WOLF: WIDERSTAND GEGEN DIKTATUR UND UNTERDRÜCKUNG IST NIEMALS UMSONST

Pressemitteilung vom 18.07.2003

Sperrfrist: 20. Juli 2003, 15.30 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Bürgermeister von Berlin und Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen, Harald Wolf, führt in seiner Rede in Vertretung des Regierenden Bürgermeisters zur Feierstunde in der Gedenkstätte Plötzensee anlässlich des 59. Jahrestages des Attentats- und Umsturzversuchs gegen Hitler am 20. Juli 2003 unter anderem aus:

„Wir sind heute zusammengekommen, um der tapferen Frauen und Männer zu gedenken, die sich der nationalsozialistischen Diktatur widersetzt haben und dafür mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Wir tun dies an jenem Tag, der für das tragische Scheitern einer der kühnsten Widerstandshandlungen steht: nämlich das Attentat Claus Schenk Graf von Stauffenbergs und seiner Mitverschwörer auf Hitler in der Wolfsschanze.

Wir wissen heute, wie fürchterlich die Folgen waren: Nicht nur sind die Verschwörer vom 20. Juli ermordet, ihre Familien bedroht und in Sippenhaft genommen worden. Auch wütete der Krieg in den Monaten danach noch fürchterlicher und brachte Millionen von Menschen – Männern, Frauen und Kindern – den Tod.

So weit wäre es nicht mehr gekommen, wenn die Bombe Hitler getötet hätte und der Umsturz geglückt wäre. Darin liegt die Tragik des 20. Juli.

Und doch erkennen wir im Abstand von fast sechs Jahrzehnten, dass der 20. Juli nicht vergeblich war. Im totalitären NS-Staat folgten die Verschwörer um Stauffenberg und Generaloberst Ludwig Beck nicht dem ‚Führer‘, sondern ihrem Gewissen. Was umso schwerer wiegt, als sich die überwältigende Mehrheit der deutschen Offiziere trotz großer Bedenken gehorsam Hitlers mörderischem Plan unterwarf.

Die Offiziere des 20. Juli brachen in beispielloser Weise mit der überlieferten Verpflichtung zum Kadavergehorsam. In einer Zeit, da die Barbarei zur Normalität geworden war und einfache Männer zu Mördern wurden, ließen sie sich von fortschrittlichen preußischen Traditionen leiten: Zivilcourage, Humanität, Verantwortungsbewusstsein.

89 der Verschwörer vom 20. Juli sind hier in Plötzensee ermordet worden – darunter führende Köpfe wie Carl Goerdeler, Ulrich von Hassel, Julius Leber, Carl Heinrich von Stülpnagel, Helmuth James Graf von Moltke, Friedrich-Werner Graf von der Schulenburg, Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, Adam von Trott zu Solz, Peter Graf Yorck von Wartenburg und andere.

Zuvor waren hier bereits Mitglieder der Widerstandsbewegung ‚Rote Kapelle‘ um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen sowie sozialdemokratische, kommunistische und christliche Widerstandskämpfer ermordet worden.

Das ist die deutsche Dimension des Widerstandes gegen Hitler.

Hier in Plötzensee gedenken wir aber auch des europäischen Widerstandes gegen die Nazi-Diktatur. Rund die Hälfte der fast 3.000 in Plötzensee ermordeten Menschen waren keine Deutschen. Sie kamen aus Frankreich, der Tschechoslowakei, Polen, der Sowjetunion. Manche waren als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt worden. Viele gehörten Widerstandsorganisationen an.

Eine dieser Widerstandsorganisationen nannte sich ‚Europäische Union‘. In ihr sammelten sich Angehörige verschiedener Nationen, die eine demokratische und sozialistische Nachkriegsordnung anstrebten. Ihr Kampf endete nicht am 8. Mai 1945 mit dem Untergang des nationalsozialistischen Deutschland.

Ihr Kampf konnte nicht enden, denn die Befreiung von der Nazi-Diktatur bedeutete für Ostdeutschland und die Völker Ost-Mitteleuropas keineswegs das Ende der Unfreiheit.

Und einer der führenden Köpfe der ‚Europäischen Union‘ wurde zum führenden Oppositionellen in der DDR: Ich spreche von Robert Havemann. Er war kein Einzelfall. Viele, die Hitler die Stirn geboten haben, wurden später wieder eingekerkert, weil sie Stalin und seinen Helfershelfern die Stirn boten.

Nicht immer verliefen die Widerstandskarrieren kontinuierlich. Robert Havemann zählte zu jenen, die den SED-Staat zunächst für das bessere Deutschland hielten, das seine Lektion aus der Geschichte gelernt habe. Sie mussten erfahren, dass sie getäuscht wurden und sich täuschen ließen. Nicht alle haben daraus dieselbe Konsequenz gezogen wie Robert Havemann, der gegen Ulbricht und Honecker mit derselben Entschlossenheit opponierte wie zuvor gegen Hitler.

Robert Havemann steht für gelebte Überzeugungen und für die Pflicht eines mündigen Individuums, die eigenen Überzeugungen immer wieder zu überprüfen. Das verbindet ihn mit den Männern und Frauen des 20. Juli und vielen anderen, die Widerstand gegen Hitler und andere Diktatoren geleistet haben.

Auch ihrer wollen wir heute gedenken. Ihr Widerstand gegen Diktatur und Unterdrückung war mit großen Opfern verbunden. Aber er war nicht umsonst. Ohne den Einsatz dieser tapferen Männer und Frauen wäre das Zusammenleben der Völker Europas in Frieden und Freiheit nicht möglich gewesen.

Der Weg dorthin führte vom 20. Juli 1944 über den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR, den ungarischen Aufstand von 1956, den ‚Prager Frühling‘ von 1968 und die polnischen Arbeiteraufstände der frühen 80er Jahre bis zum November 1989.

Am 20. Juli 1944 waren es nur wenige, die sich widersetzten. Im Herbst 1989 gingen Millionen für Recht und Freiheit auf die Straße.

Wir können daraus lernen, dass Widerstand gegen Diktatur und Unterdrückung niemals umsonst ist – nicht einmal in scheinbar aussichtsloser Lage. Gewiss: Die Sehnsucht der Menschen nach Frieden und Freiheit nimmt manchmal tragische Umwege. Aber sie hat in Europa zum Ziel geführt.

Zu erkennen, dass der Einsatz für diese Werte Voraussetzung für eine gerechte, demokratische und solidarische Gesellschaft ist – darin liegt der Sinn des Gedenkens. Und darin liegt das Vermächtnis der Männer und Frauen vom 20. Juli sowie aller anderen, die sich Diktaturen widersetzen.

Die Frauen und Männer des Widerstandes sind zu geistigen Wegbereitern unserer Republik geworden. Aus dem Widerstand gegen ein System, das Menschlichkeit ausschloss, ist das moralische Fundament eines Staates geworden, der die Würde des Menschen zum Bezugspunkt allen staatlichen Handelns macht.

Deshalb ist es richtig und bleibt es richtig, dass wir auch knapp 60 Jahre danach noch an den 20. Juli erinnern. In diesem Sinne verneigen wir uns vor den aufrechten und mutigen Frauen und Männern des Widerstandes.“ – - – - -

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