SCHMITZ: BERLIN SAGT SEINEM GROSSEN FLANEUR HEINZ KNOBLOCH ADIEU

Pressemitteilung vom 07.08.2003

Sperrfrist 11 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Auf Wunsch seiner Familie fand am 7. August 2003 um 11 Uhr im Großen Saal des Roten Rathauses die Trauerfeier für den am 24. Juli 2003 verstorbenen Berliner Feuilletonisten und Schriftsteller Heinz Knobloch statt. Der Chef der Senatskanzlei, Staatssekretär André Schmitz, hielt eine der Traueransprachen.

Schmitz sagte u.a.: “Mit Heinz Knobloch verliert Berlin seinen letzten großen literarischen Flaneur. Berlin sagt Adieu und Danke. Wie viele bedeutende Berliner war auch Heinz Knobloch ein Zugereister, 1926 in Dresden geboren. Mit neun Jahren kam er nach Berlin und wurde einer der begnadetsten Spurenleser in dieser von den wechselvollen Epochen Deutscher Geschichte verwüsteten Großstadt. An den Kleinigkeiten des alltäglichen Lebens erkannte er die großen Zusammenhänge und hat sie uns hinreißend und immer einfühlsam geschildert.

Seine über 50 Bücher, seine mehr als 1600 Feuilleton-Beiträge schlugen oft von kleinen Gegenständen am Wegesrand den großen Bogen zur Weltgeschichte. Dieser herrliche Spaziergänger, der nach dem Vergessenen suchte, wurde zu einem der besten Kenner der Berliner Geschichte.

Er war ein Wahrheitssuchender, unabhängig von jedwedem politischen System, in dem er lebte. Er arbeitete subtil mit Andeutungen zwischen den Zeilen wie kaum ein zweiter. In seinem charmant-verschmitzten Stil verschmolz die Berliner Schnauze auf unnachahmliche Weise mit der Herzlichkeit seines sächsischen Mutterwitzes.

Er war ein Entdecker, ein manisch Neugieriger. Schon zu Lebzeiten als historischer Feuilletonist zur Legende geworden, und dies nicht nur im Ostteil unserer Stadt. Sein feuilletonistisches Naturell zog sich wie ein roter Faden durch sein literarisches Leben. Seine charmante, freundliche, nie verletzende Ironie hat ihm auch zu DDR-Zeiten geholfen, Dinge zu sagen und zu schreiben, die den Menschen in der DDR aus dem Herzen gesprochen waren. Seine Kunst im Abseitigen und Entlegenen das große Ganze zu finden, war ein durchaus subversives Verfahren in einer Diktatur. Der traute sich was! Seine Leser haben ihn dafür geliebt.

Zahlreiche Ehrungen wurden ihm zuteil, darunter der Heinrich-Heine-Preis 1965, der Goethe-Preis der Stadt Berlin 1979, der Lion-Feuchtwanger-Preis 1986: im selben Jahr erhielt er auch den Nationalpreis der DDR. Nach der Wende erhielt er neben dem Berliner Landesorden 1994 zusammen mit Inge Deutschkron den Moses-Mendelssohn-Preis der Stadt Berlin. Angemessen für den Autor des Werkes ‚Herr Moses in Berlin‘, welches den Untertitel trug ‚Auf den Spuren eines Menschenfreundes‘. Dieser Untertitel gilt sicherlich auch für den Autor selbst. Es ist mein liebstes Buch, ein wie der Tagesspiegel in seinem Nachruf schrieb, ‚leidenschaftliches Bekenntnis zu dem jüdischen Philosophen und Freund Lessings, ein grandioser Versuch, Literaturgeschichte zu verwandeln in Menschengeschichte‘.

Sicherlich auch ein mutiges Buch zu seiner Zeit, 1979 in einem Lande geschrieben, das zwar offiziell den Antifaschismus predigte, aber in seiner Politik gegenüber dem Staate Israel durchaus offensichtlich ein Problem mit der jüdischen Kultur hatte. Der jüdischen Spurensuche blieb er auch weiterhin treu.

Und auch mit anderen Themen eckte er an. Etwa mit dem literarischen Großfeuilleton ‘Meine liebste Mathilde’ (1985) über Rosa Luxemburgs Sekretärin und Vertraute Mathilde Jacobs. Noch so ein heikles Thema. Denn Mathilde Jacob war die Gefährtin des 1921 aus der KPD ausgeschlossenen und zur SPD zurückkehrenden Paul Levi. Entsprechend lange ließ die Druckgenehmigung auf sich warten.

Häufig wird Heinz Knobloch gefragt, ob er sich in der DDR als Widerständler oder wenigstens als Nischenbewohner gefühlt habe. Darauf antwortet er gewöhnlich: ‘Ich hatte einen Erker, aus dem ich mich herauslehnen konnte.’ Oder: ‘Mein Leben fand zwischen den Zeilen statt.’ So spricht jemand, dem das Leben zur Kunst wurde und die Kunst zum Leben. Unangepasst ist Heinz Knobloch geblieben.

55 Jahre lang lebte und arbeitete Heinz Knobloch in und für Berlin. Untrennbar ist sein Werk mit Berlin verbunden, jener Stadt, der er als Schriftsteller mehr als ein Denkmal setzte. Berlin sagt Danke.”

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