte erst in dieser Zeit zerstört wurden. Allein 4,8 Millionen Menschen deutscher Staatsangehörigkeit verloren in diesem Zeitraum ihr Leben.

Und vergessen wir nicht: Wäre der 20. Juli erfolgreich verlaufen, dann wäre auch die planmäßige Vernichtung der Juden, dieses beispiellose Verbrechen gegen die Menschlichkeit, beendet gewesen. Millionen Juden hätten aus den KZs befreit werden können, bevor sie der Vernichtungsmaschinerie anheim fielen.

Wenn wir die Frauen und Männer des 20. Juli ehren, so ist uns dabei bewusst, dass sie nicht die einzigen waren, die gegen die faschistische Diktatur opponierten. Ein Aufbegehren gegen den NS-Staat zeigte sich in allen Schichten und in den unterschiedlichsten Facetten: Widerstand gegen Hitler leisteten Familien, die Juden bei sich versteckten, leistete der Einzelattentäter Georg Elser, leisteten Gewerkschaftsvertreter, Sozialdemokraten, Kommunisten, leisteten die Studenten der ‚Weißen Rose‘ und viele andere.

Das haben wir nicht vergessen. Es ist unsere Verantwortung, die Erinnerung an den Widerstand wach zu halten. Wir gedenken mit den Opfern des 20. Juli stellvertretend auch all jenen, die – in welcher Form auch immer – aufbegehrt haben. Viele von ihnen sind ohne Namen geblieben. Unser Respekt aber gilt ihnen gleichermaßen.

Und doch war es wohl vor allem jener 20. Juli 1944, der den deutschen Widerstand gegen Hitler ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit rückte. Vielleicht hat es dieser offene Aufstand dem Ausland später auch erleichtert, nach 1945 überhaupt wieder zu einer Versöhnung mit Deutschland zu finden.

In der Bewertung dieses Tages kommt hinzu, dass es den Frauen und Männern des 20. Juli nicht um Macht ging, wie so oft bei anderen Putschversuchen. Es war allein die Macht des Gewissens, die sie zu jener Tat trieb. Sie haben uns damit ein Vermächtnis hinterlassen, dem wir uns noch heute verpflichtet fühlen.

In der Vergangenheit ist das mit dem morgigen Datum verknüpfte Gedenken gelegentlich kritisiert worden. Es hieß, wir wollen damit vergessen machen, dass die Mehrheit der Deutschen eben keinen Widerstand geleistet, sondern sich aus Überzeugung, Gehorsam oder Angst gefügt hat.

Dabei geht es nicht um Vergessen – im Gegenteil, es geht um Erinnern: Wir wissen, dass es wenige waren, die passiv oder aktiv opponierten – einige Tausend vermutlich von 80 Millionen. Indem wir an die Opfer des 20. Juli erinnern, erinnern wir auch daran, welche Schatten die NS-Diktatur über dieses Land gelegt hat. Indem wir dem Mut dieser Frauen und Männer Respekt zollen, zeigen wir auch, welches Vermächtnis wir mit diesem Tag verbinden: Die Verpflichtung nämlich niemals mehr staatliche Gewaltherrschaft, Totalitarismus und Unrecht zuzulassen.

Meine Damen und Herren, das Vermächtnis der Opfer des 20. Juli auch an kommende Generationen weiterzugeben, ist unser aller Pflicht. Viele von Ihnen engagieren sich für diese Aufgabe. Dafür danke ich Ihnen herzlich und ich freue mich sehr, dass Sie alle unserer Einladung zu dem Empfang gefolgt sind.

Ich wünsche Ihnen interessante Begegnungen und Gespräche und heiße Sie nochmals herzlich willkommen im Roten Rathaus.“ – - – - -

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