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WOWEREITS REDE ZUR ERÖFFNUNG DES ERSTEN BERLINER STIFTUNGSTAGES IM ROTEN RATHAUS

Pressemitteilung vom 12.09.2003

Sperrfrist: heute 17.30 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort

Das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin teilt mit:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hält anlässlich der Eröffnung des 1. Berliner Stiftungstages am heutigen Freitag im Roten Rathaus folgende Rede:

„Berlin ist eine Stadt im Aufbruch. Zu den wichtigsten Signalen dieses Aufbruchs gehört, dass sich Berlins Bürger verstärkt für ihr Gemeinwesen engagieren. Dafür gibt es deutliche Anzeichen. Eines der wichtigsten ist der starke Zuwachs bei den Stiftungen in der Stadt. Ihre Zahl hat sich in den letzten drei Jahren um 30 Prozent auf rund 450 Stiftungen erhöht.

Und trotz der bekannt ungünstigen wirtschaftlichen Bedingungen sind auch in diesem Jahr zahlreiche neue Stiftungen in Berlin gegründet worden und werden noch gegründet. Zum Beispiel die Pontanova-Stiftung, die den Kulturaustausch mit unseren osteuropäischen Nachbarstaaten unterstützt. Oder die Johann- Asinger-Stiftung, die sich für psychisch kranke Menschen einsetzt.

Das ist ein Ergebnis, auf das diese Stadt stolz sein kann. Und ich als Regierender Bürgermeister bin stolz auf Berlins Bürger, die sich in dieser Weise um unser Gemeinwohl verdient machen.

Denn stiften bedeutet mehr als spenden. Stiften heißt: sich dauerhaft für sein Gemeinwesen engagieren. Stiften heißt: Vertrauen fassen in die Zukunft der Stadt.

Diese Entwicklung ist auch deshalb so positiv, weil man daran erkennt, dass sich ein Mentalitätswechsel vollzieht. Beim Thema bürgerschaftliches Engagement hinkt Berlin hinterher. Das hat historische Gründe: Berlin musste als Folge von Nazi-Herrschaft und Krieg einen enormen Aderlass vor allem beim jüdischen Großbürgertum hinnehmen – und hat sich davon nicht erholt. Es fehlte an Antreibern und Gestaltern außerhalb der Politik. Im Gegenzug zog die Politik dank reich fließender Subventionen vieles an sich, was nicht zwangsläufig in ihren Zuständigkeitsbereich gehörte.

Das ist Berlin nicht bekommen: Wir haben eine Anspruchsmentalität genährt, und die können wir nur schwer wieder zurückfahren. Wir tun es trotzdem. Wir müssen es tun, weil wir nicht so weitermachen konnten wie bisher.

Wir sind dabei, die Stadt neu aufzustellen. Und die überaus positive Entwicklung im Stiftungswesen zeigt: Viele Berlinerinnen und Berliner ziehen mit und schauen voll Zuversicht in die Zukunft. Sie engagieren sich in und für Berlin. Und sie geben damit ein Beispiel, dass sich etwas tut in unserer Stadt, dass der Mentalitätswechsel weiter vorankommt. Und dass sich in unserer Stadt eine ‚Kultur des Anpackens‘ durchsetzt.

Diese positiven Signale müssen wir weiter fördern. Das bedeutet auch, dass wir dem Staat eine neue Rolle zuweisen müssen. Wir brauchen keinen Staat mehr, der alles regelt. Das soll nun nicht heißen, dass wir Politiker uns gemütlich zurücklehnen nach dem Motto: Die Bürger werden es schon richten. Im Gegenteil: Wir brauchen einen Staat, der Ansprechpartner für die Bürger ist, sie ermutigt und berät. Wir brauchen einen Staat, der Kompetenzen bündelt, Konflikte löst und Lösungen vorbereitet. Der Staat soll nicht Hemmnis sein, sondern Katalysator.

Dafür wollen wir mit dem 3. Berliner Freiwilligentag, der morgen stattfindet, und heute mit dem 1. Berliner Stiftungstag ein Zeichen setzen. Wir wollen anstiften zum Stiften. Wir wollen einen Anstoß geben und hoffen, dass der Ball aufgenommen wird. Um im Bild des Fußballs zu bleiben: Tore müssen die Stiftungen schon selbst schießen. Wir stellen das ‚Stadion‘ . Sie, meine Damen und Herren, müssen es bespielen.

Damit wollen wir auch deutlich machen, dass sich Staat und Bürger auf einer neuen Geschäftsgrundlage begegnen sollen, nämlich als gleichberechtigte Partner, sozusagen auf Augenhöhe.

Wir brauchen in Berlin beides: eine aktive Bürgerschaft und einen kooperativen Staat. Beide übernehmen gemeinsam und partnerschaftlich Verantwortung für unsere Stadt.

Der Staat ist hier im Soll. Unsere Verwaltung braucht klare, transparente Strukturen, weniger Bürokratie und Kompetenzgerangel. Das bedeutet ein schönes Stück Arbeit. Aber wir sind fest entschlossen, diese Aufgabe anzupacken. Und wir haben damit schon begonnen. Es kann ja nicht angehen, dass wir heute Stifter ermutigen, morgen den Freiwilligen auf die Schulter klopfen, und danach fällt alles in den alten Trott zurück.

Wir wollen bürgerschaftliches Engagement dauerhaft fördern. Das bedeutet: kein Geld, aber Offenheit, Ermutigung, Hilfestellung durch den Staat. So stelle ich mir eine Kultur der Anerkennung bürgerschaftlichen Engagements vor.

Der Empfang für Stifter des vergangenen Jahres, der heutige Stiftertag und der morgige Berliner Freiwilligentag sind erste Schritte auf diesem Weg. Weitere Schritte müssen und werden folgen.

Einen weiteren Schritt für das nächste Jahr kündige ich heute an: Ich werde den Chef der Senatskanzlei zum Beauftragten für bürgerschaftliches Engagement ernennen und ihm

einen kleinen Stab zuordnen, der sich um Förderung, Koordinierung und Bündelung bürgerschaftlicher Aktivitäten in Berlin kümmert. Dazu zählen auch Hilfestellungen, wenn das Engagement aktiver Bürger durch administrative Hemmnisse gebremst wird. Wenn wir heute den 1. Berliner Stiftungstag eröffnen, dann ist dies ein Zeichen für eine neue Verantwortungsgemeinschaft in der Stadt. Gemeinsam haben wir – Land und Stiftungen – den Tag organisiert. Und gemeinsam sollten wir am Wohl der Stadt arbeiten.

Ich danke allen, die dieses Projekt möglich gemacht haben. Mein besonderer Dank geht an den Bundesverband Deutscher Stiftungen, Partner für Berlin und jene, die bei der Finanzierung halfen. Ich danke auch den Rednern des heutigen Abends: Frau Bundestagsvizepräsidentin Dr. Vollmer, Herrn Professor Dr. Kocka und Herrn Dr. Bopp.“

Informationen über den Stiftungstag sind abrufbar unter:
www.berlin.de/berliner-Stiftungstag

Weitere Informationen über Stiftungstage und lokale Netzwerke unter:
www.stiftungstage.de – - – - -

Rückfragen:
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