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REDE DER BÜRGERMEISTERIN VON BERLIN UND SENATORIN FÜR JUSTIZ, KARIN SCHUBERT, ANLÄSSLICH DES 50. JAHRESTAGES DER EINWEIHUNG DES NOTAUFNAHMELAGERS MARIENFELDE

Pressemitteilung vom 14.04.2003

Das Büro der Bürgermeisterin von Berlin teilt mit:

Es gilt das gesprochene Wort!

„Im Namen des Senats von Berlin begrüße ich Sie herzlich hier an einem wichtigen Ort der Berliner Nachkriegsgeschichte. Für über eine Million Menschen ist Marienfelde das Synonym für ihren ersten Schritt in den Westen. Mit diesem Ort verbinden sich schmerzhafte Erinnerungen, Erinnerungen an Abschied von Verwandten und Freunden, an den Verlust des gewohnten heimatlichen Umfeldes, aber auch an einen Neuanfang und an Hoffnungen auf ein besseres Leben, frei von materiellen Sorgen, frei aber auch von Repression und Verfolgung.

Vor 50 Jahren fand die Eröffnung des Notaufnahmelagers durch den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuß statt und
14 Jahre sind seit der Öffnung der Berliner Mauer vergangen.

Welchen bleibenden Sinn hat da die Erinnerung an das Notaufnahmelager hier in Marienfelde – heute, da sich von den heutigen Schülerinnen und Schülern allenfalls die älteren unter ihnen überhaupt noch aus eigenem Erleben an Mauer und Teilung erinnern können.

Ich denke im Wesentlichen an drei Aspekte.

Erstens war Marienfelde der Ort der ersten, schnellen Hilfe. Hier kümmerte man sich um die ankommenden Flüchtlinge, sorgte für Nahrung, Kleidung und Unterkunft. Hier gab es Menschen, die ein offenes Ohr für diejenigen hatten, die gerade ihre angestammte Heimat aufgegeben und sich auf einen Weg ins Ungewisse gemacht haben. Mit Marienfelde verbinden sich zahllose persönliche Erinnerungen an Abschied und Neubeginn, aber auch an viel Ungewissheit und Unklarheit, wie es nun weitergehen würde.

Marienfelde mahnt uns, in jedem Flüchtling zuerst den Menschen mit seinem individuellen Schicksal zu sehen und die vielen persönlichen Erinnerungen, die nun gerade in diesen Tagen durch viele Gespräche und Recherchen ans Licht kommen, zeigen uns: Niemals verlassen Menschen freiwillig ihre Heimat. Das ist die menschliche, die humanitäre Dimension von Marienfelde und nicht nur von Marienfelde. Es ist die konkrete, menschliche Dimension der deutschen Teilung, der Blockkonfrontation und des Kalten Krieges.

Ich denke zweitens an die zeitgeschichtliche Dimension. Marienfelde war ein wichtiger Seismograph für die politische und soziale Situation in der DDR. Der heutige Tag ist eine Gelegenheit, sich zurückzuversetzen in das Jahr 1953 – das Jahr des Volksaufstandes vom 17. Juni und das Jahr, in dem die Zahl der Flüchtlinge, die es in den Westen drängte, mit knapp 306.000 Übersiedlern ihren Höchststand erreichte.

Ich glaube, es ist eine riesige Chance für die Erinnerungsstätte, gerade in diesem Jahr, sowohl mit ehemaligen Flüchtlingen Kontakt aufzunehmen, als auch mit jungen Menschen, mit Schülerinnen und Schülern, und sie miteinander ins Gespräch zu bringen. Im Zusammenhang mit dem Jahrestag wurden bereits erhebliche Recherchen betrieben, der Verein Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde e.V. hat ein Projekt ‚Zeitzeugen berichten’ gestartet und ich kann nur allen Schulen empfehlen, diesen authentischen Ort zu besuchen, um etwas über ein wichtiges Kapitel der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte zu lernen.

Ich glaube drittens, dass die Erinnerung an das Notaufnahmelager einen politischen Sinn hat und durchaus auch in die Zukunft weist. Denn: Migration und Flucht sind Begleiterscheinungen der Globalisierung, denen sich niemand entziehen kann. Sicherlich: Heute fliehen Menschen mit höchst unterschiedlichen kulturellen und sozialen Hintergründen aus allen Teilen der Welt, um hier ein besseres Leben führen zu können. Wo könnte man aber besser besichtigen, wie es gelingen kann, einer großen Zahl von Flüchtlingen bei den ersten Schritten zu helfen, ihnen den Boden für einen Neuanfang zu bereiten und sie in einem neuen Umfeld zu integrieren, als in einer Einrichtung wie Marienfelde. Und ich füge hinzu: Marienfelde ist ja auch heute noch auf diesem Feld tätig, als Zentrale Aufnahmestelle des Landes Berlin für Aussiedler, die überwiegend aus Russland und den anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu uns kommen. Die Fluchtursachen und die Herkunft der Flüchtlinge mögen sich verändert haben, die sozialen und humanitären Aufgaben bleiben und stellen sich täglich neu.

Ich möchte heute allen danken, die dazu beigetragen haben, diesen wichtigen Ort der Erinnerung für die Berlinerinnen und Berliner, aber auch für die vielen Gäste der Stadt zu erhalten, ihn als Begegnungsstätte für Zeitzeugen und heutige Interessierte lebendig zu gestalten.

Marienfelde ist ein gesamtdeutscher Gedenkort. Es ist gut, dass heute, 50 Jahre nach Gründung des Notaufnahmelagers, an dieses wichtige Kapitel der deutschen und ganz besonders der Berliner Zeitgeschichte gebührend erinnert wird.“

Rückfragen:
Andrea Boehnke
Telefon: 9013-3633
E-Mail: pressestelle@senjust.verwalt-berlin.de