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SCHUBERT: BESUCH JÜDISCHER EMIGRANTEN IST EIN VERTRAUENSBEWEIS

Pressemitteilung vom 20.08.2003

Sperrfrist: 12.15 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort!

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Die Bürgermeisterin von Berlin, Karin Schubert, hat heute anlässlich des Empfangs für eine Gruppe jüdischer Emigranten im Roten Rathaus eine Rede gehalten.
Bürgermeisterin Schubert sagte u.a.: “Ich freue mich sehr, Sie heute im Berliner Rathaus begrüßen zu können und ich möchte Ihnen gleich zu Beginn, auch im Namen des Regierenden Bürgermeisters, ein herzliches Willkommen in Berlin zurufen (…) Sie sind besondere Gäste. Ihr Kommen ist etwas anderes als eine im Reisebüro gebuchte Städtetour. Wir wissen sehr wohl: Sie sind in eine Stadt gekommen, mit der Sie und Ihre Familien schlimme Erinnerungen verbinden. Sie selbst oder Ihre Vorfahren wurden während der Nazizeit aus Berlin vertrieben. Sie wurden entwurzelt und mussten ein neues Leben in der Fremde beginnen. Und sie kommen nun an den Ort zurück, an dem Ihnen dieses unendliche Leid, diese Demütigung und diese Verfolgung widerfuhr, die Sie ins Exil trieb.
Ihr Kommen ist daher – jedenfalls aus unserer Berliner Sicht – ein Vertrauensbeweis, ein Beweis für Ihr Vertrauen in die deutsche Demokratie und in die Entwicklung Berlins. Und deswegen sage ich Ihnen nicht nur herzlich willkommen, sondern auch sehr herzlich: Dankeschön.
Wir möchten Ihnen mit der Einladung nach Berlin Gelegenheit geben, auf Spurensuche zu gehen, sich die Stadt wieder neu anzueignen, oft sehr persönlichen Erinnerungen oder Erzählungen Ihrer Eltern, Verwandten und Freunde nachzugehen. Wir können nur ahnen, was es für Sie, für jeden Einzelnen von Ihnen bedeutet, in eine Stadt zu kommen, in der das Leben immer mehr zur Hölle wurde und die man schließlich verlassen musste.
Wir möchten Ihnen zugleich die Möglichkeit geben, das heutige, aktuelle Berlin kennen zu lernen. Die Stadt hat ihr äußeres Gesicht verändert. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde unendlich viel gebaut. Die Wunden des Krieges sind an vielen Stellen verheilt, an anderen sieht man noch deutlich die Lücken und Freiflächen (…).
Berlin hat allerdings, und das ist mir besonders wichtig, im Laufe der Jahrzehnte nicht nur sein Äußeres verändert. Es ist auch das Klima, das sich verändert hat – und dabei meine ich nicht die Hitze, die uns in diesen Tagen so zu schaffen macht, sondern das Klima des Zusammenlebens, das kulturelle, geistige und politische Klima in der Stadt.
Berlin ist heute eine weltoffene Stadt, in der Menschen aus über 180 Ländern der Welt leben. Berlin ist eine Stadt, die sich sehr mit der Frage auseinandergesetzt hat, wie es zu den schrecklichen NS-Verbrechen kommen konnte und wie es dazu kommen konnte, dass so viele Menschen geschwiegen haben oder sich sogar an den Verbrechen beteiligten. In Berlin gibt es eine Kultur des Erinnerns, und wir begreifen es als eine unserer wichtigsten Aufgaben, die Erinnerung von Generation zu Generation weiterzugeben. Nur so wird nie wieder jemand sagen können, er hätte von allem nichts gewusst.
Berlin ist heute eine Stadt, in der es eine große Vielfalt an Religionen gibt, in der nach der Shoah und trotz des unendlichen Leides, das Juden in Berlin widerfahren ist, wieder eine Jüdische Gemeinde entstanden ist, die wächst und gedeiht und heute wieder fester Bestandteil des öffentlichen Lebens in Berlin ist. Es ist immer noch wie ein Wunder, dass dies nach dieser Geschichte möglich ist.
Verehrte Berlinerinnen und Berliner aus aller Welt, ich selbst lebe erst seit wenigen Jahren in Berlin, aber Sie werden gemerkt haben: Ich bin eine begeisterte Berlinerin geworden, die sich zugleich sehr bewusst ist, was für ein Leid diese Stadt und dieses Land noch vor einem guten halben Jahrhundert für viele Menschen bedeutet hat. Wenn man aber die Entwicklung Berlins betrachtet – zunächst nach dem Krieg als geteilte Stadt, dann seit dem Fall der Mauer als eine wieder vereinigte Stadt – dann können Sie vielleicht verstehen, dass man schon auch ein Stück Begeisterung entwickeln kann. Mein Wunsch ist, dass dieser Funke der Begeisterung auf den einen oder anderen von Ihnen überspringt.
In den nächsten Tagen werden Sie noch so manches sehen und erleben in Berlin – das möchte ich jetzt nicht alles durch Erzählungen vorwegnehmen. Verschaffen Sie sich Ihren eigenen Eindruck!
Ich freue mich jedenfalls sehr, dass Sie hier sind und darf Sie noch einmal herzlich willkommen heißen in Berlin. Ich wünsche Ihnen viele interessante Entdeckungen in unserer Stadt und einen angenehmen Aufenthalt.”
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