SOZIALSENATORIN LEGT ERSTEN BERLINER ARMUTSBERICHT VOR - DOKUMENTATION SOZIALER UNGLEICHHEITEN IN DER STADT

Pressemitteilung vom 24.07.2002

Die Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz teilt mit:

12,8 % der Berliner Bevölkerung gelten nach den Definitionen der OECD und der EU als arm. Zu diesem Ergebnis kommt der erste Berliner Armutsbericht, der heute von der Senatorin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz Dr. Heidi Knake-Werner der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.
Damit sind in Berlin über 435.000 Menschen von Armut betroffen. Das ist jeder achte Berliner. In den östlichen Bezirken ist der Anteil der von Armut Betroffenen mit 10,6 % um rund ein Viertel geringer als in den westlichen Bezirken mit 14,2 %.
Der Bericht belegt darüber hinaus das regional unterschiedliche Ausmaß der Armut in den Berliner Bezirken sowie die erhöhten Armutsrisiken besonders betroffener Personengruppen. Armut hängt eng zusammen mit Arbeitslosigkeit, der Anzahl der Kinder und dem Bildungsstand. Zudem sind alleinerziehende Frauen sowie Migrantinnen und Migranten einer größeren Gefahr von Verarmung ausgesetzt.
Die Senatorin für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz Dr. Heidi
Knake-Werner betont: „Seit längerem wird in Politik, Wissenschaft und von Verbänden eine systematisch angelegte und fachlich fundierte Berichterstattung über Armut und Unterversorgung gefordert. Dem kommen wir mit dem jetzt erstmals für Berlin erstellten Bericht nach, der unsere bisherige Sozialberichterstattung vervollständigt. Wir wollen damit zugleich in Berlin eine Debatte einleiten, wie die Analyse von Armut und sozialer Ungleichheit weiter vertieft und verbreitert werden kann.“ Dass in Berlin die Thematik nicht schon früher aufgegriffen wurde, hat nach Ansicht der Senatorin mit Schwierigkeiten zu tun, die Tatsache von wachsender Armut in einem reichen Land anzuerkennen.
Senatorin Dr. Knake-Werner erklärt: „Die vorliegenden konkreten Ergebnisse benennen viele gravierende Probleme. Sie bieten damit eine wichtige Grundlage für eine Politik, die darauf gerichtet sein muss, die weitere Verarmung von Teilen der Berliner Bevölkerung aufzuhalten und so eine soziale Spaltung der Stadt zu verhindern. Dazu brauchen wir vor allem ein Zusammenwirken unterschiedlicher Politikbereiche, angefangen bei der Schaffung wettbewerbsfähiger Arbeitsplätze, der Verbesserung der allgemeinen und beruflichen Bildung und einer Familienpolitik, die Beruf und Kinderbetreuung besser in Einklang bringt. Dies ist ein ganz entscheidendes Handlungsfeld zur Bekämpfung von Armut, denn Kinder sind inzwischen in unserer wohlhabenden Gesellschaft zum Armutsrisiko Nr. 1 geworden.
Um die Gefahr, in Armut abzugleiten, gerade bei Familien mit Kindern zu minimieren, brauchen wir Rahmenbedingungen zur besseren Vereinbarkeit von Elternschaft und Erwerbstätigkeit. Hierzu gehören vor allem mehr Einrichtungen zur Ganztagsbetreuung von Kindern. Ebenso müssen Teilzeitarbeitsverhältnisse künftig besser rechtlich und sozial abgesichert werden. Diese Maßnahmen würden auch entscheidend dazu beitragen, vielen allein Erziehenden eine Erwerbstätigkeit zu ermöglichen und damit ihre oftmals schwierige finanzielle und soziale Situation zu verbessern.
Allein die Verbesserung der Einkommenssituation durch Transferzahlungen nützt den von Armut betroffenen Menschen nur scheinbar und nicht nachhaltig. Was wir brauchen, sind Hilfen und Angebote, die den Betroffenen Möglichkeiten eröffnen, für ihren Lebensunterhalt selbst zu sorgen und sie so von staatlichen Leistungen unabhängig zu machen, anstatt Abhängigkeiten immer weiter zu verstetigen. Da in Berlin die Arbeitslosigkeit immer noch sehr hoch ist und das Arbeitsplatzangebot unzureichend, ist auch eine aktive Arbeitsmarktpolitik nach wie vor nötig. Darüber hinaus bleibt die Schaffung von 6.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen für Sozialhilfeempfängerinnen und Sozialhilfeempfänger pro Jahr unser ehrgeiziges Vorhaben, das wir nur mit personalintensiver Beratung und Begleitung erreichen können.
Der sicherste Schutz vor Verarmung ist eine gute schulische und berufliche Bildung. Eine Anhebung des Bildungs- und Qualifikationsniveaus gerade der Migrantinnen und Migranten in Berlin ist deshalb auch die Grundvoraussetzung dafür, die soziale Situation vieler ausländischer in Berlin lebender Familien zu verbessern. Ohne die Erhöhung der Sprachfähigkeit vieler jugendlicher Berlinerinnen und Berliner ausländischer Herkunft wird ihre berufliche Integration nicht gelingen können. Damit bleiben sie dauerhaft der Gefahr von Verarmung ausgesetzt.
Wir müssen allen in unserer Stadt aufwachsenden Kindern und Jugendlichen Chancen für eine gute schulische und berufliche Ausbildung bieten, damit sie sicheren Lebensperspektiven entgegensehen.
Die von der Sozialverwaltung zusammengestellten Daten unterstreichen die Notwendigkeit, die Verteilung der Einkommen und die unterschiedlichen Lebensqualitäten auch in Zukunft zu analysieren und daraus Schlussfolgerungen für die Gesellschaftspolitik zu formulieren,“ so Senatorin Dr. Heidi Knake-Werner.

Der Bericht steht im Internet unter:

http://www.berlin.de/sengessozv/soziales/armutsbericht.html

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